Stone Sour

Stone Sour 2010_normal_bearbeitetSie sind in der Metal-Szene verwurzelt – und doch haben sie das Potenzial, zu einer der größten Rock-Bands der Welt zu werden. Mit ihrem dritten Album AUDIO SECRECY wollen Stone Sour endgültig durchstarten.

Slipknot haben die Musikwelt im Sturm erobert: Die Truppe aus Iowa ist vom Underground-Act zu einer der weltweit wichtigsten Metal-Bands aufgestiegen. Zwei der neun Musiker, nämlich Corey Taylor und James Root, ziehen nun mit Stone Sour nach. In wenigen Tagen erscheint ihr drittes Album AUDIO SECRECY, das so gut ist, dass es selbst Slipknots beste Werke toppt. Und mehr noch: Diese Band ist stilistisch wesentlich offener und damit kommerzieller – sie hat also das Potenzial, nicht nur die Stadien zu füllen, sondern auch zu einer Rock-Ikone zu werden. Gitarrist James Root versucht, eine Erklärung für den gewaltigen Sprung nach vorne zu finden.

James, ihr seid nun schon lange im Geschäft: Was hat sich verändert seit den Anfangstagen von Slipknot?
Es gibt heutzutage kaum Labels, die Bands aufbauen. Es geht um schnellen Profit. Ich habe es aber immer geliebt, wenn ich beobachten konnte, wie eine Band langsam wächst. Das geht nun nicht mehr. Alle Acts müssen möglichst rasch eine gewisse Masse an Leuten erreichen, sonst lohnt sich das Ganze nicht. Eine Karriere wie die von U2, die ja 1986 komplett anders klangen als heute, wäre heutzutage undenkbar.

Tut ihr euch mit Stone Sour leichter, weil ihr schon mit Slipknot einen großen Bekanntheitsgrad hattet?
Natürlich. Wir wussten diesmal von Anfang an, wie wir welche Hindernisse umgehen und viele Probleme vermeiden konnten. Außerdem kannten wir schon die richtigen und die wirklich wichtigen Leute im Business, waren an das Tourleben gewöhnt usw.

Verfolgt ihr mit Stone Sour andere Ziele, weil ihr dank Slipknot nicht mehr dem großen Erfolg hinterher jagen müsst?
Ehrlichkeit ist für uns das Wichtigste. Wir sind, wer wir sind. Niemand von uns muss sich verbiegen oder verstecken, sondern kann einfach er selbst sein. Das lieben die Fans, denn das hat Bestand. Wir sind vielleicht nicht schön, aber echt. Und das ist selten geworden in der modernen Welt.

Seit eurem letzten Album COME WHAT(EVER) MAY ist eine lange Zeit vergangen. Wieso habt ihr euch nicht etwas mehr beeilt?
Nun, meiner Meinung nach ist eine Platte einfach nie fertig. Wir haben zwar ewig an AUDIO SECRECY gearbeitet, aber trotzdem habe ich selbst jetzt nicht das Gefühl, dass alles hundertprozentig so klingt, wie ich es gerne hätte. Doch das ist nun mal so, daran kann man als Musiker nichts ändern, sondern muss es hinnehmen und weitermachen. Es gibt keine Pause. Nun ist zwar alles ein-gespielt, doch es steht schon die nächste Herausforderung vor der Tür: die Konzerte. Wir haben drei Jahre lang nicht live gespielt, und für die Show bei Rock am Ring konnten wir nur eine Woche proben. Der Gig war also eine Warm-up-Show vor 85.000 Zuschauern…

Was an AUDIO SECRECY besonders auffällt, ist die stilistische Bandbreite. Es scheint, als hättet ihr diesmal noch mehr Einflüsse zugelassen als früher. Woher kommt diese Offenheit?
Ich denke, es hat auch viel mit unserem Drummer Roy Mayorga zu tun. Er stieß zur Band, als COME WHAT(EVER) MAY schon fertig war. Er hatte also erst jetzt die Gelegenheit, uns zu beweisen, was in ihm steckt. Und das hat er auch getan: Er ist nicht nur ein fantastischer Schlagzeuger, sondern kann auch hervorragend Klavier spielen. Noch dazu hat er sich als talentierter Songwriter entpuppt. Er passt perfekt zu uns und ist total engagiert: Als ich mit Slipknot auf Tour war, schickte er mir ständig Mails mit neuen Song-Ideen im Anhang, eine nach der anderen. An einem Tag kamen sogar sechs verschiedene Tracks bei mir. Ich musste ihn regelrecht ausbremsen!

Einige Tracks haben einen leicht proggigen Unterton, der untypisch für euch ist. Woher stammt er?
Auch von Roy. Er ist Drummer, kann aber auch in die Saiten hauen. Dennoch ist es natürlich kein klassischer Gitarrist, sondern denkt anders. Daher kommt er oft mit irgendwelchen merkwürdigen Elementen an, die sich extrem von den Ideen unterscheiden, die Josh und ich schreiben. Das ist gut, denn so sind die Stücke noch vielschichtiger. Und wir Stammgitarristen müssen uns ein bisschen mehr anstrengen, das schadet uns auch nicht. Wir brechen nun häufiger aus dem klassischen Vier-Viertel-Takt-Schema aus, das macht das Album spannend.

Erweitert hat sich auch das Stimmspektrum von Corey Taylor. Hat er Unterricht genommen?
Den nimmt er schon seit Längerem. Er hat vor den Aufnahmen zu Slipknots ALL HOPE IS GONE-Album damit angefangen. Das hat ihm geholfen, seine ohnehin melodiöse Stimme noch zu kräftigen und vor allem bewusster einzusetzen. Außerdem tut es ihm auch gut, die Stimme zu trainieren – wir rauchen nämlich alle wie Schlote, das ist natürlich speziell für einen Sänger pures Gift.

Hat jedes Stone Sour-Mitglied gleich viel Mitspracherecht, wenn es ums Songwriting geht?
Ja. Wenn jemand eine Idee hat, dann hat sie potenziell immer die Chance, es bis aufs Album zu schaffen. Jeder hat gleich viel Einfluss, aber unsere Herangehensweise ist ziemlich unterschiedlich. Corey zum Beispiel hat oft als Erstes eine Textzeile im Kopf, ich eine Melodie.

Beim ersten und auch beim zweiten Stone Sour-Album war stets klar, dass Slipknot eure Haupt-Band war. Diesmal scheint sich der Wind jedoch gedreht zu haben…
Das ist richtig. Doch es passierte nicht über Nacht. Aus Joshs und Coreys Project X entwickelte sich die Idee, Stone Sour zu reaktivieren. Das lief gut an, doch mit dem gigantischen Erfolg des zweiten Albums COME WHAT(EVER) MAY konnte niemand wirklich rechnen. Nun stehen wir vor einer neuen Herausforderung, denn unser Ziel ist es, diese Platte zu übertreffen. Unser Problem bestand in erster Linie darin, dass wir uns entscheiden mussten, welche Richtung wir einschlagen wollten. Wir hätten alles tun können: eine wesentlich härtere Platte komponieren können zum Beispiel – oder eine poppige. Die richtige Balance zu finden, war das schwierigste.

Gab es dabei Hilfe von außen?
Wir haben das Glück, selbst entscheiden zu können, wie Stone Sour klingen sollen. Nicht jede Band darf das. Vielmehr ist es gang und gäbe in der Musikindustrie, dass den Künstlern Co-Komponisten zur Seite gestellt werden. Im Grunde sind das Leute, die nichts weiter tun, als die Songs so hinzudrehen, dass sie sich leichter vermarkten lassen. Das wäre nichts für mich. Wenn jemand das bei Stone Sour versuchen würde, gäbe es keinen Grund, noch länger in der Band zu bleiben. Ich würde sofort das Interesse verlieren, denn das hat meiner Meinung nach nichts mehr mit Musik oder Kreativität zu tun.

Und wenn dich jemand bitten würde, für einen anderen ­Künstler einen Song zu schreiben?
Das ist etwas anderes. Für einen jungen, talentierten Sänger, der selbst noch keine Erfahrung im Komponieren hat, würde ich das tun. Doch Stone Sour sind schon viel weiter. Wir haben im Laufe unserer Karriere schon mehrfach bewiesen, dass wir wissen, wie man ein Lied schreibt, das stets authentisch klingt, aber dennoch vielen Menschen gefällt.

Dass du deinen Stil an die jeweilige Band anpassen kannst, hast du jedenfalls bewiesen. Doch wie ziehst du für dich eigentlich die Grenze zwischen den Acts?
Ich arbeite die jeweiligen Unterschiede heraus. Bei Stone Sour haben wir viel mehr Freiheiten als bei Slipknot. Es passiert zwar rein vom Action-Level her weniger auf der Bühne, dafür können wir uns mehr darauf konzentrieren, die Musik neu zu interpretieren. Ich versuche immer, mir die großen Classic Rock-Bands wie The Who oder Led Zeppelin zum Vorbild zu nehmen. Wer einmal THE SONG REMAINS THE SAME gesehen hat, der weiß, von was ich spreche. Die Stücke klingen anders als auf Platte, sie sind viel intensiver, weil sich die Musiker während des Gigs in Rage spielen und den Tracks so zusätzliche Kraft verleihen. Allein der 45-minütige Jam von ›Black Dog‹ ist alles Geld der Welt wert. So etwas gibt es heutzutage nur noch selten. Queens Of The Stone Age sind eine der wenigen Bands, die auf der Bühne noch improvisieren. Es scheint, als ob diese Kunst langsam verloren geht. Das sollte nicht so sein. Daher haben wir uns eine Woche vor Tour-Start in Nashville eingeschlossen. Die Probe stand natürlich im Vordergrund, aber wir wollten auch jammen. Corey zum Beispiel fing an, die ersten Akkorde von ›Through Glass‹ zu spielen, und ich probierte dazu ein bisschen herum, bis wir schließlich richtig in den Song einstiegen. Das war cool!