Storm Corrosion – Retro oder Prog?

Storm Corrosion (1)Dem Mainstream haben sich Porcupine Tree-Chef Steven Wilson und Mikael Åkerfeldt von Opeth noch nie verschrieben. Nun haben sich die beiden Ausnahmemusiker zusammengetan, um noch einen Schritt weiter zu gehen.

Ein Gespräch mit und über Storm Corrosion macht keinen Sinn ohne einen direkten Querverweis auf die 70er. Denn beide Macher des Aufsehen erregenden neuen Projekts – Porcupine Tree-Chef Steven Wilson und Mikael Åkerfeldt von Opeth – haben nicht nur immer schon ihre Affinität für das ihrer Meinung nach wichtigste Jahrzehnt der Rockmusik geäußert, sie setzen stilistisch nun auch genau dort an. Die Frage also, weshalb gerade die Jahre 1968 bis 1978 die aufregendsten dieser Musikrichtung waren, beschäftigt den sowieso philosophisch beschlagenen Wilson von Berufs wegen. „Ich habe mir darüber viele Gedanken gemacht und denke, die Antwort gefunden zu haben“, erklärt er. „Sie lautet: Früher wurde von den wirklich guten Musikern vor allem Jazz, Blues oder Klassische Musik gespielt. Mit dem Aufkommen der Pop- und Rockmusik in den späten 60ern merkten diese Musiker plötzlich, dass es für sie auch andere, zukunftsweisende Ausdrucksformen gibt. So entstanden Bands wie Led Zeppelin, King Crimson, Yes oder Pink Floyd, die mit ihrer großen Neugier auf neue Herausforderungen reagierten und mit ihren enormen technischen Möglichkeiten für eine ungeheure Dichte großartiger Veröffentlichungen sorgten.“

Beispiele gefällig: SGT. PEPPERS LONELY HEARTS CLUB BAND von den Beatles war das erste progressive Rockalbum der Geschichte, PET SOUNDS von den Beach Boys eine vergleichbar bunte Wundertüte, und TOMMY von The Who die Mutter aller Konzeptalben, mit einer Botschaft, die mehr Fragen stellte als Antworten lieferte. Heute dagegen sei durch das Internet, YouTube und Facebook alles öffentlich. Geheimnisse gibt es in der Musik nicht mehr – und damit sind auch die Herausforderungen für ambitionierte Künstler verschwunden. Die Folge: Musik verkümmert auf Konfektionsgröße.

Und genau dort setzen Storm Corrosion an. Ihr Debüt bricht radikal mit Konventionen, ist derbe ohne laut zu werden, hat Ecken und Kanten, die jeden Anflug von Mainstream bereits im Kern ersticken. Ein Ansatz, der den heute gängigen Standards – Wilson nennt sie verächtlich „Fahrstuhl Muzak“ – diametral entgegenläuft. „Schrecklich, wenn man Heavy Metal hören muss, der so vorhersehbar, so flach und sinnentleert klingt, dass er nicht einmal mehr heavy ist“, schimpft der Brite.

Für ihn und Åkerfeldt ist das Debüt von Storm Corrosion allerdings nur im Zusammenhang mit Wilsons zweitem Soloalbum GRACE FOR DROWNING und Opeths aktueller Scheibe HERITAGE zu verstehen. Beide Werke beziehen sich dermaßen konsequent auf die Sounds und Arrangements der 70er, dass sie manchem Fan von Opeth oder Porcupine Tree fast im Halse stecken blieben. Doch genau das war Absicht. Mainstream machen andere, sagt Wilson, ihnen geht es um wahre Kunst. „Natürlich kann man bei STORM CORROSION die Einflüsse hören, von denen auch wir uns nie ganz freimachen können“, gibt Wilson zu, „etwa Scott Walker, Talk Talk oder Nick Drake. Auch sie lieferten eine einzigartige Mischung aus Farben und Stimmungen.“

Dass der Zuhörer für das Storm Corrosion-Debüt vor allem Geduld und Muße mitbringen muss, um den oftmals sperrigen und unkonventionellen Arrangements folgen zu können, gibt Wilson unumwunden zu: „Die Frage ist doch, ob Musik generell als Hintergrundberieselung funktionieren muss. Oder ob es nicht viel befriedigender wäre, sich bewusst auf ein Album zu konzentrieren und dadurch Zugang zu einer Welt zu finden, die einem bei oberflächlicher Betrachtungsweise verschlossen bleibt. Ich zumindest weigere mich, reines Fast Food abzuliefern.“