Titelstory: Aerosmith – Tanz auf dem Vulkan

Aerosmith 2 @ Sony MusicEs gibt nichts zu beschönigen: MUSIC FROM ANOTHER DIMENSION ist das erste Album der Luftschmiede mit eigenen, neuen Songs seit 2001 – und vielleicht auch das letzte. Sei es wegen des fortgeschrittenen Rockstar-Alters seiner Protagonisten, aber auch wegen interner Spannungen, die für eine Band im 42. Jahr ihres Bestehens geradezu lächerlich sind. CLASSIC ROCK traf die Legende in Los Angeles, und erlebte den sprichwörtlichen Tanz auf dem Vulkan.

Ort des Geschehens: Das Sunset Marquis Hotel in West-Hollywood. Da, wo Steven Tyler schon seit Jahren in einer geräumigen Villa wohnt, längst so etwas wie das Hausmaskottchen geworden, und dabei immer höflich, nett und bemüht ist. „Hey, German boy. Who´s in?“, lautet sein Standardspruch, wenn man ihm bei Interviews mit Linkin Park, den Deftones, Disturbed oder My Chemical Romance, die an selber Stelle stattfinden, in die Arme läuft.

Doch diesmal, Ende September und mitten in der schlimmsten Hitzewelle, die Kalifornien je erlebt hat, ist alles anders. Da hat man eher das Gefühl, ein emotionales Kühlhaus zu betreten. Einfach, weil die Stimmung extrem angespannt, gereizt und deprimiert ist. Gerade unter einem halben Dutzend Journalisten aus aller Welt, die – genau wie der Verfasser dieser Zeilen – stundenlang in einem winzigen Raum warten müssen. Ohne Begrüßung, ohne Getränke, ohne jegliche Informationen zum Zeitplan und zur personellen Konstellation ihres jeweiligen Termins. Das Ganze erinnert an den Neujahrsempfang der SED im Friedrichsstadtpalast, bei dem keiner zur Toilette gehen bzw. das Glas erheben darf, ehe Onkel Erich persönlich erscheint – und das kann dauern.

Genauer gesagt: Zweieinhalb Stunden. Gerüchtweise – so die Damen von Hair, Make-up und Bandgarderobe, die für den richtigen Look bei Fotos und TV-Gesprächen verantwortlich sind – läge es an den Verzögerungen beim morgendlichen Fototermin mit Altmeister Ross Halfin, der scheinbar nach seiner eigenen Uhr arbeitet. Aber auch an einem Bandmeeting, welches das Management einberufen hat – und den dichten Zeitplan noch einmal um eine Stunde zurückwirft. Nur: Auf den Gedanken, die Medienpartner zu informieren, kommt niemand. Beim zuständigen Vertreter der Plattenfirma läuft die Mailbox. Konfrontiert man ihn persönlich, ist er ausweichend und hilflos.

Genau wie Kollegen aus Japan, deren Zeiten gnadenlos gekürzt werden, aus deren Einzelinterview mit Tyler und Perry nun Gruppentermine mit allen fünf Bandmitgliedern werden, und die – zu Recht – wahlweise an Harakiri oder die Verpflichtung von Auftragskillern denken. Einfach, weil sie in knapp 30 Minuten gerade mal 5-6 Fragen stellen können – die mit Banalitäten in geradezu epischer Länge beantwortet werden. Alles unter strenger Aufsicht des Managements, dessen Abgesandter jedes einzelne Wort vom Nebenraum aus verfolgt, per Diktiergerät mitschneidet, und ein echtes Big Brother-Szenario kreiert. Mittendrin: Knipser Ross Halfin, der unangemeldet in Interviews platzt, sich mit Tyler oder Perry unterhält oder Kommentare zu den Fragen des jeweiligen Journos ablässt. Eine bodenlose Frechheit, die sogar die Frage aufkommen lässt, ob man nicht besser seine sieben Sachen packt und unverrichteter Dinge nach Hause fliegt, statt hier gute Miene zum bösen Spiel zu machen.

Die drei Weisen

Doch als die Reihe endlich an CLASSIC ROCK ist, und man den Schock überwunden hat, plötzlich den Herren Hamilton, Whitford und Kramer gegenüberzusitzen, die gar nicht abgesprochen waren, gibt es auch mal eine positive Überraschung: Die Alt-Herren-Garde, die optisch an einen rüstigen Südstaaten-General (Brad Whitford), ein abgemagertes Skelett (Tom Hamilton) und einen braungebrannten Lebemann (Joey Kramer) erinnert, ist de facto ein echter Interview-Traum. Der nur bei einer Frage rumdruckst: Was ist hier heute eigentlich los?

„Egos“, sagt Rhythmusgitarrist Whitford trocken. „Einige Leute fühlen sich von anderen bevormundet und haben das Gefühl, dass sie sich nicht so verkaufen können, wie sie gerne wollen. Aber hey: Das gilt nicht für uns. Hier bist du in guten Händen.“ Was nicht übertrieben ist: Die 28 Minuten, die nun folgen, beinhalten alles – und zwar offen und ehrlich. Angefangen bei der Sinnkrise der letzten Jahre, die von permanentem Verletzungspech, abgebrochenen Tourneen, heftigen Krankheiten (Hamiltons Halskrebs) und mehrfachen Fehlstarts im Studio geprägt war. „Man könnte auch sagen: Wir werden älter“, setzt Tom mit einem spöttischen Grinsen an. „Denn es ist doch so: Je länger du lebst, desto mehr Mist erlebst du. Das lässt sich gar nicht vermeiden. Und in den letzten zehn Jahren war es wirklich geballt – also so heftig wie noch nie zuvor. Aber das Entscheidende ist: Wir haben es überlebt. Und deshalb wissen wir jetzt alles auch ein bisschen besser zu schätzen – weil es natürlich auch so etwas wie ein Weckruf war. Es hat uns gezeigt, dass wir die Zeit, die wir noch zusammen haben, besser sinnvoll miteinander verbringen sollten, statt uns mit irgendwelchem Quatsch aufzuhalten.“

Wie etwa mit dem blauäugigen Versuch von 2008, als man dachte, einfach mal (zwischen zwei Tourneen) ein Album mit Brendan O´Brien aufnehmen zu können, weil das halt der angesagte Rock-Produzent sei, der alles von AC/CD über Pearl Jam bis Springsteen betreut – und dabei einen Blockbuster nach dem anderen hervorbringt. „Wir hatten keine Ahnung, welchen Ansatz er im Studio verfolgt, und worin sein Stil besteht. Und es stellte sich halt schnell heraus, dass er das exakte Gegenteil von Jack Douglas oder Bruce Fairbairn war. Also dieses organische Ding – live im Studio und so. Das ist nicht wirklich nach unserem Geschmack, und deswegen hat es auch nicht funktioniert. Bei den Sessions, die vielleicht zwei Wochen gedauert haben, ist nichts herausgekommen. Es war einfach keine gute Idee.“

Lenny oder Sammy

Genau wie – das gibt das Trio unumwunden zu – der Ansatz von 2010, einfach mit einem anderen Sänger als Steven Tyler weiterzumachen, dessen permanenten Betriebsunfälle, kombiniert mit zahlreichen Nebenaktivitäten wie der Veröffentlichung einer Autobiographie, Gastauftritten in TV-Serien wie „Two And A Half Man“ oder der Vorstellung einer eigenen Motorrad-Kollektion seine Bandkollegen an den Rand des Wahnsinns und der (beinahe) folgenschweren Fehlentscheidungen führten.

„Nimm es so: Wir wollten ins Studio und endlich etwas Neues machen, und wir wollten damit auf die Bühne. Denn das ist unser Job, wir sind Musiker, und nichts anderes“, setzt Joey an. „Doch weil das nicht zu klappen schien, haben wir uns halt mit Leuten wie Sammy Hagar unterhalten – der auch sofort mitgemacht hätte. Einfach, weil wir schon ewig Freunde sind, und er das Material in- und auswendig kennt. Dagegen war Lenny Kravitz ein Vorschlag, der von außen kam, und mit dem weder er noch wir besonders glücklich waren. Und ich muss sagen: Im Nachhinein wünschte ich, wir hätten das alles nicht gemacht, sondern uns mit Steven ausgesprochen. Nur: Wir hatten keinen Draht zu ihm. Er war in einer anderen Welt, in der es ihm offensichtlich auch ganz gut gefallen hat. Aber die halt nichts mit uns zu tun hat.“

American Idol

Eine offenkundige Anspielung auf Tylers Engagement als Jury-Mitglied in der Castingshow American Idol, die ihm eine Gage von geschätzten 40 Millionen Dollar sowie einen Platz an der Seite von Jennifer Lopez bescherte. Gleichzeitig aber auch jede Menge wütende Proteste aus Fankreisen, die dem Sänger den ideologischen Ausverkauf vorwarfen, nur um dann doch – gegen alle Erwartungen – Publikumsliebling zu werden und Aerosmith ein ganz neues Publikum diesseits der 40, 50 zu bescheren. Also junge Kids, die die Hits von gestern und einen der zweifellos besten Frontmänner der Rockgeschichte für sich entdecken – und der Band einen neuen Popularitätsschub geben. „Das ist uns im Nachhinein auch klar geworden“, lacht Tom Hamilton trocken. „Eben, dass es eigentlich gar nicht so schlimm ist, wie zunächst befürchtet. Ich meine, keine Ahnung, ob sich das spürbar in Ticketumsätzen niederschlägt. Aber es hat die Welt definitiv daran erinnert, dass es da draußen eine Band namens Aerosmith gibt, die vielleicht gerade kein neues Album am Start hat, aber immer noch existiert – und kräftig Popo tritt, wenn sie auf der Bühne steht. Dafür müssen wir ihm dankbar sein.“ – „Auch, wenn wir es zunächst nicht glauben konnten, dass er sich darauf einlässt“, setzt Joey fort. „Aber wahrscheinlich waren wir einfach nur sauer, dass er uns nicht selbst informiert hat. Wir haben es aus der Zeitung erfahren – wie jeder andere auch.“ Was kein gutes Licht auf die interne Kommunikation einer Gruppe wirft, die sich damit schmückt, die letzte amerikanische Rockband der 70er zu sein, die noch in Originalbesetzung agiert. Was auch fast stimmt – die Jungs von ZZ-Top mögen es ihnen nachsehen.

Musik aus einer anderen Dimension

Gerade und vor allem angesichts eines Comeback-Albums wie MUSIC FROM ANOTHER DIMENSION, der 15. Longplayer im 42. Jahr – und zugleich einer ihrer besten. Einfach, weil er rein qualitativ auf einer Ebene mit Meilensteinen wie TOYS IN ATTIC, ROCKS und PUMP rangiert, nicht weniger als 15 Stücke (18 in der Deluxe-Edition) enthält und wieder den ureigenen Brückenschlag zwischen butterweichen, voll orchestrierten Power-Balladen sowie richtig heftigen, erdigen Rockern, gewürzt mit einer kräftigen Prise Blues bietet. Eben genau das, was man von der Band-Institution aus Boston erwartet. Und was sie diesmal – mit Ausnahme von je einem Song aus der Feder von Diane Warren, Desmond Child, Jim Vallance und Marti Frederiksen – auch im Alleingang zu verantworten haben. Also ohne Hilfe von sündhaft teuren Songwriter-Gurus, auf die man sich in den späten 80ern/frühen 90ern nur zu gerne verlassen und anschließend über die hohen Tantiemen geärgert hat.

„Das Album zeigt, was wir über die Jahre alles gelernt und vor allem gemacht haben“, so Brad. „Du kannst darauf Sachen aus jeder einzelnen Phase unserer Geschichte hören. Wobei es gleichzeitig aber auch zu unseren Anfängen zurückgeht. Was nicht zuletzt daran liegt, dass wir mit einem Produzenten gearbeitet haben, der unsere Arbeitsweise und unseren Sound entschieden mitgeprägt hat. Was das betrifft, verdanken wir Jack Douglas wirklich eine Menge. Und ich denke, er hat das Beste aus dem herausgeholt, was wir hatten. Also wir haben uns ganz bewusst nicht auf zu viel externen Kram verlassen, weil man uns das in der Vergangenheit ja auch oft zum Vorwurf gemacht hat. Wahrscheinlich sogar zu Recht. Deshalb haben wir diesmal hauptsächlich das verwendet, was wir hatten. Und das waren halt 20 Songs, die wir – in welcher Form auch immer – allesamt aufgenommen haben.

Eben für unterschiedliche Formate der CD. Was aber auch bedeutet, dass wir jetzt blank sind. Also dass da wirklich nichts mehr ist, worauf wir in naher Zukunft zurückgreifen könnten. Und da wir nun wirklich nicht die schnellsten sind, was das Schreiben von Songs betrifft, könnte es das durchaus gewesen sein. Was nicht heißt, dass ich die Hoffnung aufgebe, aber ich bin einfach Realist. Ich fürchte, dass wir das mit Ende 60/Anfang 70 nicht noch einmal hinkriegen. Obwohl: Diese ganzen alten Blues-Jungs haben es ja auch geschafft.“