Titelstory (Teil 2): Black Star Riders – Transformers

BlackStarRiders2013aThin Lizzy sind Geschichte, lang leben die Black Star Riders: Scott Gorham und Ricky Warwick über ein Erbe, das verpflichtet. Und wie es trotz neuen Namens in Ehren gehalten wird.

Um die Weihnachtszeit 1985 kam es im englischen Salisbury zu einer Begegnung von gewisser rockhistorischer Bedeutung: Scott Gorham, Gitarrist der zwei Jahre zuvor aufgelösten Band Thin Lizzy, besuchte deren inzwischen auf Solo-Pfaden wandelnden Gründer und Frontmann Phil Lynott, um auszuloten, wie ernst der es mit seinem etwas überraschenden Plan für einen Neustart meint: „Phil stand da in einem Bademantel, in Hausschuhen und mit völlig zerzausten Haaren. Er hatte einen wirren Blick und sah wirklich übel aus. Man konnte sofort erkennen, dass es ziemlich schlecht um ihn stand.“

Wie schlecht, wurde knapp zwei Wochen später deutlich. Am 4. Januar 1986 erhielt Scott Gorham die telefonische Nachricht, dass Phil Lynott im Krankenhaus einem Herzversagen erlegen war. Ein menschliches Drama und vermutlich das Aus einer Band, die seit den 70er-Jahren zur Prominenz der Rock-Szene zählte. An Beispielen von Formationen, die mit ihren Frontfiguren standen und fielen, herrscht ja kein Mangel. Das war bei den Doors und Jim Morrison so und bei Queen mit Freddy Mercury nicht anders. Was blieb von Grateful Dead nach dem Tod von Jerry Garcia? Und man stelle sich nur mal die Rolling Stones ohne Mick Jagger vor… rein theoretisch.

Auch die Gruppe Thin Lizzy stürzte dieser Tod in besagtes Dilemma. Denn bei ihr war Phil Lynott – bei allem Respekt vor dem Rest der Band – die alles überstrahlende Figur. Der Sohn einer irischen Mutter und eines Vaters aus dem südamerikanischen Guyana ragte mit seiner üppigen Jimi-Hendrix-Matte nicht nur optisch heraus. Er war der Bassist und Shouter, der jederzeit eine Hookline mit Chart-Appeal schreiben konnte. Er ertränkte seine Zerrissenheit, woher sie auch immer kam, in einem bluesgefärbten Cocktail aus Hardrock, Pop und Folk-Sounds nach eigener Mixtur. Und er besaß diese geheimnisvolle Zerbrechlichkeit, die seinen Interviews und selbst den wütendsten Texten über die Enttäuschungen von Liebe, Leben und Gesellschaft eine so schöne, melancholische Krone aufsetzen konnten. Er war der klassische und ewig unverstandene Rock’n’Roller.

Was also tun, wenn einem solch eine Galionsfigur abhanden kommt? Bei jedem neuen Album, jedem Live-Konzert und jedem alten Song schwingen für Musiker und Fans von nun an auch schmerzliche Erinnerungen mit. Die Lösung des Problems sollte für Scott Gorham, der in dieser Band seine künstlerische Bestimmung gefunden hatte, so etwas wie eine Lebensaufgabe werden. Ein Werk, in dem er jetzt ein neues Kapitel aufschlägt: Die Black Star Riders, eine Formation die neu ist, aber auf ganz gewisse Weise noch immer Phil Lynotts Einfluss atmet. Die eigenständig sein will, sich aber auf Konzertpostern ganz in „Prince-Manier“ als „the band formerly known as Thin Lizzy“ verkauft. Die laut Gorham so klingt, „wie Thin Lizzy heute klingen würden.“ Obwohl nur noch er selbst aus den alten Erfolgszeiten übrig ist. Es herrscht also Aufklärungsbedarf.

Die liefert Scott Gorham mit neuer, richtig jugendlicher Begeisterung natürlich gerne und begibt sich dafür weit zurück zu den Wurzeln: „Durch Phils Tod fühlte sich das alles auf einen Schlag so unvollendet an“, erzählt der Gitarrist. „Wir waren doch noch so voller Ideen. Thin Lizzy hatte schon so viele Leute erreicht. Durch Phils Tod bekamen wir nun plötzlich nicht mehr die Chance herauszufinden, ob es noch einmal funktionieren würde. Es wirkte wie ein Stillstand mitten in einem Prozess.“

Dieses Gefühl der Unfertigkeit sollte Scott Gorham in Zukunft nicht mehr zur Ruhe kommen lassen. Der Kalifornier war ja ursprünglich nach England gespült worden, weil er davon hörte, dass die Gruppe Supertramp einen Gitarristen suchte. „Ein Gitarrengrab“, wie er es heute lachend nennt, denn bei Supertramp-Patriarch Roger Hodgson mussten sich die Saiteninstrumente dem Gesamtklang unterordnen und wenn überhaupt, dann spielte der Chef die wichtigen Parts ohnehin selber. Entsprechend durfte Scott auf dem 1974er-Album CRIME OF THE CENTURY auch nur bei einem einzigen Track mitmischen, an den er sich übrigens heute, wie er behauptet, „nicht ein mal mehr erinnern kann“.

Erst als ihn also der Ruf von Thin Lizzy ereilte, bei denen Gary Moore im selben Jahr ausgestiegen war, konnte Gorham sein wahres Können zeigen. Und wie: Zusammen mit Brian Robertson drückte er der Band gleich das neue, härtere und stilbestimmende Markenzeichen mit den zwei Leadgitarren auf. Vor diesem Background flossen Lynott nun zukünftige Klassiker wie ›The Boys Are Back In Town‹, ›Jailbreak‹, ›Do Anything You Want To‹ und ›Sarah‹ umso leichter aus der Feder. Mit dem zunehmend härteren Sound schrieben Thin Lizzy ihre Erfolgsstory, die etwas unerwartet mit dem Welthit ›Whiskey In The Jar‹ im Jahre 1972 begonnen hatte, nun nahtlos weiter.

Zwar wurde Scott Gorham dabei auch in Sachen Drogen und Alkohol Lynotts gleichwertiger Partner. Trotzdem entwickelte er sich in der stets wechselvollen Geschichte der Band zu einer treibenden Kraft und ihrer zuverlässigsten Konstante: Der flatterhafte Robertson stieg aus und wieder ein, bis er dann endgültig geschasst wurde. Drummer und Mitbegründer Brian Downey zwang eine labile Gesundheit immer wieder zu Pausen. Sogar Gary Moore, Lynotts alter Kumpel aus frühester Zeit mit der Gruppe Skid Row, sprang nochmals in die Bresche. Ganz zu schweigen von jeder Menge Wechselspielchen mit Midge Ure, Mark Nauseef, Dave Flett, Snowy White und John Sykes – um nur einige zu nennen. Wer immer blieb, war der gute alte Scott Gorham. Er überdauerte sie alle und stand jetzt dennoch, nach dem tragischsten aller denkbaren Verluste, vor einem ziemlichen Trümmerhaufen.

So begann er zunächst, den Nachlass wie ein Chronist zu verwalten, indem er über viele Jahre hinweg, in ständig wechselnden Thin-Lizzy-Besetzungen, sporadische Einzelkonzerte und Festivalauftritte spielte. Parallel dazu versuchte Gorham sogar mit Freund und Autor Harry Doherty, sich in dem Buch „The Boys Are Back In Town“ die Bandgeschichte von der Seele zu schreiben. „Doch all das machte mich nicht wirklich zufrieden,“ so der Künstler, der es mit seinem sonnigen, kalifornischen Wesen auch noch im fortgeschrittenen Rock’n’Roller-Alter schafft, im klassischen „Mucker-Look“ mit langen Haaren, Sonnenbrille und Lederjacke nicht wirklich peinlich auszusehen.

Scott Gorham wirkt irgendwie zeitlos, scheint den Spagat vom Analogzeitalter zum iPhone mühelos geschafft zu haben. Und gerade deshalb wollte er es vor rund drei Jahren noch mal richtig wissen: „Ich war plötzlich wie besessen davon, meine alte Band noch einmal auferstehen zu lassen.“ Für diesen letzten Versuch zog es ihn, inzwischen längst in London lebend, wie magisch zurück auf die Irische Insel. Hier hatte ja alles begonnen, hier hatten sich Phil Lynott, Brian Downey und Gitarrist Eric Bell einst aus den Städten Belfast und Dublin zu der Band Thin Lizzy zusammengeschlossen. Hier hatten sie sich auch ihren lustigen Bandnamen – den eines weiblichen Roboters – aus einem Comic-Heft gefiltert.

„Für mich war klar, dass ich mir diesen Traum mit einem möglichst originalgetreuen Line-up erfüllen musste“, so Scott Gorham. „Deshalb lag für mich der Schlüssel bei Brian Downey.“

Drummer Downey, der in Dublin lebte, hatte ewig nicht mehr gespielt. Gorham befürchtete, dass er sich den Stress im Studio und auf Tour vielleicht nicht mehr antun würde und war ziemlich nervös, als sie sich in einem Dubliner Restaurant trafen. Doch zu seiner Überraschung schien es so, als habe der alte Kumpel nur auf diesen Vorschlag gewartet. Er schlug sofort ein, ebenso wie Darren Wharton, mit dem Gorham dann nicht einmal mehr essen gehen musste. Der frühere Thin-Lizzy-Keyboarder, mit Dare auch seit Ewigkeiten in ein eigenes Langzeitprojekt involviert, sagte telefonisch zu. Und da es schon so gut lief, war es ein Klacks, auch den langjährigen Bassisten Michael Mendoza wieder zurückzuholen.

Fehlte noch die Besetzung des zweiten Gitarrenparts, für die Def-Leppard-Sänger Joe Elliott als Vermittler einsprang. Es habe sich herumgesprochen, so der Kollege, dass Thin Lizzy wieder auferstehen soll. Da seine eigene Band eine längere Pause einlege, habe ihn Vivian Campbell gebeten nachzufragen, ob er als zweiter Gitarrist infrage käme. Wer hätte das gedacht? Wie durch ein Wunder erfüllte sich plötzlich innerhalb von nur zehn Tagen, was Scott Gorham nun schon in jahrelanger Ziellosigkeit umgetrieben hatte: Thin Lizzy gab es wieder.
Fast jedenfalls. Denn da fehlte ja noch immer eine Kleinigkeit: Wer würde den neuen Phil Lynott geben? Den überzeugenden Mittelpunkt der Show, oder – um es mit Scott Gorhams eigenen Worten auszudrücken – „den Vulkan, den Hot Spot?“

Erneut stand der Musiker an dem Punkt, an dem sich bei Thin Lizzy die Geister scheiden. Und erneut meldete sich eine gute Fee, die wieder Joe Elliott hieß. Der Def-Leppard-Sänger, offenbar auch mit hellseherischen Fähigkeiten ausgestattet, erinnerte ihn an eine alte Session in seinem Studio: „Kennst du diesen Sänger noch, für dessen Soloalbum du mal bei mir ein paar Gitarrentracks eingespielt hast?“ Der Mann war Ricky Warwick, selbst ein bekannter Gitarrist, der seine Karriere bei der Gruppe New Model Army gestartet hatte und sich danach als Frontsänger bei The Almighty einen noch besseren Namen machte. Er sah gut aus und war, nicht zuletzt durch die inzwischen geschiedene Ehe mit der MTV-Moderatorin Vanessa Warwick, sogar der Klatschpresse kein Unbekannter. Vor allem aber war dieser Ricky Warwick ein begabter Songwriter und als gebürtiger Nordire bestens mit den speziellen Milieus und Folk-Spielarten vertraut, aus denen schon Lynott viele Inspirationen gesaugt hatte. Da hätte es seiner weiteren Referenzen, wie den Studiojobs für Def Leppard, die ganzen Gastauftritte bei Stiff Little Fingers, Sheryl Crowe und Bob Dylan oder seine Solo-Alben gar nicht mehr bedurft. Privat will Ricky, der schon in frühester Jugend mit den Eltern nach Schottland übersiedelte, sogar schon immer „auf Thin-Lizzy gestanden sein“. Schon am Telefon wurde die Sache besiegelt.

BlackStarRiders2013bDas Auftaktkonzert der reformierten Thin Lizzy ging – ein perfektes Datum – am 4. Januar 2011 über die Bühne, dem 25. Todestag von Phil Lynott. Es folgten weltweite Live-Konzerte, unter anderem als Vorgruppe der ebenfalls renovierten Kiss. Unterwegs begannen Warwick und Gorham mit den anderen schon an neuen Songs zu basteln. Denn es musste ja auch rasch ein neues Album her. Und dann kam der Tag, an dem Ricky Warwick, wie Lynott mit seinen „Cowboy“-Songs ein leidenschaftlicher Western-Fan, bei einem Zwischenstopp zuhause in sein Bücherregal griff: „Unsere ganze Band ist verrückt nach Western-Filmen“, so der Musiker. „Deshalb fanden wir es passend, uns wie eine Gang zu nennen, die im Stil der glorreichen Sieben in eine Western-Stadt geritten kommt“.

Also nahm Warwick, der sein drittes Solo-Album sinnigerweise BELFAST CONFETTI betitelt hatte, ein Verzeichnis mit den wichtigsten Westernfilmen zur Hand, schnitt sich einige wohlklingende Titel und Wortfetzen heraus und ließ sie wie Konfetti-Schnipsel zu Boden regnen. Denn bei einem ersten Brainstorming hatte sich der Bandname Star Riders herauskristallisiert. „Doch da schien mir“, so Ricky, „noch irgendein wichtiges Element zu fehlen. Also kam ich auf die Idee, über die Schnipsel einfach den Zufall zu Hilfe zu nehmen. Und als sich alle Papierfetzen auf dem Boden verteilten, lagen da plötzlich vor mir die Black Star Riders.“

Nanu, wie ist das zu verstehen? Sollte da plötzlich der Bandname geändert werden? Hatte sich Scott Gorham etwa jahrelang mit der Neugründung der Legende Thin Lizzy herumgeschlagen, die ersten Konzerte gespielt, die Neugier des Publikums geweckt, seinen Traum verwirklicht, einen Nachfolger für Phil Lynott engagiert, viele Fans zurückerobert, um seine Bemühungen in einer Weise ihres Wiedererkennungswertes zu berauben, die jedem Werbefachmann die Haare zu Berge stehen lassen würde? Was also hatte diese absolut merkwürdige Aktion zu bedeuten?

„Wir brauchten einen Cut“, sagt Scott Gorham, darin waren wir uns alle einig. „Denn als wir anfingen, an einem neuen Album zu arbeiten, waren wir zwar zunächst noch Thin Lizzy. Doch neues Personal bedeutet auch sofort einen veränderten Sound“. Erneut hatte sich das Personalkarussell gedreht, weil Brian Downey und Darren Wharton plötzlich nicht mehr wollten. „Es kam zur Trennung, allerdings ganz ohne Tränen, Streit oder Stampfen mit den Füßen“, beschreibt Scott Gorham die Vorgänge auf sehr entspannte Weise. Das, was in diesem Business allzu oft nach Knatsch um Rechte und Personalien riecht, klingt in seiner Schilderung wie die professionelle Scheidung einer Vernunftehe von durch und durch erwachsenen Menschen: „Wir hatten bereits in Hotelzimmern akustische Versionen unserer neuen Songs vorbereitet“, so Gorham. „Als wir dann mit konkreteren Demos begannen, wurde Brian wohl klar, dass das ein Neustart bedeuten würde, verbunden mit einem ganzen Haufen Arbeit. Da kommen jede Menge Studiotermine, Tournee-Stress und natürlich auch der ganze Presserummel auf einen zu. Und er war ja der Drummer, er hatte den körperlich anstrengendsten Job, musste pausenlos spielen. Ich glaube, darauf hatte Brian einfach keinen Bock mehr. Wir waren ja sowieso schon zweieinhalb Jahre auf Tournee und kaum zuhause. Das muss ihm dann irgednwann doch zu viel geworden sein. Im Grunde holte er jetzt mit Verzögerung nach, was ich damals schon bei unserem Essen in Dublin befürchtet hatte.“

Ebenso freundschaftlich soll auch die Trennung von Darren Wharton über die Bühne gegangen sein. Der kinobegeisterte Keyboarder trieb ohnehin gerade sehr intensiv sein eigenes Filmprojekt mit dem englischen Serien-Schauspieler Bruce Jones voran. Als er das neue Material erstmals hörte, musste er sich vorgekommen sein wie Gorham, als der einst bei Supertramp vorspielte: „Darren war sich mit uns völlig einig, dass das neue Material keine Tastensounds verträgt.“

Da waren es also nur noch drei und mit Gorham ohnehin nur einer, der überhaupt noch mit Phil Lynott gespielt hatte. Dass die alten Zeiten damit endgültig vorbei waren, lag jetzt eindeutig auf der Hand. Gitarrist Vivian Campbell, dessen Gastjahr beendet war, wurde zunächst von Richard Fortus und anschließend von Damon Johnson ersetzt. Ans Schlagzeug rückte der amerikanische Ex-Megadeth-Drummer Jimmy DeGrasso, wie Johnson auch ein ehemaliger Mitstreiter von Alice Cooper.

„Wir waren sofort ein perfektes Team, hatten jede Menge Spaß und Jimmy hatte die neuen Sachen mit seiner Routine schon nach zwei Tagen im Kasten,“ sagt Ricky Warwick. In dieser Besetzung wurden die zwölf Songs des neuen Albums ALL HELL BREAKS LOOSE mühelos in der Rekordzeit von nur zwölf Tagen komplett eingespielt. Auch auf Wunsch von Produzent Kevin Shirley, der richtig Tempo machte und sich von dieser Methode die volle Energieausbeute erhoffte. Der gebürtige Südafrikaner, durch seine Produktionen mit Iron Maiden, Aerosmith, Led Zeppelin und Journey sehr erfahren und angesehen, legte Wert darauf, dass im Studio in Los Angeles gefühlsechte Live-Atmosphäre herrschte: „Da gab’s kaum Overdubs oder langes Herumschrauben an irgendwelchen Klängen oder Effekten“, so Scott Gorham, „da hieß es: losrocken und die Takes müssen stehen.“

Erleichtert wurde der Band diese Tour-de-Force, indem sie von den Drumsticks bis zum kleinsten Effektpedal auf ihr originales Live-Equipment zurückgreifen konnte. Auch das trug zu diesem lebendigen Soundformat bei. „Außerdem waren die Arrangements bei Arbeitsantritt bereits zu 95 Prozent vorbereitet“, wie Warwick ausführt.
Dazu gehörte auch der Plan, dass ALL HELL BREAKS LOOSE ein reines Gitarren-Album werden sollte. Genauer gesagt, ein Album mit den typischen, harten Gibson-Klängen. „Die einzige Fender-Stratocaster-Gitarre“, so Scott Gorham, „ist auf dem Titel ›Blues Ain’t So Bad‹ zu hören“, einer Sympathieerklärung für die Welt der Außenseiter und Verlierer in Belfasts und Glasgows Straßen. „Den Song“, so der Gitarrist mit vielsagendem Schmunzeln, „kann man am besten zugedröhnt genießen.“

Der Text der Nummer stammt, wie alle auf dem Album, aus Ricky Warwicks Feder, der die Inhalte aber stets mit den anderen abstimmt. Und bei den Aufnahmen spielte er, im Gegensatz zu den Live-Performances, nicht Gitarre, um sich voll auf den Gesang zu konzentrieren. Es ist die wuchtige Stimme eines Hardrock-Shouters, auf den Phil Lynott einen prägenden Effekt ausgeübt hat: „Ich haben seinen Geist und seinen Gesang drei Jahre lang gelebt, geatmet und eingesaugt,“ so Warwick. „Er beeinflusste meinen Stil, mein Songwriting und die ganze Art, mich zu präsentieren.“

Doch der selbstbewusste Sänger tappte nie in die Falle, Lynott stimmlich zu kopieren oder ihn eins zu eins ersetzen zu wollen. Wenn die Roots des großen Gründers heute noch durchscheinen, dann in einem folkgeprägten Song wie ›Kingdom Of The Lost‹, in dem Ricky Warwick die gemeinsamen Heimatliebe zelebriert. „Ich bin wie Phil immer mit irischer Musik aufgewachsen und ich liebe sie. Zum Text des Songs inspirierte mich ein Freund, der einst nach Amerika ging, um sein Glück zu finden und alles verlor. Es ist, wenn du so willst, eine Metapher für das Schicksal der Iren, die in der Fremde vergeblich eine Zukunft suchen. Deshalb habe es das Königreich der Verlorenen genannt. Ein Königreich, das überall verstreut ist. Deshalb findest du heute auch in jeder Stadt dieser Welt einen irischen Pub.“

So zeigt sich auch immer wieder, dass unter der rauen, aber sehr freundlichen und stark tätowierten Schale des mittlerweile 47-Jährigen ständig eine sensible und gereifte Künstlerseele wirkt. In dem Song ›Hey Judas‹, zu dessen Titel ihn die alte Beatles-Nummer ›Hey Jude‹ inspiriert hat, sinniert Ricky Warwick zu schweren Gitarren über den Reiz des Bösen, wie er beispielsweise so oft in unglücklichen Liebesbeziehungen dominiert. Und obwohl er sich früher gelegentlich mit Amerika-kritischen Texten unbeliebt machte, ist Warwick inzwischen sogar nach Kalifornien gezogen, wo er jede freie Minute seiner Familie und der kleinen Tochter widmet: „Die Prioritäten ändern sich eben mit den Jahren“, so Ricky Warwick. „Früher wusste ich nicht mal genau, wo ich gerade spielte, heute schaue ich mir manchmal sogar die Sehenswürdigkeiten an. In meiner wilden Zeit wollte ich es nur krachen lassen und mit irgendwelchen Mädels und viel Whisky in irgendwelchen Clubs abhängen. Heute geht es mir nur noch darum, ein perfektes Konzert abzuliefern. Dann nehme ich das nächste Flugzeug nach Hause.“

Die Zeiten haben sich geändert. Und so gerne Scott Gorham auch in der Vergangenheit schwelgt, aufgrund der Ereignisse hält auch er den Zeitpunkt dieser Wende endgültig für gekommen. Zudem er, ähnlich wie Warwick, ohnehin nicht den Eindruck erweckt, als messe er Image- und Markenfragen die oberste Bedeutung bei. Die beiden Musiker scharren förmlich mit den Hufen: „Wir sind echte Road-Dogs, wir sind scharf auf Tour zu gehen, wir werden spielen, so lange uns die Leute hören wollen, und sei es bis in alle Ewigkeit.“ Uff, Ricky hat gesprochen. Hauptsache es geht wieder los, Hauptsache es wird wieder Bühnenluft geatmet, egal unter welchem Namen.

Mit der Gelassenheit des Rock’n’Rollers, der schon alles erlebt hat, kann Gorham sogar eingestehen, dass er von der Namensschöpfung Black Star Riders am schwersten zu überzeugen war. So könnte immerhin auch ein Country-Act heißen, was die Fans womöglich verwirren würde. Aber weil es für ihn offenbar wichtigeres gibt, hat er sich damit mittlerweile bestens arrangiert. Ebenso mit der Tatsache, dass Nuclear Blast, die neue deutsche Plattenfirma der Black Star Riders, mit dem Slogan „The World’s biggest Heavy-Metal-Label“ wirbt und bevorzugt Schwerstmetaller beschäftigt.

BlackStarRiders2013c„Ich habe mich, ehrlich gesagt, noch nie damit befasst, was der Unterschied zwischen Thrash Metal, Death Metal oder Super-Heavy Metal ist“, so Scott Gorham. „Wir gehören sowieso in keine dieser Metal-Kategorien. Wir spielen harten Rock und haben bei dem Label unterschrieben, weil den Jungs dort unsere Songs gefielen, egal ob wir uns nun Thin Lizzy, Black Star Riders oder sonst wie nennen. Alleine das ist es, was zählt.“

Parallel zum neuen Album ALL HELL BREAKS LOOSE wurde gerade die neue Single ›Bound For Glory‹ ausgekoppelt. Ein radiotauglicher Hardrock-Ohrwurm, dessen optimistischer Titel auch als Motto für die Zukunft der Band stehen kann. Doch was bleibt nun von Thin Lizzy, die wie ein U-Boot immer wieder an die Oberfläche auftauchen?
„Scott Gorham spielt seit 1974 in dieser Gruppe“, sagt Ricky Warwick, „und ich bin stark von Phil Lynott geprägt. Egal, wohin der Weg jetzt führen wird, das sind Dinge, die immer bleiben werden.“ Der zukünftige Weg führt wie geplant zur Welttournee, bei der die Black Star Riders allerdings auch wieder die wichtigsten Thin-Lizzy-Nummern im Gepäck haben werden. „Wir stehen halt wie unser Publikum auf die alten Klassiker“, so Scott Gorham, „warum sollen wir sie uns dann nicht auch gönnen?“ Und überhaupt sei nicht ausgeschlossen, dass Thin Lizzy auch in Zukunft sporadisch, in welcher Besetzung auch immer, auf diversen Special-Events oder Festival-Konzerten wie Kometen aufleuchten könnten. Unter diesen Umständen ist auch davon auszugehen, dass die Plakate und Konzerttickets der Black Star Riders weiterhin den dezenten Hinweis „The Band formely known as Thin Lizzy“ tragen werden. Die Nachfolger klingen zwar anders und der große Phil Lynott ist schon längst eine ferne Legende. Doch irgendwie scheint es, als würden die Black Star Riders die Vergangenheit einfach nicht mehr los.