The Who: Leben für die Bühne – die legende LIVE AT LEEDS

who leedsDieser Tage wird ein Album neu aufgelegt, das nicht nur der Karriere der daran beteiligten Musiker einen enormen Schub verpasst hat, sondern die gesamte Welt der harten Riffs veränderte. LIVE AT LEEDS von The Who zählt zweifellos zu den besten Konzertmitschnitten, die je auf Platte veröffentlicht worden sind. Und es ist ein Manifest jener aufregenden Ära, in der Rock’n’Roll sich aus dem Untergrund, aus den dreckigen, engen Clubs verabschiedete und ins Rampenlicht der großen Arenen trat. Eine Entwicklung, die sich nicht mehr rückgängig machen ließ – umso bedeutsamer sind heute die Zeit-Dokumente, die diesen Umbruch noch einmal hautnah erfahrbar machen.

Der Aufstieg begann da, wo alle gute Bands anfangen: in kleinen Läden. The Who (beziehungsweise The High Numbers, wie sie sich vormals kurzzeitig nannten) starteten im Goldhawk Club im Londoner Stadtteil Shepherd’s Bush, bis sie schließlich ins Herz der Stadt weiterzogen – in den Marquee Club, Wardour Street 90, mitten im brodelnden Amüsierviertel Soho. Jeden Dienstag gaben sie dort alles, zunächst vor einigen wenigen Interessierten, nach wenigen Wochen jedoch schlängelte sich eine lange Reihen von Wartenden vor dem Einlass. The Who entpuppten sich als die Inkarnation der jungen Wilden: Sie bombardierten die Ohren ihrer Fans mit Feedback, ließen ihr Equipment ohne mit der Wimper zu zucken in Einzelteile zerlegen und sahen dabei stets so aus, als ob sie jederzeit bereit wären, sich selbst furchtlos in die Menge zu stürzen. Das nötigte selbst den Londonern, die nun wahrlich einiges gewohnt waren, Respekt ab. Und schon damals galt – wie auch heute noch: Mund-zu-Mund-Propaganda ist einfach unbezahlbar.

Das erkannten auch die beiden Manager der Band, Kit Lambert und Chris Stamp, und versuchten daher, sich dies zu Nutze zu machen. Sie setzten dabei auf ein ähnliches Konzept wie die früheren Berater der Musiker, Peter Meaden und Helmut Gorden, allerdings mit mehr Konsequenz: Ihr Ziel war es, The Who zum Sprachrohr, zum Aushängeschild der Mod-Bewegung zu formen. Das gelang – obwohl die Band selbst sich nicht als integraler Bestandteil der Szene betrachtete. „Ich war ein typischer Kunststudent“, erinnert sich Pete Townshend heute im Gespräch mit den britischen CLASSIC ROCK-Kollegen zurück, „und Roger Daltrey bezeichnete sich in diesen Tagen stets als Rocker. Keith Moon sah zwar damals wirklich so aus wie ein Mod, aber John Entwistle nicht – er hatte einen spießigen Kleidungsstil. Wir waren insgesamt betrachtet also keine typischen Mods – zumindest hinsichtlich unseres Looks. Aber unsere Fangemeinde speiste sich weitgehend aus Leuten, die Teil der Bewegung waren und sich auch so kleidete.“

Eine Diskrepanz zwischen den Musikern und den Anhängern gab es dennoch nicht. Denn The Who waren sich stets bewusst, was ihr Publikum von ihnen erwartete. Und sie handelten auch danach. Im Gegenzug bekamen sie von den Menschen etwas zurück, was ihnen bis heute im Gedächtnis geblieben ist: bedingungslose Loyalität. „Es herrschte ein unglaubliches Zusammengehörigkeitsgefühl“, so Townshend. „Und ich erlebte zum ersten Mal, was es bedeutet, als Musiker eine Art Spiegel der Gesellschaft zu sein. Die Aura, die unsere Fans versprühten, all ihren Zorn, ihre aufgestauten Aggressionen, übertrug sich auf uns. Und wir durchlebten sie – und gaben sie schließlich durch unsere Musik und die Performance wieder an sie zurück.“

Der nächste logische Schritt wäre gewesen, den Versuch zu unternehmen, diese unbändige Energie einzufangen und auf Platte zu bannen. Doch das war zur damaligen Zeit nicht Usus. In den frühen Sechzigern waren Live-Mitschnitte im Jazz üblich, nicht aber im Rock; LIVE AT THE FLAMINGO von Georgie Fame & The Blue Flames ist eine der wenigen Ausnahmen. Erst mit den 1966er-Bootlegs der Gigs von Bob Dylan & The Hawks in der Royal Albert Hall kam allmählich Bewegung in die Sache. Auch The Who wollten sich in diesem Bereich einen Namen machen. So gaben sie die Einwilligung zur Aufzeichnung ihrer Marquee-Shows. Rein technisch kein Problem, denn der Club verfügte über ein direkt angeschlossenes Studio. „Einige Aufnahmen existieren heute noch“, verrät Pete Townshend. „Allerdings nur als Filmspur, nicht als eigenständiger Mitschnitt. Diese Tapes sind im Laufe der Zeit verloren gegangen – es gab nämlich zwischen dem Tontechniker und der National Jazz Federation, der das Marquee gehörte, Streit um die Rechte an den Masters.“ Daher dauerte es noch weitere vier Jahre, bevor die Fans endlich in den Genuss einer Live-Veröffentlichung von The Who kamen – im Mai 1970 war es schließlich so weit: LIVE AT LEEDS kam in die Läden.

Die Platte überraschte viele, aus mehreren Gründen. Sie klang rau, bildete damit quasi das Gegenstück zu TOMMY. Auch die Verpackung der Scheibe war einzigartig, sie enthielt allerlei Faksimiles aus den Anfangstagen der Band, eine Kopie des Ablehnungsbescheids der Firma EMI, der Woodstock-Vertrag, Townshends Text zu ›My Generation‹ und so weiter. Auf der LP selbst waren drei Coverversionen enthalten, nämlich ›Shakin’ All Over‹ (Johnny Kidd), ›Summertime Blues‹ (Eddie Cochran) und ›Young Man Blues‹ (Mose Allison), hinzu kamen lediglich drei eigene Stücke: ›Substitute‹, ›My Generation‹ und ›Magic Bus‹. Klingt wenig, doch The Who führten ›My Generation‹ nicht in seiner Originalversion auf, sondern in Form eines 16-Minuten-Medleys, das Passagen von ›See Me, Feel Me‹ ›Listening To You‹, ›Underture‹, ›Naked Eye‹ und ›The Seeker‹ in sich vereinte. Und auch das furiose ›Magic Bus‹ hatte mit 7:30 Minuten deutliche Überlänge.