SIGUROS CHAOSEUPHORIE

Ihre Fans wissen es schon lange: Das Einzige, was man von Sigur Rós erwarten kann, ist das Unerwartete. Vier Jahre nach ihrem letzten Album sind sie wieder da und haben mal wieder einen wunderbaren Haken geschlagen. Bitte anschnallen, denn diesmal geht die Reise in erdfernste Sphären…

Wenn von einer Pause auf unbestimmte Zeit die Rede ist und sich der Sänger auch noch Solo betätigt, sieht man gerne mal dunkle Wolken am Himmel über einer Band heraufziehen. So geschehen 2010, als ein angekündigtes Sigur Ros Album lapidar als „Gerücht“ abgetan wurde und Frontmann Jónsi im Alleingang mit eigenem Album um die Welt zog. Dunkle Wolken freilich sind in Island nichts Ungewöhnliches, meistens auch noch wunderschön, und können entweder binnen Minuten verschwinden oder tagelang den Himmel verhängen. Soll heißen: Man kann bei diesem Land, seinen Menschen, seinen Künstlern keine anderswo gültigen Maßstäbe anlegen.

2012 nun sitzen Schlagzeuger Orri Páll Dýrason und Bassist Georg Hólm in einem noblen Boutique-Hotel im Londoner Covent Garden und erklären, wieso die Entstehung ihres neuen Albums VALTARI so viel Zeit in Anspruch nahm. Orri, eindeutig der Wortkargere der beiden, fasst es so zusammen: „Wir hatten eigentlich sofort nach der letzten Tour mit den Aufnahmen begonnen. Aber dann wurde uns im Studio langweilig und wir haben es erst mal auf Eis gelegt. Und wir haben alle Babys gekriegt. Außer Jónsi natürlich.“

Georg ist deutlich auskunftsfreudiger: „Es gab mehrere Anläufe. Wir wussten einfach nie so recht, was wir gerade taten. An einem Tag haben wir ein Ambient-Stück aufgenommen, am nächsten einen netten Popsong. Es war alles sehr verwirrend, unfokussiert, ziellos. Wir hatten dabei zwar eine Menge Spaß, aber es führte zu nichts. Also gaben wir auf.“

Was sehr fatalistisch klingt, stellte sich aber als Segen heraus. Georg: „Wir haben nicht nur einmal aufgegeben, sondern dreimal. Ursprünglich war der Plan ja, ein rein chorales Album zu machen. Daraus wurde aber nichts. Letztlich gab es eben eine Reihe von Sessions über einen großen Zeitraum, aus denen wir lauter kleine Stückchen und Ideen hatten, die wir verwenden wollten. Plus di- verse Aufnahmen von früheren Alben, die wir auch noch aufgehoben hatten. Letzten Oktober schließlich setzten wir uns wieder zusammen und beschlossen, konkret zu werden. Wir mussten irgendwie diese ganze Masse an angehäufter Musik selbst begreifen und zu einem schlüssigen Ganzen verdichten. Und da zeigte sich dann, dass wir richtig gehandelt hatten. Es erwies sich als sehr gesund, dieses Material immer mal wieder ein paar Monate liegen zu lassen, davon Abstand zu nehmen, um es dann später in neuem Licht zu sehen. Rückblickend ergab das alles irgendwie Sinn, und wir konnten ein Album daraus machen.“

Und was für eins. „Valtari“ soll Isländisch für Dampfwalze sein, und in gewisser Hinsicht fühlt es sich tatsächlich so an, als würde man gaaaanz langsam plattgemacht. Dies jedoch nicht im Sinne bleischwerer Zerstörungskraft, sondern umwerfender Ergriffenheit. Klar, epische Klangflächen wie aus einer anderen Welt waren seit jeher das Markenzeichen des Quartetts, mit den letzten bei- den Platten TAKK… und vor allem MEĐ SUĐ Í EYRUM VIĐ SPILUM ENDALAUST aber war man durchaus in griffigere, melodieverliebtere, ja: poppigere Gefilde aufgebrochen. VALTARI, übri- gens laut Georg das einzige Album seiner Band, das er sich zu Hause zum Vergnügen anhört, ist nichts von alledem. Erhaben ätherische Andeutungen von Struktur schweben in sanft entrückten Nebelschwaden vorbei, hier und da funkeln ein paar kristalline Tonfolgen, hin und wieder dringt Jónsis Stimme an die Oberfläche, aber stets nur als eines von vielen Elementen in dieser menschenleeren Gletscherlandschaft von solch majestätischer Schönheit. Kontrapunkte bieten das elegische ›Varúð‹ mit seinem zu einem grandiosen Crescendo anschwellenden Himmelschor und das noch am ehesten als „Lied“ zu bezeichnende ›Rembihnútur‹; der Rest des Albums ist wie der Traum von einer Nahtod-Erfahrung im Flug über den Wolken, der nach dem Aufwachen immer weniger greifbar in die Ferne rückt.

Zurück auf der Erde stellt sich aber vielleicht doch die Frage, wie Georg und Orri die letzten vier Jahre so erlebten. MEĐ SUĐ… war schließlich noch vor dem finanziellen Kollaps ihres Heimat- landes entstanden, und auch bei Sigur Rós darf man die berechtigte Frage stellen, ob und wie das Leben die Kunst beeinflusst hat. Orri: „Diese ganze Krise wurde von den Medien doch über alle Ma- ßen aufgeblasen. Schlimm erwischt hat es diejeni- gen, die Kredite in Fremdwährung aufgenommen hatten, aber sonst… Entlassen wurden eigentlich nur ausländische Arbeiter, die nun nicht mehr ge- braucht wurden. Ansonsten hat sich eigentlich ziemlich wenig verändert.“ Georg fügt hinzu: „OK, diese Kredite in Fremdwährung sind nun illegal, und wir haben eine neue Regierung ge- wählt. Und unsere Wirtschaft boomt schon wie- der. Außerdem hat man in Island ein kurzes Ge- dächtnis. Die Partei, die uns den ganzen Mist eingebrockt hatte, liegt in Umfragen schon wieder vorne. Auf unsere Musik hat sich das alles jeden- falls nicht ausgewirkt, ebensowenig auf die Texte. Wir setzen uns ja immer zusammen und diskutie- ren, welche Worte uns zu den Stücken einfallen. Erstaunlicherweise hatten wir diesmal alle vier sehr ähnliche Assoziationen, und die hatten definitiv nichts mit Politik und Wirtschaft zu tun.“

Ein Zyniker mag nun einwenden, dass man als international erfolgreiche Band natürlich leicht über die Probleme gewöhnlicher Menschen hinwegsehen kann. Aber gewöhnlich ist nichts in Island, also sind auch Sigur Rós unter ihren Lands- leuten nichts Besonderes. „Niemand behandelt uns dort wie Stars“, sagt Orri. „Wenn uns mal jemand anspricht, sind es immer Touristen“, bestätigt Georg. Erfolg ist eben relativ. Georg: „Wir haben viel erlebt, viel von der Welt gesehen. Aber das Leben auf Tour ist nicht glamourös. Es gibt großartige Momente, Konzerte, die man nie ver- gisst. Doch es kann auch wahnsinnig langweilig und monoton sein. Und man ist oft im Zwiespalt. Man kann einen tollen Tag erleben und sich dabei schuldig fühlen. Andererseits kann auch ein übler Tag zu einer guten Erinnerung werden. Jedenfalls sind wir immer glücklich, wieder zu Hause zu sein. Wir waren an so tollen Orten, aber das viele Reisen hat uns auch gezeigt, wie sehr wir unsere Heimat lieben.“

Diese Heimatliebe teilten Sigur Rós ja schon 2007 mit der Welt, als sie an einigen der entlegensten Orte der Insel umsonst auftraten und diese Tour im fantastischen Doku-Meisterwerk „Heima“ festhielten. Noch stärker, das belegten so- wohl die magischen Darbietungen als auch die Interviewschnipsel, ist nur ihre Liebe zur Musik. Weswegen wir wohl keine weiteren vier Jahre auf neues Material werden warten müssen. Georg: „Bis Ende 2013 werden wir jetzt wohl auf Tour sein. Aber wir genießen das Musikmachen so sehr, dass wir noch viel mehr davon machen wollen!“ Egal, wie lang es dauert: Es wird die Wartezeit auf jeden Fall wert sein.