Santana – Spiel ohne Grenzen

santana_illu15 Jahre nach SUPERNATURAL versucht es der Altmeister mit einer Latin-Variante des legendären Megasellers. Dass die Hälfte
der beteiligten Künstler hierzulande weitestgehend unbekannt sind, stört ihn wenig. Hauptsache, die Botschaft stimmt. Und die lautet  auf CORAZON einmal mehr Liebe, Frieden und multikulturelle, grenzüberschreitende Musik – eben wie einst in Woodstock.  CLASSIC ROCK hat den 66-Jährigen in Madrid getroffen und eine 30-minütige Lektion in Sachen Weltoffenheit erhalten.

Carlos, du hast immer gerne mit Latin-Vibes experimentiert, ihnen aber noch nie ein ganzes Album gewidmet. Bis jetzt…
Ich weiß. (lacht) Aber es war einfach Zeit dafür. Und es war mein Manager, der meinte: „Ich habe da eine Idee – warum machen wir nicht SUPERNATURAL mit Latin-Künstlern?“ Ich dachte erst, ich höre nicht richtig. Aber je mehr ich darüber nachdachte, desto besser fand ich den Vorschlag. Wir haben uns dann nach und nach befreundete Künstler ins Studio geholt und verschiedene Songs probiert, die so etwas wie Standards oder Klassiker dieses Genres sind. Was ein bisschen was davon hatte, als ob man einen Film dreht. Denn jeder Song stellt eine andere Szene mit anderen Schauspielern dar, die ich nach meinen Vorstellungen und Wünschen dirigieren konnte.

Da du gleichzeitig ein festes Engagement im House Of Blues in Las Vegas hattest: Bist du tagsüber ins Studio und abends auf die Bühne gegangen?
Ganz genau – ich habe einfach eine Doppelschicht geschoben. Und das hat sich gelohnt. Denn es war eine Offenbarung. Die Leute sind von überall gekommen – aus Argentinien, Kolumbien, Spanien, woher auch immer. Alles, was ich machen musste, war anwesend zu sein, ihnen tief in die Augen zu schauen und meinen Teil zu dem beizusteuern, was da passierte.
Was hat dich überhaupt ins Mekka des Glückspiels verschlagen? Und vermisst du San Francisco nicht – das Meer, die Luft, das Urbane?
Mein Zuhause befindet sich in meinem Herzen. Ich kann überall auf der Welt leben. Und jeder Ort, an dem ich mich aufhalte, ist nur ein weiterer Raum. Der Grund, warum ich gerade so viel Zeit in Las Vegas verbringe, ist einfach der, dass ich die Wüste liebe. Ganz abgesehen davon war ich von 1962 bis 2010 in San Francisco. Und nachdem ich mich erst einmal entschieden hatte, wegzuziehen, ist mir das auch nicht sonderlich schwer gefallen. Ich meine, ich bin immer noch oft in der Bay Area. Einfach, weil ich ein Haus in Tiburon habe – und vier Schwestern und zwei Brüder. Aber dort stehst du ständig im Stau, weil die Leute zu stolz sind, um öffentliche Transportmittel zu nutzen. Das wird seit 35 Jahren immer schlimmer. Und deshalb gibt es nur eine Lösung: Du musst die Dimension, in der du dich bewegst, ändern, und in eine andere, bessere wechseln. Darum geht es: Man muss über den Dingen stehen und es anders machen als alle anderen. Womit wir dann bei CORAZON wären, bei dem mentalen Schlüssel.

Also steckt hinter dem Titel nicht nur der spanische Begriff für „Herz“, sondern schon ein bisschen mehr?
Stimmt. Das Herz verteilt nicht nur das Blut in deinem Körper und deinem Gehirn, sondern von ihm gehen auch Inspiration, Anspruch und Wille aus. Das sind alles kraftvolle Energien. Also der Stoff, den Menschen brauchen, um Wunder zu bewirken, um etwas Besonderes zu leisten. Deshalb auch dieses Sprichwort: „Der Kopf ist nicht nur ein Huthalter und das Herz mehr als ein Organ, das Blut pumpt.“ Das Herz ist eine Tür zur Ewigkeit. Die Leitung, durch die Songs wie ›Imagine‹ oder ›One Love‹ fließen. Es ist zweifellos der Kanal, aus dem die besten Stücke dieser Welt stammen.

Nach welchen Kriterien hast du die Künstler für dieses Projekt ausgewählt? Und warum sind da etliche am Start, die in Europa gänzlich unbekannt sind – war dir das etwa nicht wichtig?
Na ja, in ihrer Heimat füllen sie sogar Stadien. Im Ernst: Los Fabulosos Cadillacs, Skank oder Diego Torres sind bei sich Zuhause absolute Superstars, die jedes Kind kennt. Und die Songs bzw. die jeweiligen Künstler für die einzelnen Songs auszusuchen, war für mich ein echter Traum. Wie etwa die Nummer von Cesaria Evora, der Königin der Latin-Musik, die jetzt Gloria Estefan singt. Was ja passt, denn Gloria ist die neue Königin dieser Musik. Und diesen Status fordert sie ein, sobald sie singt. Da ist sie wie Santana: Sie hat es einfach drauf – das gesamte Programm. (lacht)

Wobei du dich nicht auf traditionelle Latin-Töne beschränkst, sondern auch auf progressive Sachen wie etwa Ska zurückgreifst. Einfach, um Offenheit bzw. Flexibilität zu demonstrieren?
Und weil das tolle Musik ist. Sie basiert auf Polka, eine der fröhlichsten Sachen, die es gibt. Was ja auch der Grund ist, warum z.B. das Oktoberfest in München gefeiert wird – es ist einfach ein willkommener Anlass, um eine lokale Version davon zu spielen. Wenn du dann noch dieses afrikanische Element einfließen lässt, wird es zu Ska. Was nichts anderes ist als das, was in New Orleans als „Sadico“ und in Südafrika als „Zulu“-Musik bezeichnet wird. Es hat unterschiedliche Namen, aber im Grunde ist es Polka. (lacht) Und sie steht dafür zu feiern und fröhlich zu sein. Ich glaube, es ist das erste Mal überhaupt, dass ich mich daran versucht habe. Und ich würde gerne mehr davon machen. Denn ich mag den Klang des Akkordeons, egal ob es aus Südafrika, Argentinien, Frankreich oder New Orleans stammt.

Ist das die Zukunft: Santana goes Polka?
(lacht) Warum nicht? Das könnte ich mir durchaus vorstellen. Schließlich habe ich ja auch Gypsy-Blut in meinen Adern. Das schlägt immer wieder durch…

Warum dann aber ein Cover von Bob Marleys ›Iron, Lion, Zion‹, zusammen mit seinem ältesten Sohn Ziggy? Wie passt das in den Latin-Kontext?
Weil es letztlich gar nicht so wichtig ist, ob das Ganze auf Spanisch gesungen wird, von einem Spanish Lover handelt oder was auch immer. Der entscheidende Punkt ist vielmehr: Wir spielen alle afrikanische Musik. Also, egal was unter dem Begriff „Latin“ firmiert, es kommt alles von dort. Und ›Iron, Lion, Zion‹ ist ein unglaublich kraftvoller Song – wie ein Zug. Ich mag Stücke, die eine solche Dynamik haben. Deshalb freue ich mich auch wahnsinnig auf die US-Tournee mit meinem Bruder Rod Stewart, die Ende April anläuft. Und ›Iron, Lion, Zion‹ ist ein Stück, das ich gerne live mit ihm bringen würde. Oder alternativ dazu vielleicht auch ›Satisfaction‹ von den Rolling Stones. Allerdings in der Version, wie sie Otis Redding 1967 in Paris gebracht hat. Das war ebenfalls wie ein Zug – wie eine gut geölte Lokomotive. Und ich habe keinen Zweifel: Hätte Bob Marley uns nicht so früh verlassen, er und ich hätten garantiert zusammen Musik gemacht. Genau wie Marvin Gaye, Jimi Hendrix oder Stevie Ray Vaughan – sie alle hätten irgendwann mit mir gejammt. Einfach, weil wir für dieselbe Sache stehen: Für universelle Musik, die keine Grenzen und Schubladen kennt.

Und die nicht einmal vor einer Dance-Version von ›Oye Como Va‹ zurückschreckt?
Richtig. Ich habe mir meinen Bruder Pitbull sehr genau angeschaut, und alles, was er anfasst, verwandelt sich in Musik, die unzählige Menschen glücklich macht. In Amerika läuft sie überall. In jedem Stadion, bei Basketballspielen, in der Halbzeitpause von Football-Begegnungen, usw. Einfach, weil sie die Leute in Feierlaune versetzt und auch bei der Jugend ankommt. Wenn alles klappt, wird ›Oye‹ nun schon zum dritten Mal ein Hit. Denn es war ja bereits auf ABRAXAS und SUPERNATURAL vertreten. Insofern hat der Song etwas von einem Fluss, der nie versiegt.

Was will Carlos Santana der Jugend – sofern er sie erreicht – sagen bzw. mit auf den Weg geben?
Das sie endlich aufhören soll, Playback zu singen. Denn das ist unerträglich! Macht es wieder richtig und in realer, nicht virtueller Zeit. Habt das Selbstvertrauen, ein Mikro in die Hand zu nehmen und denjenigen, die euch zuhören, eine Gänsehaut zu verpassen. Denn mit Playback lässt sich das kaum erreichen. Das ist ja Musik aus der Konserve – sie hat einen Deckel, ein Dach. Also: Nehmt den Deckel ab, geht zurück in die Zukunft, aber hört auf mit diesem Playback-Blödsinn.

Hast du keine Angst, deine alten Fans mit ›Oye 2014‹ zu verschrecken? Stellst du sie da nicht auf eine ziemliche Belastungsprobe?
Wenn ich nur Sachen für die alten Fans machen würde, hätte es SUPERNATURAL nie gegeben. Und ich bin ja auch kein Hamster im Laufrad oder sonst ein Tier, das in einen Käfig gesperrt wird, um zu tun, was man von ihm erwartet. Natürlich gibt es immer Leute, die sagen: „Das Stück bedeutet mir so viel, weil ich dazu zum ersten Mal Sex auf dem Rücksitz eines Autos hatte.“ Dem kann ich nur entgegnen: „Hey, das ist OK. Aber besorg dir endlich ein neues Auto und versuch es noch mal.“ Stimmt doch, oder? Deshalb ist meine neue Lieblingsformulierung: „Seht bloß zu, dass euer Verstand nicht in eurem Hirn stecken bleibt. Und erwartet das auch nicht von mir.“ Denn ich bin frei und ich mache Musik mit wem ich will – egal, ob das Wayne Shorter, Herbie Hancock, Andrea Bocelli, Justin Timberlake, Justin Bieber oder Lady Gaga ist. Wenn sie mit mir aufnehmen wollen, ist das eine Ehre und ein Privileg. Punkt. Ich würde mir nie herausnehmen zu sagen: „Ich stehe über ihnen.“ Denn das tue ich nicht. Ich stehe nicht unter, aber auch nicht über anderen Künstlern. Wenn mich jemand einlädt, muss ich mir nur den jeweiligen Song anhören, um zu wissen, ob ich etwas dazu beitragen kann, oder nicht.

Wenn CORAZON das spanische SUPERNATURAL ist: Wird es einen zweiten Teil davon geben? Wen hast du dafür in der Hinterhand?
Das hängt allein von den Songs ab. Aber ganz ehrlich? Ich glaube nicht, dass es soweit kommen wird. Das haben wir ja schon einmal versucht – mit SHAMAN. Und wirklich funktioniert hat es nicht. Weshalb das, worauf ich mich als nächstes konzentriere, auch ein neues Album mit der Originalbesetzung von Santana sein wird – mit Gregg Rolie, Michael Shrieve und Michael Carabello. Das ist das Nächste, was kommt. Sprich: Sobald ich mit CORAZON und dem Buch durch bin, das kurz darauf erscheinen wird. Es heißt „The Universal Tone“ und soll ein bisschen Licht in meine Geschichte bringen.

Also eine offizielle Autobiographie?
Ganz genau. Es gibt zwar schon ein paar Bücher über mich, aber die wurden von Leuten geschrieben, die nicht wissen, wer ich bin und wie ich rieche. Von daher nenne ich sie Geier. (lacht)

Wonach riecht Carlos Santana?
Nach Mexiko. (lacht) Nach Woodstock. Nach Freiheit und nach Liebe.