The Stranglers – Ghetto-Mentalität

Seit The Stranglers Ende der Siebziger auf der Bildfläche auftauchten, galten sie als Raufbolde und tabulose Zeitgenossen, die auch gerne mal einen Pressevertreter an den Eiffelturm fesselten. Und auch wenn die Briten heute um einiges erwachsener geworden sind, haben sie sich stets ihren schwarzen Humor bewahrt.

The Stranglers_credit by David BonismallIm Grunde genommen liegen JJ Burnell und seine Kumpels seit weit mehr als 30 Jahren mit der Presse über Kreuz. Zu oft mussten The Stranglers lesen, dass sie nichts können, dass ihre Songs von schlechtem Sound, aggressiver Monotonie und nur wenig klaren Musikkonturen gekennzeichnet seien. „Wir waren immer die Aussätzigen in einer Art Apartheit, die The Clash oder Sex Pistols feierte und uns die Existenzberechtigung absprach“, schimpft Burnell, ein Mann mit französischen Vorfahren und einem derart rabenschwarzen Humor, wie ihn nur Briten haben können. Auf dem Höhepunkt seiner Fehde mit den un- geliebten Pressevertretern riss er dem französischen Journalisten Philippe Manoeuvre die Kleider vom Leib und band ihn mit Gaffa-Tape an einem Pfeiler im ersten Stock des Pariser Eiffelturms fest. Eine Riesengaudi erster Kajüte, fanden er und seine Kumpane jedenfalls. Leider konnte Manoeuvre, Herausgeber des Magazin „Métal Hurland“, der vermeintlich humorigen Einlage nichts Positives abgewinnen und war fortan erster Mann an der Spritze, wenn es darum ging, ganze Kübel voller Hass und Ablehnung über die britische Band auszugießen. „Vor drei Jahren haben wir uns endlich vertragen, nach immerhin 25 Jahren“, zwinkert Burnell mit dem Auge. „Er hat mir vergeben.“

Nicht überliefert ist dagegen, ob auch all die anderen Opfer Burnell’schen Schabernacks dem Stranglers-Bassisten verziehen haben. Beispielsweise jene unglückliche Gestalt, deren Sattelgurt er beim Reiten gelockert hatte, sodass der Mann im hohen Bogen vom Pferd fiel. Einem anderen flößte er gläserweise schottischen Whisky ein und schob anschließend den halb Ohnmächtigen via Rollstuhl in die Mitte eines offiziellen Pressefotos. „Nicht jeder mag derartig derbe Späße, aber, hey, wer will sich beschweren? Mit uns wurde ja auch hart umgegangen.“

Wen wundert’s: In ihren frühen Tagen galten The Stranglers als Raufbolde, Großmäuler und tabulose Zeitgenossen. 1977 schaffte es ihre Ode an den praktizierten Oralverkehr nicht nur in die Charts, sondern vor al- lem auch auf den englischen Index. Ein anderes Mal zogen sich die Musiker Priestergewände an und ließen das Video zu ihrem Song ›Duchess‹ in einer Kirche drehen. Wieder waren die Moralhüter auf den Plan gerufen.

Derlei Eskapaden hätten der Band 1980 fast die Existenz geraubt. In Nizza wurde die Gruppe nämlich auf offener Bühne verhaftet, wenig später kam es bei einer Show in Belgien zu einer Massenschlägerei unter den 25.000 Zuschauern. „Die Sache geriet außer Kontrolle, aus dem ursprünglichen Spaß wurde innerhalb weniger Monate blutiger Ernst. Die Folge war, dass Veranstalter in ganz Europa uns nur noch mit spitzen Fingern anfassten beziehungsweise die Zusammenarbeit ablehnten.“ Sogar Kollegen distanzierten sich von den Stranglers: „The Cure weigerten sich, auf den gleichen Festivals wie wir zu spielen. Ein Desaster, das uns beinahe zum Aufgeben gezwungen hätte.“

Dass sich Burnell und Co. letztendlich nicht vom Markt vertrieben ließen, verdanken sie ihren großen Hits. Der bekannteste heißt ›Golden Brown‹, ein 1981 verfasster Gegenentwurf zum Drogen-Pamphlet ›Brown Sugar‹ von den Rolling Stones, musikalisch allerdings weit mehr in der Pop-Ecke angesiedelt. ›Golden Brown‹ war ein Radiosong par excellence und dokumentierte vor allem eines: Mit der stilistischen Ausrichtung des Punks hat diese Band nichts zu tun. „Wir haben immer schon das reali-siert, was uns gefiel, und uns nie auf eine bestimmte Richtung festlegen lassen“, erklärt Burnell. „Ich mag die Idee, die hinter dem Punk steht, näm-lich die absolute Freiheit bei allem, was man macht. Musikalisch bin ich dagegen von ganz anderen Bands beeinflusst. Ich liebte Peter Greens Fleet-wood Mac und den Blues und ich sah Free, noch bevor sie sich überhaupt Free nannten. Vor allem aber bin ich ein riesiger Fan der Doors.“

All dieses hört man auch auf GIANTS, dem neuesten und insgesamt 17. Album der Band. GIANTS ist ein Kleinod an simplen Strukturen, feinen Hooks und moderater Härte. Es hat nicht mehr den rauen Charme der frühen Stranglers-Demos, auf denen überbordende Energie die technischen Mängel kaschierte. Anno 2012 dagegen sind The Stranglers eine profunde Rockband, bei der jeder Ton sitzt und die sich mit technischen Schwierigkeiten nicht mehr rumschlagen muss. „Natürlich sind wir heute bessere Musiker als damals“, weiß Burnell nur allzu gut, „aber schlechter als in unseren Anfangstagen konnte man ja auch kaum sein. 24 Plattenfirmen erzählten uns damals, dass wir scheiße sind, und verweigerten uns einen Vertrag. Aber wir haben uns nicht entmutigen lassen, sondern sind Schritt für Schritt unseren Weg gegangen. Wir waren die ersten, die mit Patti Smith spielten, die ersten, die mit den Ramones auftraten. Und wäh-rend die Presse uns zerfleischte, wurde unsere Zielgruppe immer größer. Der Grund? Wir haben uns nie in unser musikalisches Konzept reinreden lassen.“

Sogar dem Versuch amerikanischer Geschäftspartner, die Ecken und Kanten ihrer Songs auf dortige Radiohörgewohnheiten abzuschmirgeln, widerstanden die Briten. Burnell: „Sie sagten: ,Wenn ihr nicht das macht, was wir wollen, ist dies das Ende eurer Karriere in den USA.‘ Aber uns war’s egal, wir haben sowieso eine ausgeprägte Ghetto-Mentalität. An- deren Musikern geht es um Erfolg und finanzielle Vorteile, wir dagegen lassen uns unsere künstlerische Freiheit nicht wegnehmen.“

Diese haben sich The Stranglers in der Tat bis heute bewahrt. GIANTS ist nun nicht gerade das, was man ein Erdrutsch-Album nennen kann. Aber es dokumentiert eindeutig die Philosophie der Gruppe. „Wenn man Musik wirklich liebt, dann möchte man möglichst viele verschiedene Stile ausprobieren“, erläutert Burnell die Tatsache, dass neben Rock- und Popsongs auch ein waschechter Tango auf GIANTS zu finden ist. Für Burnell ist es eine Genugtuung, dass er und seine drei Mitstreiter Jet Black, Dave Greenfield und Baz Warne auch eine solche Nummer locker aus dem Är- mel schütteln können. Es sei, so Burnell, heute eine andere Motivation, die ihn und seine Kumpels jedes Mal aufs Neue beflügelt: „Früher war die schlechte Presse der perfekte Ansporn, immer besser zu werden und allen zu zeigen, dass diese Schmierfinken Unrecht haben. Jetzt, da wir das endgültig bewiesen haben, geht es nur noch darum zu dokumentieren, wie gut The Stranglers immer noch sind.“

Zu dieser Nabelschau gehört auch die Europa-Tournee im Frühjahr, auf die sich Burnell und seine Freunde bestens vorbereitet haben. „Auf Tour zu gehen ist ein wenig wie in den Krieg zu ziehen: Man bereitet sich mental und physisch gezielt darauf vor, um unterwegs nicht kalt erwischt zu werden. Denn von solchen Erlebnissen hatten wir weiß Gott genügend in unserer Karriere.“