Rush – Bühnenzauber

Rush 2007 (8)
Das kanadische Prog-Rock-Trio beendet eine arbeitsreiche Phase mit seinem Live-Album CLOCKWORK ANGELS TOUR. Gitarrist Alex Lifeson zieht Bilanz.

So ganz genau weiß Rush-Gitarrist Alex Lifeson noch immer nicht, wie er die Kooperation seiner Band mit dem sogenannten „Clockwork Angels String Ensemble“ einstufen soll. Einerseits: Ja, es war ein großer Spaß für alle Beteiligten und eine für das kanadische Supertrio mehr als nur ungewöhnliche Herausforderung. Andererseits: Nein, ein zweites Mal würden Lifeson und seine beiden Bandkollegen Geddy Lee und Neil Peart ein solch sensibles Unterfangen wohl nicht anschieben: „Ich bin sehr stolz auf das Projekt, es war jeden Abend etwas ganz Besonderes, ich habe jede einzelne Show geliebt. Wir spielten mit tollen Orchestermusikern, mit einigen von ihnen haben wir uns angefreundet. Aber wenn man mich fragt, ob man so etwas wiederholen solle, würde ich antworten: nein, eher nicht.“

Die Zurückhaltung des Rush-Gitarristen liegt zweifelsfrei nicht in einem vermeintlichen Misslingen der Zusammenarbeit des wohl berühmtesten Prog-Trios der Welt mit einem Streichensemble begründet. Die Aufnahmen der auf CLOCKWORK ANGELS TOUR dokumentierten Shows zeigen eine imposante Kombination, die dem sowieso vielschichtigen Sound der Band eine weitere Färbung hinzufügt. Aber Rush sind trotz ihrer personell bedingt beschränkten Ausdehnungsmöglichkeiten eine Band, die Ideen niemals überstrapaziert und der Versuchung konsequent widerstanden hat, ihre Bühnenshow mit Gastmusikern auszuweiten. Warum also sollte ein Trio, das ähnlich wie ZZ Top oder Police ihr spezielles Charisma aus ihrer Dreierkonstellation bezieht, ohne Not das eigene Profil verwässern? Nein: Rush sind in ihrer Urbesetzung unschlagbar, dieses Flair darf nicht zerstört werden.

Zumal Lifeson nur allzu gut weiß, dass die Herausforderungen der Gegenwart an seine Band größer und umfangreicher sind als je zuvor. „Früher“, so der 60-jährige Kanadier, „ging man auf Tournee, um ein neues Studioalbum zu bewerben. Heutzutage ist es genau umgekehrt – man muss Studioscheiben auf den Markt bringen, um überhaupt touren zu können. Mit Ausnahme von Popkünstlern wie Lady Gaga, die immer noch unglaublich viele Alben verkauft, verdienen heute die meisten Bands ihr Geld mit Konzerten. Das bedarf völlig neuer Vorgehensweisen.“
Andererseits gibt Lifeson zu, dass das moderne Leben und seine technischen Möglichkeiten auch für Rush unschlagbare Vorteile mit sich bringen. Als das Trio 1976 mit 2112 begann, Rockgeschichte zu schreiben, war Studiozeit sündhaft teuer. Produktionen, die internationalen Ansprüchen gerecht werden sollten, kosteten seinerzeit nicht selten 150.000 Dollar und mehr. Und als die Kanadier nur wenige Monate später ihr erstes Live-Album ALL THE WORLD’S A STAGE veröffentlichten, wurden die Shows noch auf analogen Bändern festgehalten und anschließend auf riesigen Konsolen gemischt. „Heute ist alles digital, klein, kompatibel und kinderleicht zu bedienen. So kann man ohne großen Mehraufwand mehrere Shows einer Tour aufzeichnen und anschließend kontrollieren, welches Konzert die besten Versionen der Nummern zu bieten hatte. Auf der zurückliegenden Tournee wurde jede einzelne Show aufgezeichnet, so etwas hätte es vor 35 Jahren niemals gegeben.“

Die drei Konzerte, die letztendlich die Grundlage für CLOCKWORK ANGELS TOUR lieferten, stammen aus Dallas, Phoenix und San Antonio. „Der Hauptanteil ist von der Show in Dallas, weil wir dort die meisten Filmkameras am Start hatten. Aber wir wollten unbedingt drei Konzerte berücksichtigen, weil wir jeden Abend eine andere Setlist spielten. Auf der DVD kann man alles sehen, was wir aufgenommen haben.“

Es sind, wie immer bei Rush, perfekte Versionen tadelloser Songs. Bei dieser Band stimmt jeder Ton, jeder Break, da wackelt nichts. Was Wunder: „Wenn wir unsere Tourneen starten, liegen drei Monate intensiver Proben hinter uns. Unser Anspruch ist es, jeden Abend auf dem höchstmöglichen Level zu spielen, und dafür bedarf es einer konzentrierten und sorgfältigen Vorbereitung.“ Der Aufwand lohnt sich, zumal Rush einen exzellenten Ruf zu verteidigen haben. Dank der sorgsamen Vorbereitung erleben Fans am Beginn einer Tournee die gleiche Qualität wie die Zuschauer am Ende der kraftraubenden Konzertreise. „Zu Anfang sind wir natürlich noch frisch und voller Tatendrang, während man am Ende die Kraftanstrengung in den Knochen spürt. Andererseits: Je länger eine Tour dauert, umso selbstverständlicher wird alles auf der Bühne, sodass man aus der Routine eine ganz besondere Stärke zieht. Deswegen ist es sinnvoll, Live-Aufnahmen weder ganz am Anfang noch am Ende einer Tour, sondern irgendwo zu Beginn des letzten Drittels zu machen. Denn dann ist die Kraft noch da und die Homogenität des Zusammenspiels am größten.“

Angesichts des hohen Levels der Rush-Darbietungen sind solche Unterschiede wohl ausschließlich für die drei direkt Beteiligten zu hören. Signifikante Unterschiede für den gemeinen Fan gibt es nur dann zu entdecken, wenn Rush in die Arrangements ihrer Klassiker markant eingreifen. Etwa wie in ›Tom Sawyer‹ oder ›YYZ‹. Dazu Alex Lifeson: „Natürlich hört man immer auch eine natürliche Weiterentwicklung unserer Songs, vor allem der älteren Stücke. Zwischen ›Tom Sawyer‹ in seiner Originalfassung und der heutigen Version liegen mehr als 30 Jahre. Es wäre doch traurig, wenn wir heute nicht besser als damals klingen würden. Und bei ›YYZ‹ beispielsweise haben wir bewusst das Tempo gesenkt, damit der Song härter und moderner klingt. So etwas macht Spaß und bringt einen auf neue Ideen. Ebenso wie es für mich zunächst ungewöhnlich war, zum ersten Mal in meiner Karriere weder Verstärker noch Lautsprecher auf der Bühne hinter mir zu haben. Es dauerte ein paar Nächte, bis ich mich daran gewöhnt hatte. Aber diese kleinen Veränderungen machen die Sache immer wieder aufs Neue spannend.“

Apropos: Auf Neues warten die Fans der Band schon jetzt wieder. Obwohl die Studioscheibe CLOCKWORK ANGELS noch keine zwei Jahre alt ist und mit dem vor kurzem veröffentlichten Bühnenwerk CLOCKWORK ANGELS TOUR eine Auffrischung erfahren hat, hoffen die Rush-Jünger auf weitere Großtaten in 2014. Doch dieser Wunsch wird sich ganz offensichtlich nicht erfüllen. Lifeson: „Tatsache ist, dass wir mindestens ein Jahr Pause machen, um uns zu erholen und mehr Zeit mit unseren Familien zu verbringen. Wir haben seit fünf Jahren nonstop gearbeitet, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, um unsere Batterien wieder aufzuladen.“