The Doors – Sag niemals nie!

Für eine Band, deren Sänger 1971 verstorben ist und die seit 39 Jahren kein neues Album aufgenommen hat, sind die Doors überraschend präsent. Sei es mit der Veröffentlichung von Live-Raritäten, der Überarbeitung ihrer sechs Studio-Alben oder diversen Jubiläen. Das nächste steht – so ihre Plattenfirma – unmittelbar bevor. Denn: 2012 soll „das Jahr der Doors“ werden. Wieso, weshalb, warum? Das hat CLASSIC ROCK im Gespräch mit Organist Ray Manzarek geklärt.

The Doors @ Wendell_HamickRay Manzarek bewohnt inzwischen ein schickes Anwesen im kalifornischen Napa Valley, in den Bergen über San Franciso. In seiner Freizeit baut er Wein an. Musik erachtet er eigentlich nur noch als Hobby. Wenn auch als lukratives, denn The Doors haben bis heute über 100 Millionen Tonträger umgesetzt, werden in regelmäßigen Abständen von immer neuen Hörer-Generationen entdeckt und touren – je nach Lust und Laune – mit rotierenden Morrison Sound-a-likes. Nur um jetzt, so will es ihre Plattenfirma Elektra, noch einmal einen großen Popularitätsschub zu erfahren. Mit einer riesigen Marketingkampagne, aber auch jeder Menge Aktivitäten der Band. „Ich weiß zwar gar nicht so genau, was da alles ansteht. Aber wir reden z.B. mit einigen Broadway-Leuten, um die Geschichte der Doors auf die Bühne zu bringen – schließlich ist sie ja wirklich spannend“, so der weißhaarige Tastenmann. „Und wir kommen im Sommer wieder nach Europa. Hoffentlich auch nach Deutschland. Exakte Termine habe ich allerdings noch nicht“, lautet die unverbindliche Antwort. Fast so, als wolle der 72-Jährige nicht zu viel erzählen – oder als wäre es dafür einfach noch zu früh.

Dabei ist es ein offenes Geheimnis: Er und Gitarrist Robby Krieger haben sich nach Jahren heftiger juristischer Streitigkeiten um die Namensrechte der Doors wieder mit Drummer John Densmore versöhnt – ohne dass es bislang eine echte Aussprache gegeben hätte. „Ich bin einfach froh, dass er wieder dabei ist“, so Manzarek. „Und ich werde das nicht groß hinterfragen oder eine Aussprache suchen. Einfach, weil da nichts ist, was wir klären müssten. Er ist wieder mit sich im Reinen, und das ist alles, was zählt. Er hat uns untersagt, den Namen ,The Doors‘ zu verwenden, weil er sich als Teil der Band versteht, aber bei den Konzerten von mir und Robby nicht dabei sein konnte, weil er private Probleme hatte. Die sind nun überwunden, er ist wieder OK und will Musik machen. Und zwar mit uns. Worüber ich sehr glücklich bin.“

Und nicht nur das: Jetzt, da sie wieder gemeinsame Sache machen, waren sie auch schon im Studio, um unter Federführung von DJ/Produzent Skrillex einen Song namens ›Breakin’ A Sweat‹ aufzunehmen – der erste neue seit ›American Prayer‹ von 1978. Woraus, so Manzarek, durchaus mehr werden könnte. „Ich halte ihn für ein richtiges Energiebündel. Er hat uns ein paar Beats vorgegeben, und Robby und ich haben Musik darüber gelegt – so lange, bis wir etwas gefunden haben, das wir mögen. Wobei er ständig zwischen 150 und 75 bpm variiert hat. Es war toll. Wir waren im Studio und haben an einem Tag einen kompletten Song aufgenommen. Ich habe das sehr genossen.“

Doch mit dem gewöhnungsbedürftigen Electronica-Ausflug und den Konzerten sind die neuerlichen Aktivitäten der Doors längst nicht erschöpft. So plant Manzarek die Verfilmung seines Romans „The Poet In Exile“ von 2001. Worin er mit der Idee spielt, dass Jim Morrison eben doch noch unter den Lebenden weilt. Und zwar als ergrauter Hippie-Aussteiger auf den Seychellen. Was er zwar nicht wirklich glaubt, sich aber gerne vergolden lässt. „Ich habe einen Deal mit einem Produzenten unterschrieben. Ein guter Freund von mir, der sonst Horrorfilme dreht und die Doors liebt. Wir fangen hoffentlich im Spätsommer oder Herbst an, müssen aber erstmal das Drehbuch beenden. Daran sitzt er gerade mit ein paar Schreibern. Während ich mich eher zurücklehne und sage: Gut – nicht gut! Ja, das mag ich – das nicht. Es wird ein Spaß, und wir werden hauptsächlich auf Hawaii filmen, aber auch auf den Seychellen.“

Wobei er in der Rolle des mystisch verklärten Barden übrigens ausnahmsweise nicht den allgegenwärtigen Johnny Depp sieht. Auch wenn der gerade den Erzähler im Doors-Biopic „When You’ re Strange“ gegeben hat. „Wer immer Jim spielt: Er müsste etwas älter sein – auch, wenn Johnny Depp natürlich nahe liegend wäre“, wiegelt Manzarek ab. „Ich meine, wir arbeiten wahnsinnig gerne mit ihm. Aber seien wir ehrlich: Auch Johnny wird langsam ein bisschen zu alt, um Jim Morrison in den 60ern und frühen 70ern zu spielen. Von daher stellt sich die Frage, ob man mit jemand gänzlich Unbekannten arbeitet oder mit einem anderen Star. Aber das sind ja nicht meine Probleme.“

Genauso wenig wie die Neuauflage des finalen Band-Klassikers L.A. WO- MAN als Sonderedition zum 40. Dienstjubiläum, die zwar fast ein Jahr zu spät kommt, aber aufwändig überarbeitet wurde und opulente neun Bonus-Stücke enthält. Die meisten sind lediglich alternative Versionen der Album-Tracks. Aber es gibt auch ein unveröffentlichtes Juwel: ›She Smells So Nice‹, das 1970 während einer Jam-Session entstand – und dann in Vergessenheit geriet. „Das ist eine echte Überraschung. Denn wir hatten keine Ahnung, dass das Stück existiert. Die Leute fragen: Warum habt ihr es so lange zurückgehalten? Weil wir gar nicht wussten, dass es das gibt! Im Ernst: Ich hatte keine Ahnung, dass da etwas namens ›She Smells So Nice‹ ist – bis ich es selbst gehört habe. Denn ich konnte mich nicht daran erinnern. Ich meine, ich kenne sämtliche Stücke auf L.A. WOMAN und weiß noch sehr genau, wie sie entstanden sind, aber wir haben so viel nebenbei gemacht – und daraus resultiert wohl auch dieses Stück.“

Was der letzte unbekannte Morrison-Song sein dürfte. Denn eigentlich sind die Archive gesichtet, und es ist alles veröffentlicht. Mit Ausnahme eines Gedichtbands, den Jim 1971 in Paris verfasst hat, und der sich im Familienbesitz befindet. Wobei Manzarek – und das ist hochgradig spooky – immer so spricht, als wäre Morrison gerade erst verstorben und als würde es sich bei dem damals 27-Jährigen tatsächlich um einen Gott handeln: eine Mischung aus Poet, Revoluzzer und Sexprotz, dessen Mythos es zu hegen und pflegen gilt. „Keiner hat die Rolle des Rock’n’Roll-Dionysos besser gespielt als Jim in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. OK, da gab es noch Elvis. Aber gleich darauf kam schon Morrison. Denn auch Mick Jagger war nur ein halber Gott, während Morrison die Rolle auf die Spitze getrieben hat. Und im Christentum gibt es ja keinen anderen dionysischen Aspekt als die Auferstehung von Jesus Christus. Also Tod und Auferstehung. Auch diese Rolle spielt Morrison perfekt.“

Wobei ehrliche Bewunderung mitschwingt. Und weshalb es sich Manzarek auch zur Lebensaufgabe gemacht hat, so etwas wie den Pressesprecher der 60s Legende zu geben. Schließlich seien The Doors für ihn etwas ganz Besonderes gewesen, hätten ganz besondere Musik gemacht und würden ihm bis heute ein angenehmes Dasein bescheren. Deswegen mache es ihm auch nichts aus, ständig über die Vergangenheit zu reden und die immer gleichen Fragen zu beantworten. Er habe keine Ressentiments und besitzt – das zeigt „The Poet In Exile“ – durchaus die Muße wie den Humor, sich auch mit absurden Gedankengängen zu befassen. Etwa, dass die Doors – würde ihr Frontmann noch leben – heute durchaus eine passable Alte-Herren-Kapelle abgeben könnten: „Es wäre mehr Poesie, mehr Spoken Word im Spiel. Und live würden wir Filme mit Schauspielerei und Seelenwanderung kombinieren. In speziellen Theatern – mit Surround-Sound und besonderem Licht. Und die Platten wären vermutlich mehr in der Art von RIDERS ON THE STORM. Aber hey, das ist nur Spekulation. Wenn auch eine nette. Wenn’s nach mir ginge, würden wir schon morgen wieder im Studio stehen – nur: Ohne Jim ist es halt nicht dasselbe. Und deshalb haben wir keine andere Wahl, als nach hinten zu schauen. Nur: Ich hoffe, wir machen das mit Anstand. So, wie es sich gehört.“