Titelstory: Brian Johnson – It’s A Long Way To The Top

Nach der Diagnose „Gehörprobleme” flog er bei AC/DC raus, doch der einstige Frontmann Brian Johnson hat das würdevolle Schweigen bewahrt, das man vom bodenständigsten Rockgott unserer Zeit erwartet. Wir blicken zurück auf Beanos Karriere, von seinem Leben als notorisch klammer Spengler über die Zeit, in der er in die übergroßen Fußstapfen von Bon Scott trat. Und erfahren, wie es weitergeht.

Ian Jeffery war besorgt. Der für gewöhnlich unerschütterliche Tourmanager von AC/DC hatte nach Bon Scotts tragischem Tod die Aufgabe übernommen, das Vorsingen für einen neuen Frontmann zu or­­ganisieren. Mit wachsender Beunruhigung stellte er fest, dass Malcolm und Angus Young immer frustrierter wurden, nachdem ein hoffnungsfroher Sänger nach dem anderen die Vanilla Studios in London verlassen hatte, ohne bleibenden Eindruck bei ihnen zu hinterlassen. Gary Holton, Frontmann der Heavy Metal Kids, Terry Slesser, Sänger bei Back Street Crawler, und Gary Pickford-Hopkins, ein einstiger Weggefährte von Rick Wakeman, galten als vielversprechende Optionen, doch in dem spartanischen Aufnahmeraum in Pimlico, wo The Clash im Jahr zuvor LONDON CALLING geschrieben hatten, wurden ihre Schwächen schnell offensichtlich.

Dass es nicht leicht sein würde, den überaus charismatischen, frech-selbstbewussten Bon Scott zu ersetzen, war von Anfang an klar. Doch mit jedem Namen, der von der Kandidatenliste gestrichen wurde, die Manager Peter Mensch aufgestellt hatte, fragte sich Jeffery immer mehr, ob die Young-Brüder wirklich mit Herz und Verstand bei der Sache waren – was man ihnen nicht hätte verübeln können, schließlich hatten sie ihren gefallenen Freund erst drei Wochen zuvor in Fremantle zu Grabe getragen. Dass der nächste potenzielle Frontmann sich scheinbar nicht mal die Mühe gemacht hatte, zum vereinbarten Termin aufzutauchen, machte die Sache nicht einfacher.

Ein paar Roadies der Band spielten im Freizeitraum des Vanilla Studios mit einem Fremden Billard, als Jeffery hereinkam. „Wie läuft es denn so?“, fragte einer von ihnen. „Wir warten immer noch auf diesen Typen namens Brian“, entgegnete Jeffery. „Bri­an?“, fragte der Fremde mit starkem Newcastle-Akzent. „Ich bin fucking Brian!“

Fairerweise muss man sagen, dass schon einige Jahre verstrichen waren, seit irgendjemand Brian Johnson beachtet hatte. Der 32-jährige Autospengler und einstige Fallschirmjäger aus Gateshead hatte Anfang der 70er ein paar Minuten im Rampenlicht genossen, als seine Glamrockband Geordie ein paar mal die Charts erreicht hatte. Doch Anfang der 80er verblieb der Frontmann als einziges Gründungsmitglied, das durch die Arbeiterkneipen im Nordosten Englands tingelte. Wie er selbst mit schonungsloser Ehrlichkeit zugab, war „mein Verfallsdatum abgelaufen“.

Aber immerhin würde der Versuch, in der Hauptstadt bei einer Band einzusteigen, die auf den Titelseiten von „Sounds“ oder „Melody Maker“ zu sehen war, eine gute Geschichte für die Jungs zuhause abgeben. „Ich dachte: Es kann doch nichts schaden, wenn ich ein paar Songs mit ihnen singe“, erinnerte er sich später.

Johnson war am 20. Februar 1980 gerade auf dem Weg zur Arbeit in der Autowerkstatt Top Match, als er in der Zeitung las, dass Bon Scott tags zuvor gestorben war. 1973 hatte er ein bisschen Zeit mit dem sympathisch-durchgeknallten Australier verbracht, als dessen damalige Band Fang bei zwei Shows in Plymouth und Torquay für Geordie eröffnete. Seitdem hatte er dessen Laufbahn mit einiger Bewunderung verfolgt und war „angewidert“, dass der Tod seines einstigen Kumpels der Zeitung an jenem Wintermorgen nur „ein paar beschissene Zeilen“ wert war.

Oben bei Vanilla sprach er Scotts Bandkollegen sein Beileid aus und er­­hielt im Gegenzug eine Flasche Newcastle Brown Ale von Malcolm Young. Als er sich zwei Songs aussuchen durfte, die er mit der Band zum Besten geben würde, fiel seine Wahl auf ›Nutbush City Limits‹ von Ike & Tina Turner sowie ›Whole Lotta Rosie‹, beides Standards aus der Setlist von Geordie bei ihren Clubtourneen. 15 Minuten später stand er wieder auf der Straße und hatte nichts vom wohlwollenden Nicken und Lächeln zwischen den Youngs, Bassist Cliff Williams und Schlagzeuger Phil Rudd mitbekommen. Doch er war mit seiner Darbietung zufrieden gewesen. „Ich schwor mir, mich nie wieder vom Rock‘n‘Roll-Virus infizieren zu lassen“, gab er später zu Protokoll. „Doch diese Jungs bewegten mich zutiefst. Ich hatte Gänsehaut wie nie zuvor.