Steve Harris British Lion – Ein Rock-Märchen

Steve Harris - British LionSteve Harris hat alles erreicht, was man mit harter Musik erreichen kann. Iron Maiden sind zweifelsohne die größte und erfolgreichste Heavy Metal-Band überhaupt. Umso überraschter reagierten Fans daher auf die Ankündigung, dass der Bassist zum ersten Mal in seiner Karriere einen musikalischen Seitensprung begangen hat. Band und Album hören auf den Namen STEVE HARRIS BRITISH LION und gehörten bis kurz vor Veröffentlichung am 24. September zu den bestgehüteten Musikbiz-Geheimnissen dieses Jahres. Classic Rock bekam die Möglichkeit, Steve im Rahmen der Maiden-USA-Tour auf den Zahn zu fühlen.

Mehr als 30 Jahre hat sich Steve Harris ausschließlich um „sein Baby“ gekümmert: Iron Maiden. Seit er die Band 1975 gegründet hat, hält er sie auf Kurs und ist der einzige Musiker, der jeden einzelnen Tag der Bandgeschichte Teil der Band war. An Nebenprojekten hatte er offenbar nie Interesse. Doch am 24. September erscheint nun STEVE HARRIS BRITISH LION, für das Steve mit einer bis dato unbekannten englischen Band zusammengearbeitet hat. Viel Zeit bleibt ihm natürlich nicht neben seiner Hauptband: Mehr als 85 Millionen verkaufte Scheiben und über 2.000 Konzerte in knapp 60 Ländern „passieren“ schließlich nicht mal eben so. Dementsprechend muss die Promoarbeit sich auch dem strikten Maiden-Zeitplan anpassen: Die ersten Interviews finden während der Maiden-USA-Tour statt. Man könnte meinen, dass die Aussicht darauf, in Kürze bei kräfteraubenden 40 Grad Hitze einen Headliner-Gig vor knapp 14.000 Fans zu spielen, auch mit so viel Bühnenerfahrung noch Lampenfieber hervorruft. Doch falls das zutrifft, lässt der Bassist es sich nicht anmerken: Steve ist die Ruhe selbst – und die perfekte Verkörperung des britischen Gentleman, der besonnen und freundlich antwortet, aufmerksam den Fragen lauscht und mit seiner offenkundigen Begeisterung für sein neues Projekt sehr bodenständig und sympathisch rüberkommt.

Dennoch stellt sich natürlich die Frage, was für ihn den Ausschlag gab, seiner Hauptband nach all den Jahren zum ersten Mal untreu zu werden. „Die Motivation war, wie stark das Material ist“, sagt er. „Ich habe ein paar der Songs gehört und fand sie so gut, dass ich der Meinung war, dass sie gehört werden müssen. Als Ausgangssituation gab es da eine Band, der ich einfach ein wenig helfen wollte, und alles andere hat sich dann im Lauf der Zeit so entwickelt. Es hat damit angefangen, dass ich der Band mit dem Management unter die Arme greifen wollte. Auch der neue Name British Lion stammt von mir. Ich habe mit ihnen an den Songs gearbeitet und sie bei der Produktion unterstützt. Ich habe sogar das ursprüngliche Artwork entworfen, auch wenn das jetzt ausgetauscht wurde, da der alte Entwurf nicht so gut gepasst hat. Ich hatte es mir einfach in den Kopf gesetzt, mit diesen tollen Songs etwas anzustellen.“

Die Geschichte, wie Steve Harris überhaupt auf die Band stieß, gleicht einem wahr gewordenen Metal-Märchen: „Der Gitarrist Graham Leslie hat mir das Material vor circa 15 Jahren geschickt“, erinnert er sich. „Die Band lief damals noch unter einem anderen Namen, und die Songs waren auch in deutlich anderen Versionen enthalten. Dennoch war ich sofort beeindruckt, welch gute Songs er da hatte. Als dann noch Richard Taylor als Sänger dazu stieß, hat sich die Sache immer weiterentwickelt. Es war allerdings ein Prozess, der einige Jahre gebraucht hat.“ Es kann also tatsächlich noch passieren, dass man als unbekannte Band ein Demo an den Chef von Iron Maiden schickt und irgendwann mit ihm im Studio steht. Das Songwriting bezeichnet Steve als wirkliches Teamwork: „Der Großteil wurde von Richie, Graham und David (Hawkins, Gitarrist – Anm.d.A.) geschrieben, die anderen haben vor allem bei der Ausarbeitung beigetragen – und sie wussten auch nicht, dass ich meine Finger mit im Spiel habe, haha. Das lief alles geheim ab: Kein Außenstehender wusste davon, wir haben niemandem davon erzählt.“ Steve grinst verschmitzt und freut sich sichtlich, dass die Geheimhaltung so gut funktioniert. Das gilt auch für den heutigen Tag Ende Juni: Außer den eigens angereisten Journalisten sowie den zuständigen Promotern/Managern weiß bis dato noch niemand von Steves neuem Projekt, das erst im August offiziell angekündigt wurde.

Und auch wenn British Lion in puncto Zeitplanung hinter Maiden zurückstehen muss – Steve lässt keinen Zweifel daran, mit welchem Einsatz er an sein Nebenprojekt herangeht: „British Lion ist kein Outlet für Iron Maiden“, betont er. „Aber ich habe so viele Ideen – mehr Ideen, als ich bei Iron Maiden jemals unterbringen könnte. Es braucht also niemand befürchten, dass British Lion meiner Hauptband irgendetwas wegnehmen würde. Es ist mir wichtig, dass die Maiden-Fans wissen, dass ich nichts bei Maiden abzwacke, um es jetzt hier zu verwenden. Bei British Lion arbeite ich mit ganz anderen Leuten, deshalb ist das sowieso eine komplett andere Sache und klingt natürlich auch ganz anders.“

Das kann man nur unterschreiben. Im Gegensatz zu seiner Hauptband fällt STEVE HARRIS BRITISH LION weniger heavy, dafür rockiger aus. Die Songs sind verspielter und experimenteller, dabei aber vor allem auch dank der tollen klassischen Rock-Stimme von Richard Taylor stets eingängig. Dass Steve einen Hang zu etwas progressiveren, experimentelleren Stücken hat, war ja bereits den jüngeren Maiden-Scheiben anzumerken. Es überrascht allerdings durchaus, wie in sich geschlossen das Debüt klingt. Schließlich reden wir hier von einer Scheibe, deren erste Songs noch im Alleingang der anderen Musiker entstanden, und die vor allem über eine enorm lange Zeitspanne ausgearbeitet wurde. „Dass wir mit Iron Maiden nicht mehr so viel touren wie früher, öffnet einige Zeitfenster“, meint Steve pragmatisch. „Ich bin dennoch immer beschäftigt, weshalb es auch so lange gedauert hat, bis das Album fertig wurde. Die ersten Songs haben schon deutlich mehr als zehn Jahre auf dem Buckel. Ich kann selbst gar nicht glauben, wie die ganze Zeit verflogen ist. Maiden werden immer an erster Stelle stehen. Die Fans werden nie hören, dass wir eine Tour nicht spielen, weil ich etwas anderes zu tun habe. Die anderen Bandmitglieder von British Lion haben sozusagen jahrelang auf mich gewartet, damit wir das Album fertigstellen konnten. Aber jetzt ist es geschafft. Wenn es toll läuft… super. Wenn nicht… dann möchte ich trotzdem noch ein weiteres Album machen.“

Und man glaubt es ihm. Schließlich hat der Mann in seiner langjährigen Karriere alle Erfolge erlebt, die man mit einer Metal-Band erreichen kann – und dennoch erzählt er mit einem solchen Enthusiasmus von British Lion, dass man ihm den Hunger darauf, noch einmal an der Startlinie zu stehen und sich neu zu beweisen, deutlich anmerkt. Dabei macht der Bassist aber immer wieder klar, dass Iron Maiden unangefochten auf dem ersten Platz stehen. Es scheint ihm sehr wichtig zu sein, seine Fans diesbezüglich nicht zu enttäuschen. „Das stimmt“, betont Steve. „British Lion kann immer nur ein Seitenprojekt sein. Iron Maiden ist immer mein Leben gewesen, ich würde nicht wollen, dass irgendeine andere Band diesen Platz einnimmt. Es wäre auch gar nicht möglich. Man könnte heutzutage keine Band starten, die den Status von Maiden erreicht. Das war eine einmalige Sache, die ich nicht wiederholen kann. Und warum sollte ich das auch wollen? Maiden gibt es ja schon, British Lion ist für mich in jeder Hinsicht etwas Anderes und Neues. Mit Maiden touren wir jetzt zwar regelmäßiger, aber nicht mehr so lange. Wenn ich mich in den Maiden-Pausen mit British Lion beschäftige, macht das für Maiden keinerlei Unterschied. Aber für mich selbst bedeutet es eine Menge.“

Dass seine Mitstreiter beileibe keine so bekannten Namen in die Promo-Waagschale werfen können wie er selbst, kratzt Steve dabei wenig. „Die anderen sind nicht bekannt“, zuckt er mit den Schultern. „Ich denke, das ist eine gute Sache, weil es frischen Wind bedeutet. Ich hoffe aber, dass sie jetzt bekannter werden, denn sie verdienen es wirklich: Es sind tolle Musiker und Menschen, die jetzt hoffentlich mehr beachtet werden.“ Im Moment spuckt Google bei der Suche nach einem Sänger namens Richard Taylor noch mehrere Kandidaten aus. „Haha, ich habe ihn noch nie gegoogelt, also kann ich dazu gar nichts sagen“, amüsiert sich Steve. „Ich sollte ihn mal fragen, vielleicht gehört er zu den Leuten, die sich selbst googlen.“

Ähnlich locker schätzt Steve auch das Risiko ein, ein Projekt mit Leuten durchzuziehen, die naturgemäß nicht ansatzweise die Erfahrung aufweisen können wie er selbst. „Ich weiß, dass ich mich darauf verlassen kann, dass sie als Musiker erfahren genug sind“, meint er. „Natürlich haben sie nicht die Live-Erfahrung wie jemand, der seit langer Zeit in einer wirklich großen Band spielt. Aber ich habe schon mit der kompletten Besetzung zusammen gespielt, und ich mache mir keinerlei Sorgen, dass wir das super auf die Bühne bringen können.“ Was auch gleich die Frage beantwortet, ob wir uns auf Live-Konzerte freuen können. „Ich würde sehr gerne live spielen, aber das ist einer der Punkte, wo wir noch keine Ahnung haben, in welche Richtung es sich entwickeln wird“, sagt Steve. „Wie soll man eine Tour buchen, wenn man noch nicht absehen kann, wie die Kritiker das Album aufnehmen und ob die Hörer es mögen? Wir werden jetzt erst einmal die CD veröffentlichen und dann schauen, wie es weitergeht. Vielleicht spielen wir dann Konzerte vor 200 Leuten, vielleicht aber auch vor 500. Sicher wird es nicht jeder mögen, aber bisher waren die Reaktionen sehr positiv – wobei das Album bisher nur fünf oder sechs Leute gehört haben…“

Zumindest scheint er keinerlei Berührungsängste zu haben, sich auch wieder in einem kleinen Club auf die Bühne zu stellen. Schwer zu glauben, wenn man sich die Menschenmassen ansieht, die gerade bei 40 Grad Hitze ausharren, um ihn später noch mit Maiden auf der Bühne zu sehen. „Ich hätte auch Spaß daran, vor 15 Leuten zu spielen“, stellt Steve klar. „Wenn du die Musik machst, die dir selbst gefällt, dann machst du sie gerne. Da spielt es keine Rolle, wie groß das Publikum gerade ist. Ich könnte niemals da rausgehen und irgendeinen Bullshit spielen, der mir selbst nicht gefällt. Manche Musiker sind bereit, alles zu spielen, nur um vor irgendeinem Publikum zu stehen. So war ich nie. Ich hatte auch nie Spaß daran zu jammen, nur um irgendwas zu spielen. Es geht nicht nur darum, Musik zu machen, sondern Musik zu machen, die man selbst genießt.“ Und auch hier dringt wieder durch, welchen Spaß Steve an der Arbeit mit British Lion hat. Auch für die anderen Musiker stellt es nach seiner Einschätzung kein Problem dar, dass die Band vom Großteil der Hörer vermutlich eher als Steve Harris-Projekt denn als eigenständige Gruppe angesehen wird. „Die Leute sehen es so, aber das ist okay“, meint er. „Ich denke, dass sich alle Bandmitglieder damit wohlfühlen, denn natürlich generieren wir so viel mehr Aufmerksamkeit. Zudem sehe ich es dauerhaft nicht nur als Seitenprojekt, ich wünsche mir, dass mehr daraus wird, aber wir müssen sehen, wie sich alles entwickelt. Im Moment ist es ein Seitenprojekt für mich, aus dem aber noch viel mehr werden kann. Wir haben da ein wirklich starkes Album. Ich sehe die Substanz für noch viel mehr.“

STEVE HARRIS BRITISH LION wurde in verschiedenen Studios in mehreren Ländern aufgenommen. „Das hatte rein praktische – sprich: geografische und terminliche – Gründe“, erklärt Steve. „Das Album ist ja über einen ziemlich langen Zeitraum entstanden. Wir reden hier von mehreren Jahren.“ Mit dem Mix wurde Kevin Shirley betraut, mit dem auch Iron Maiden schon mehrmals zusammengearbeitet haben. „Ich wusste, dass ihm die Songs gefallen würden und er damit einen wirklich guten Job machen könnte“, lobt Steve. „Außerdem kann ich mit ihm gut zusammenarbeiten. Bei den Maiden-Mixes mit ihm war ich immer dabei. Natürlich dreht er die Knöpfchen, aber ich assistiere ihm sozusagen und teile ihm meine Meinung zu allem mit. Und ich finde, das Resultat spricht für sich.“

Das stimmt zweifelsohne, denn STEVE HARRIS BRITISH LION ist ein tolles Heavy Rock-Album geworden, das progressiv genug ist, um nicht nach wenigen Durchläufen zu langweilen, aber auch eingängig genug, um den Hörer schnell zu fesseln. Dennoch wird es keinen leichten Stand haben. Iron Maiden-Fans sind als sehr treu bekannt, viele verfolgen die Karriere der Band nicht erst seit Jahren, sondern bereits Jahrzehnten. Dementsprechend kritisch wird alles beäugt, was die Maiden-Musiker jenseits ihrer Hauptband treiben. Das 2012 erschienene Debüt von Primal Rock Rebellion, bei dem Adrian Smith mitmischt, wurde ob seiner modernen Gangart von den meisten traditionellen Maiden-Fans mit Missachtung gestraft. „Um ehrlich zu sein, kenne ich nur einen Song, von daher kann ich das nicht wirklich kommentieren“, meint Steve in nüchternem Tonfall und zeigt damit deutliches Desinteresse an den Nebenbeschäftigungen seiner Mitmusiker. Dabei ist er sich durchaus bewusst, dass auch STEVE HARRIS BRITISH LION nicht bei jedem Maiden-Fan ins Schwarze treffen wird. „Ja, natürlich. Einige werden auch bei British Lion intolerant sein“, meint er. „Einige werden es lieben, einige werden es auch hassen. Aber das ist okay. Lieber eine starke, negative Reaktion als gar keine Reaktion. Ich denke, es ist nicht das, was die Leute erwarten, von daher bin ich sehr gespannt auf die Resonanz.“

Spricht‘s und lehnt sich zurück, während es in seinen Augen erwartungsfroh blitzt. Keine Frage – in dem Mann brennt es noch immer. Das merkt man ebenso an der Begeisterung für und über sein neues Projekt wie auch bei der heute noch folgenden Live-Show (Review in der letzten Classic Rock-Ausgabe). Da bleibt nur zu hoffen, dass die Maiden-Fans auch einer Scheibe gegenüber aufgeschlossen sind, die eben nicht „Maiden, Teil 2“ liefert. Aber warum sollte man das auch wollen? Wie Steve selbst so schön gesagt hat: Maiden gibt es ja schließlich schon.