Scorpions – Überlebende

Scorpions 1 @ Marc TheisAuch wenn sie 2010 ihren Abschied bekannt gaben, sind die deutschen Hard Rocker momentan beschäftigter denn je.

In den vier Dekaden ihrer Karriere entwickelten sich die Scorpions vom Geheimtipp zu Superstars. Natürlich mussten sie dabei auch Rückschläge hinnehmen, wie beispielsweise den Weggang von Schlüsselfiguren wie Michael Schenker und Uli Jon Roth, die Trennung von ihrem Produzenten und Mentor Dieter Dierks und das beinahe fatale Erscheinen des Grunge. Doch die Scorpions sind vor allem eins: Überlebende. „Nicht schlecht für einen Haufen alter Männer, oder?“, lacht Sänger Klaus Meine, als sich CLASSIC ROCK mit ihm und Gitarrist Rudolf Schenker in München trifft, bevor die nächste Phase ihrer Abschiedstour eingeläutet wird.

Ende letzten Jahres habt ihr das Album COMEBLACK veröffentlicht. Wie war es, euer altes Material noch einmal neu aufzunehmen?
Klaus Meine: Das Aufregendste daran war, dass wir die Chance bekamen, die Songs in einem aktuellen Sound aufzunehmen. Außerdem haben wir manche Passagen etwas anders arrangiert. Hier ein Beispiel: ›Still Loving You‹ war ein so großer Hit in Frankreich, dass wir nun eine Version mit der französischen Sängerin Amandine Bourgeois aufgenommen haben.

Welches Album hat euch zum ersten Mal Gänsehaut verschafft?
Klaus Meine: Ich hatte eine coole Cousine namens Vera. Sie hat mich auf Little Richard und Elvis gebracht. Little Richard hat mich damals umgehauen, all dieses Geschrei. Das war wie eine Revolution. Bis dato hörte man im Radio im Nachkriegsdeutschland nur fröhlichen Pop und Schlager. Diese Musik wurde für die Generation unserer Eltern kreiert, die das Land neu aufbauten. Jeder war froh darüber, den Zweiten Weltkrieg überlebt und nun die Möglichkeit zu haben, das Land neu zu formen und ein normales Leben im Frieden zu führen. Der Schlager spiegelte dieses Jahrzehnt wieder. Es gab kei-ne Rebellion. Doch als der Rock’n’Roll auftauchte, lag Rebellion in der Luft. Wir hatten längere Haare und sahen anders aus. Wir wollten uns von unseren Eltern klar abgrenzen. Es war einfach unmöglich, die Musik zu hören, die sie mochten. Als die Rolling Stones ihre ersten Konzerte in Deutschland spielten, brach Chaos aus. Konzerthallen wurden zerstört. Das war eine wundervolle Zeit.

Hast du das genauso empfunden, Rudolf?
Rudolf Schenker: Auf jeden Fall. Ich hasste Schlagermusik. Sie war grauenhaft. Die Entdeckung von Little Richard und Elvis verlieh meinem Leben ein neues Ziel. Meine Eltern schenkten mir zum 16. Geburtstag eine Gitarre. Mein Vater gab sie mir anstelle eines Motorrads, weil er nicht wollte, dass ich mich damit umbringe. Zur selben Zeit spielte ich Fußball und erkannte, dass Gitarre spielen um einiges schwerer war, als Fußball zu spielen. In einem Ferienlager traf ich dann ein paar Typen, die mir von einer Band erzählten, die in einem Hamburger Club namens Star Club spielten. Das waren die Beatles. Als ich anfing, ihre Musik und die der Rolling Stones zu hören, sagte ich: „Ja! Jetzt muss ich anfangen, selber Musik zu machen!“ Ich schnappte mir meine Gitarre und fing sofort an, eigene Songs zu schreiben.

Du hast einmal gesagt, dass man nach dem Zweiten Weltkrieg nicht gerade stolz war, ein Deutscher zu sein.
Klaus Meine: Wir waren nicht stolz auf unser Land, seine Geschichte oder unsere Vergangenheit. Die Musik schenkte uns die Möglichkeit, unserer vom Krieg erschütterten Vergangenheit zu entfliehen. Wir wollten uns in einem angenehmeren internationalen Umfeld platzieren. Wir wollten sein wie die Beatles, die Rolling Stones oder The Who. Damals gab es nur eine Möglichkeit, eine Band auf die Beine zu stellen: Man musste kreischende Gitarren und englische Texte haben.
Rudolf Schenker: Das schlimmste für mich war damals, als ich zur Bundeswehr musste. Das war gesetzlich vorgeschrieben. Ich tauchte dort mit einer Zahnbürste in einer Plastiktüte auf, weil ich wusste, dass ich dort nicht lange bleiben würde. Ich war unkontrollierbar, und sie mussten mich gehen lassen, bevor ich etwas völlig Verrücktes anstellte und mich umbrachte. Damals hatten viele Deutsche noch die Denkweise von Adolf Hitler: Du darfst nicht klagen, du musst fröhlich sein, du musst so oder so sein. Ich sagte: „Das muss ich nicht. Ich will mein eigenes Ding durchziehen.“ Zum Glück vertrat mein Vater dieselbe Philosophie. Als er damals bei der Armee war und herausfand, was Hitler im Schilde führte, sagte er: „Nein, ich will keine Menschen töten.“

War die Aussicht auf weltweiten Erfolg in euren Anfangstagen ein Traum?
Klaus Meine: Wir wollten unsere Musik in die ganze Welt hinaustragen. Doch damals lachten uns die meisten Leute aus. Aber Rudolf hatte die Vision, dass die Scorpions eines Tages zu den 30 besten Hard Rock-Bands der Welt zählen würden.
Rudolf Schenker: Ich habe das damals in einem Interview gesagt, das ich 1971 mit einem deutschen Magazin führte. Für mich war das von Anfang an eine klare Sache. Ich traf damals einen Typen von RCA America und sagte zu ihm, dass wir großen Erfolg in den USA haben könnten. Er sagte: „Verkauft mehr Platten. Dann können wir über eine Tour reden.“ Ich wusste, dass wir es in den Staaten schaffen konnten. 1976 rief mich Michael (Schenker, Rudolfs jüngerer Bruder und ehemaliger Gitarrist bei den Scorpions) an und sagte: „Rudolf, ihr müsst unbedingt nach Amerika kommen. Hier gibt es eine Band namens Van Halen, die in L.A. auftritt und eure Songs spielt.“

Ist es wahr, dass euer erster Produzent Conny Plank einige skandalöse Pläne für die Band hatte, unter anderem die Umbenennung in Stalingrad?
Klaus Meine: Das stimmt. Wenn man genauer darüber nachdenkt, wäre das heutzutage – in der Rammstein-Ära – ein cooler Name. Doch damals war der Zweite Weltkrieg noch zu nah, und deswegen war das keine Option für uns. Conny ging noch weiter. Er wollte, dass wir auf der Bühne Nazi-Uniformen tragen. Ich weiß nicht, was Conny geraucht hat, um auf solche Ideen zu kommen. Es passte aber auch einfach nicht zu unserer Musik.

Euer Album VIRGIN KILLER von 1976 rief Meinungsverschiedenheiten hervor, als es aufgrund des kontroversen Covers aus Wikipedia verbannt wurde.
Klaus Meine: Es ist schon bizarr, dass dieses Cover nach so vielen Jahrzehnten diesen Rummel ausgelöst hat. Es war damals natürlich als Provokation gedacht. Es war sicher kein Album, das man seinen Verwandten zu Hause schenkt. Auf der anderen Seite hatte es absolut nichts mit Pornografie zu tun – das war unsere künstlerische Ansicht. Wenn du dir Led Zeppelins HOUSES OF THE HOLY oder das erste Album von Blind Faith ansiehst, dann war es zu der Zeit nichts Besonderes. Doch heute gibt es das Internet und dadurch viele Porno-Seiten. Deswegen ist die Sache delikater, und das fühlt sich nicht gut an. Es hat sich, ehrlich gesagt, nie richtig gut angefühlt. Uli Roth hat den Song geschrieben. Er handelt vom Erwachsenwerden. Der wahre „Virgin Killer“ ist die Zeit und das, was um uns herum in der Welt geschieht.

Dieter Dierks trug wesentlich zu eurem Erfolg bei. Er hat jedes Album zwischen 1975 und 1988 produziert. War es ein Fehler, sich von ihm zu trennen?
Klaus Meine: Wir sind nicht froh darüber. Aber am Ende der 80er war es wichtig für uns, zu gehen und neue Erfahrungen durch die Arbeit mit verschiedenen Produzenten in verschiedenen Studios zu sammeln. Beide Seiten nahmen sich das eine Weile lang übel. Aber vor etwa sieben Jahren gingen wir zu Dieter ins Studio und nahmen ein paar Songs auf. Es war wie früher.
Rudolf Schenker: Dieter verlieh uns einen tollen Sound, und wir trieben ihn auch an. Das wirkliche Problem bestand darin, dass wir bei ihm unter Vertrag standen und er somit die Kontrolle über alles hatte. Das ist auf lange Sicht sehr ungesund. Seine Verträge waren unfair, und wir mussten uns gegen ihn auflehnen. Deswegen mussten wir nach WORLDWIDE LIVE einfach eine Pause einlegen. Dadurch ging der Erfolg in Amerika erst einmal zu-rück. Auf SAVAGE AMUSEMENT machte Dieter den Fehler, mit Mutt Lange konkurrieren zu wollen. Die Songs sind toll, aber die Produktion kalt und digital. Es besitzt nicht die Magie von LOVEDRIVE, BLACKOUT und LOVE AT FIRST STING.

Euer EYE II EYE Album von 1999 wirkte wie eine übereilte Reaktion auf die Veränderungen in der Musikszene in den 90er Jahren.
Rudolf Schenker: Als wir EYE II EYE aufnahmen, machten wir dieselben Fehler wie U2. Uns stand eine neue Technologie zur Verfügung, mit der du deine Musik mit ein paar Samples auf dem Klo machen konntest. Mein Bruder sagte in einem Interview mit einem japanischen Magazin: „Rudi macht jetzt Tanzmusik.“ Aber als wir EYE II EYE aufnahmen, sagte ich zu unserem Produzenten Peter Wolf, dass ich mir zu 100 Prozent sicher bin, dass der Classic Rock zurückkommen wird, wenn die Grunger und Alternativler endlich lernen, Gitarre zu spielen und sich zu richtigen Rockbands entwickeln. Genauso war es mit dem Punk.

Ausgenommen von euch hatten die Scorpions 15 verschiedene Mitglieder. Warum kommen und gehen so viele Leute?
Rudolf Schenker: Eins möchte ich klarstellen: Ich musste nie jemanden feuern. Alle gingen aus freien Stücken.
Klaus Meine: Ich denke, dass alle, die die Band verlassen haben, in der jeweiligen Zeit triftige Gründe hatten, aber sie haben einen großen Fehler gemacht. Zum Beispiel Joe Wieman, einer unserer Schlagzeuger, der 1977 zur Band kam. Er verbrachte seine Flitterwochen in Deutschland und hörte im Radio, dass die Scorpions einen Schlagzeuger suchen. Er kam zum Vorspielen und wurde engagiert. Ein paar Monate später fuhr er den Transporter mit unserem Equipment und hatte einen schweren Unfall. Wir wären alle beinahe umgekommen. Seine Frau sagte: „Mir reicht’s. Ich will zurück ins sonnige Florida.“ Viele Jahre später spielten wir in Miami, und Joe besuchte uns mit seinen erwachsenen Kindern. Sein Sohn sagte: „Dad, warum hast du diese coole Band verlassen?“ Soviel zu falschen Entscheidungen. Rudolf, Matthias (Jabs, langjähriger Gitarrist) und ich sind ein großartiges Team. Zwischen uns herrscht eine tolle Chemie. Dafür sind Freunde da, glaube ich. Wir sind traurig um alle, die gegangen sind.

Ihr habt eure Auflösung 2010 bekannt gegeben. Wann habt ihr beschlossen, aufzuhören?
Klaus Meine: Ich glaube, das war am Ende der Aufnahmen zu STING IN THE TAIL. Wir haben uns die Songs noch einmal angehört, und unser Manager sagte: „Das ist wahrscheinlich euer bestes Album seit 20 Jahren. Eure Musik passt perfekt in den Zeitgeist. Classic Rock ist wieder da.“ Jeder Musikstil kommt irgendwann zurück. Daran haben wir immer geglaubt. Auch in den späten Neunzigern, als wir kurz davor waren, uns aufzulösen. Alle Plattenfirmen wollten nur neue Bands unter Vertrag nehmen. Wir waren nur die alten Langweiler aus der Vergangenheit. Doch wir erkannten, dass wir warten mussten, bis unser Musikstil wieder gefragt sein wird. Und so geschah es!

Ihr habt euer bestes Album in 20 Jahren aufgenommen und eure Shows sind weltweit ausverkauft. Trotzdem hört ihr auf. Habt ihr je bereut, diesen Schritt gegangen zu sein?
Rudolf Schenker: Du musst das aus dem Moment heraus betrachten. Man weiß nicht, was in zwei Jahren geschehen wird. Wir können immer noch springen und rennen. Wir können die Erwartungen immer noch erfüllen. Als wir in Amerika spielten, fragten die Kritiker, warum die Scorpions so viel besser aussehen als ihre eigenen Bands. Das liegt daran, dass ihre Bands zu viele Drogen genommen haben. Aber das funktioniert nur, wenn wir 150 Prozent geben können. Wenn wir das nicht können, haben wir das Gefühl, dass wir betrügen. Wir möchten nicht, dass das Publikum eines Tages sagt: „Warum machen die das immer noch? Ich habe sie vor ein paar Jahren gesehen, und da waren sie noch gut!“
Klaus Meine: Als wir unsere Auflösung bekannt gaben, wussten wir, dass wir für STING IN THE TAIL zwei bis drei Jahre unterwegs sein würden. Das haben wir bei jedem Album so gemacht. Wenn also Leute zu mir kommen und sagen: „Klaus, wie fühlt man sich im Ruhestand?“ dann sage ich: „Warum? Wir sind doch immer noch unterwegs.“ Doch wir meinen die Auflösung ernst, da wir endlich wieder Erfolg haben und ganz oben stehen. Wir wollen aufhören, solange der Hurricane noch tobt und nicht, wenn er wieder abgeflaut ist.

Wann werdet ihr eure letzte Show geben?
Klaus Meine: Keine Ahnung. Momentan ist sie für Ende 2012 geplant. Aber man weiß ja nie. Es könnte auch eine weitere Show im Frühling 2013 geben.

Was wollt ihr tun, wenn ihr im Ruhestand seid?
Klaus Meine: Ich kann mir ein Leben ohne Musik nicht vorstellen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass man mich in naher Zukunft auf einem Golfplatz sieht. Wenn wir das Buch mit dem Titel Scorpions schließen, wird es eine neue Seite im Buch des Lebens geben. Ich denke, früher oder später wird mich Rudolf während der Arbeiten an einem neuen Projekt anrufen und sagen: „Klaus, ich brauche einen Sänger!“ Und ich werde das versuchen.

Ihr könntet ein Schlager-Album aufnehmen!
Klaus Meine: (lacht) Auf keinen Fall!