Sammy Hagar: Lebensweisheiten

Der „Red Rocker“ spricht über den frühen Glauben an sich selbst, Montrose, Van Halen, Chickenfoot, Solo-Erfolge und darüber, eine, nun ja … Schlampe zu sein.

Rockmusiker, Gastronom, Autor, Multimillionär, Geschäftsmann – Sammy Hagar hat es geschafft, im notorisch unsteten Musikbusiness „lebenslänglich“ aktiv zu sein. In einer noch lange nicht beendeten Karriere, die mittlerweile fünf Jahrzehnte umspannt, hat der 69-jährige Kalifornier mit Montrose, Van Halen, Chickenfoot, The Circle sowie als Solokünstler Bühnen elektrisiert. Kein Wunder also, dass er erst mal laut lacht, als er gebeten wird, diese illustre Laufbahn in einer Stunde zusammenzufassen. „Da brauchen wir eher eine Woche, aber sehen wir mal, wie‘s läuft.“

Dieser 25-Jährige, der 1973 bei Ronnie Montrose anklopfte, um eine Band zu gründen: Wer war dieser Junge?
Das war ein Junge, der Ruhm und Reichtum wollte, und zwar so dringend, dass er alles dafür getan hätte. Ich hatte Ronnie am Abend davor im ausverkauften „Winterland“ mit Edgar Winter gesehen, der zu dem Zeitpunkt auf Platz 1 der amerikanischen Albumcharts stand. Für mich war er also ein großer Rockstar und meine Fahrkarte in die Oberliga. Ich glaubte wirklich daran, dass ich es schaffen könnte.

Es gilt zwar als ewiger Klassiker, aber das erste Montrose-Album schaffte es nie in die Charts. Hat das an deinem Selbstvertrauen genagt?
Nein. Allein die Chance zu bekommen, eine Platte aufzunehmen, bedeutete für mich, dass ich den Fuß in der Tür hatte. Ich hätte es geliebt, über Nacht Erfolg zu haben, aber ich hatte auch kein Problem damit, hart zu arbeiten. Da ich aus ärmlichen Verhältnissen kam, kannte ich nur den schweren Weg, um etwas zu erreichen.

Du hast mal gesagt, dass du damals eine Schlampe warst.
Oh ja, ich war sehr promiskuitiv. Ich betrachtete das als Teil der Belohnung für den Ruhm. Der Rock‘n‘Roll war für mich so eine Traumwelt, wenn es also um Groupies ging, dachte ich, tja, so macht man das nun mal, wenn man ein Star sein will.

Wie hast du dich gefühlt, als Ronnie am Ende der ersten Europatournee Montrose einfach auflöste?

Als hätte man mir einen Magenschwinger verpasst. Ronnie entfernte sich immer mehr, also wusste ich, dass da was im Busch war. Trotzdem war es furchtbar. Ich hatte nicht einen Pfennig auf der Bank, eine Frau und ein Baby zuhause, also war das eine sehr unsichere Zeit. Ronnie war ein ziemlich schwieriger Typ, er sorgte gerne dafür, dass andere sich unwohl fühlen.

Ted Templeman, der Produzent von Montrose, lehnte es ab, dich als Solokünstler unter Vertrag zu nehmen. Hat dich das motiviert, ihm zu beweisen, was du drauf hast?
Anfangs war das entmutigend, denn Ted war sehr mächtig bei Warner. All seine Projekte bekamen Aufmerksamkeit. Aber ich denke, der wahre Grund, warum er nicht mit mir arbeiten wollte, war politischer Natur – dank Ronnie. Er dachte sich wohl: „Wenn ich Sammy unter Vertrag nehme, wird Ronnie mich hassen und nichts mehr mit mir machen wollen“. Hätte er nicht an mich geglaubt, hätte er mir wohl nicht das Geld gegeben, um meine Demos aufzunehmen.

1977 bist du mit Kiss zum ersten Mal im Madison Square Garden aufgetreten. Das hätte ein Traum sein sollen, aber stattdessen wurde es zum Alptraum und das Publikum buhte dich aus.
Mann, so wie du diese Fragen stellst, erinnerst du mich daran, dass ich ein paar ziemlich miese Zeiten in diesem wundervollen Leben hatte! Aber es ist wahr. Die Kiss-Fans wollten mich umbringen. Und ich dachte mir nur: „Fuck you, Leute!“. Ich war wütend, und diese Show hat mich wirklich angestachelt. Bei der nächsten ging ich auf die Bühne und dachte mir: „Ich werde diese Leute fertig machen!“ Und so gehe ich seit jenem Abend an jeden Live-Auftritt heran.

1981 warst du erst der dritte Künstler, der bei Geffen Records gesignt wurde. Was überzeugte dich davon, bei ihnen zu unterschreiben?

Ich hatte so einen miesen Vertrag mit Capitol und verdiente keinen Pfennig. Capitol sah mich nicht als Top-40-Act, sondern als Straßenkrieger. Doch John Kalodner, der A&R-Mann von Geffen, sagte: „Du solltest ein Superstar sein, du solltest Millionen von Platten verkaufen, und wir werden dir eine Million Dollar geben, damit du die Songs schreiben kannst, die dich zum Star machen“. Ich schrieb 28 Songs für STANDING HAMPTON, verkaufte eine Million Exemplare davon und wurde so zu einem Act, der große Hallen füllte.

Warum hat deine Supergroup HSAS mit Neal Schon nicht funktioniert?
Rückblickend verstehe ich es. Ich habe kapiert, dass man nicht erwarten kann, dass ein Live-Album so gut wie FRAMPTON COMES ALIVE wird, wenn niemand die Songs kennt. Die Plattenfirma drehte durch. Sie hatten uns viel Geld für diese Platte gegeben, die dann böse floppte – das waren vielleicht 75.000, 100.000 Verkäufe.

Natürlich wusstest du schon von Van Halen, bevor du 1985 bei ihnen eingestiegen bist. Was waren deine ersten Eindrücke von der Band?
Ich fand sie total cool. Es gefiel mir, dass sie tolle Hardrock-Popsongs schrieben. Sie waren wirklich einzigartig, ihre Musik war rau, aber süß. Ich war immer beeindruckt von ihnen, auch wenn ich Roths Gehabe nicht so mochte.

Dein Manager dachte, du seist verrückt, bei ihnen einzusteigen. Wieso hast du es getan?

An dem Punkt in meinem Leben brauchte ich einen Grund, weiterzumachen. Ich hatte vier Platin-Alben in Folge veröffentlicht, konnte in fast jeder Stadt in Amerika zweimal die größte Halle ausverkaufen und dachte mir: „Was soll ich jetzt tun? Ich brauche nicht noch mehr Geld, und ich brauche nicht noch mehr Ruhm …“ Ich suchte nach Inspiration, und die brachte mir Eddie Van Halen. Ich dachte: „Das ist fucking großartig. Das ist besser als das, was ich alleine auf die Beine stellen kann“.

Deine ersten Jahre bei Van Halen klangen ziemlich idyllisch.
Wir hatten damals so viel Spaß und erreichten so viel – Nr.-1-Alben, ausverkaufte Stadien im ganzen Land, ein Haufen Auszeichnungen. Das einzig Negative daran war, dass wir so überzeugt davon waren, alles tun zu können, dass Arroganz daraus wurde. Es war wie nie enden wollende Flitterwochen.

Wann fing es also an, abwärts zu gehen?
Als [Van Halens Manager] Ed Leffler starb, ging alles in die Brüche. Die Wölfe schlichen um uns herum und die Geier kamen näher. Wir fingen an, uns über alles zu streiten. Aber sah ich voraus, dass sie mich rauswerfen würden? Nein. Ich war schon in Bands gewesen, die sich untereinander noch schlechter verstanden. Aber ich habe das schon eine Million mal gesagt: Es ist eines der besten Dinge, die mir je passiert sind. Wäre ich bei Van Halen geblieben, wäre ich sehr unglücklich gewesen.

Und dann entstanden Chickenfoot aus Jamsessions in deiner Bar Cabo Wabo.
Yeah. Für Mikey [Michael Anthony, einstiger Bassist bei Van Halen] und mich waren Chickenfoot alles, was wir bei Van Halen vermissten, mit dem kreativen Gitarrengenie [Joe Satriani] und dem krassen Schlagzeuger [Chad Smith], und alle verstehen sich. Dieses erste Chickenfoot-Album [CHICKENFOOT, 2009] hat mir wahrscheinlich mehr Spaß gemacht als alles, was ich zuvor gemacht hatte, mindestens so viel wie 5150 [von Van Halen]. Chickenfoot hatten eine grandiose Chemie untereinander, und wenn ich die Wahl hätte, eine Reunion mit ihnen oder Van Halen zu machen, würde ich mich für Chickenfoot entscheiden.

Bringt deine jüngste Platte WHEN THE PARTY STARTED ehrlich rüber, wo du 2017 stehst?
Absolut. Wie kann ich einen besseren Rocksong als ›Rock Candy‹ oder ›There‘s Only One Way To Rock‹ oder ›Right Now?‹ schreiben? Ich denke nicht, dass ich das in dem Genre könnte, also möchte ich etwas anderes sagen. Das ist vielleicht nicht das neue Hardrock-Sammy-Hagar-Album, das ein großes Label haben will, aber ich liebe es. Wenn jemand wissen will, wer der echte Sammy ist, welche Musik ich höre, wie ich mich verhalte, wie ich denke, dann findet er das alles auf dieser Platte.