Rückblende: Simon & Garfunkel Bridge Over Troubled Water

71wGKakwHML._SL1213_Gerade hat sich das Duo zwar für eine Tour reuiniert, doch die dürfte die letzte gemeinsame ihrer Karriere sein. CLASSIC ROCK blickt zurück auf eine Zeit, in der davon noch nicht die Rede war. Denn mit ›Bridge Over Troubled Water‹ gelang Simon & Garfunkel einer ihrer größten Hits. Doch sie ernten nicht nur Ruhm mit dem Song: Er wird auch als Grund für den anschließenden Split angegeben.

Frühjahr 1969: John F. Kennedy und Martin Luther King sind ermordet worden. In den USA herrscht angespannte Stimmung, Rassenkonflikte spitzen sich zu. In Vietnam tobt der Krieg – und die US-Truppen sind mittendrin. Und im Weißen Haus hat Richard Nixon das Sagen.

Was bleibt einem Singer-Songwriter mit einem Hauch von Gespür für die aktuelle Situation da anders übrig, als sich selbst und seinen Fans etwas Trost zu spenden? Und so sitzt Paul Simon in seinem New Yorker Appartement, blickt aus dem Fenster auf den East River und formt die Zeilen, die ihm seit Wochen durch den Kopf schwirren, zu einem Lied: „When you’re feeling weary, feeling small, when tears are in your eyes, I will dry them all“. Während er so vor sich hinsummt, fällt ihm auf, dass der zweite Teil dieser gesungenen Textzeilen einer Harmonie ähnelt, die Bach in einem von Simons Lieblingsstücken verwendet hat.

Doch so unkompliziert die Komposition von ›Bridge Over Troubled Water‹ anfangs von statten geht, so schwierig gestaltet sie sich im weiteren Verlauf. Nach dem ersten kreativen Höhenflug herrschte bezeichnenderweise ›The Sound Of Silence‹. Simon erinnert sich heute mit Grauen daran zurück: „Alles, was ich ausprobierte, führte in eine Sackgasse. Es war frustrierend.“ Doch dann stolpert er über ein Album der Südstaaten-Gospeltruppe The Swan Silvertones. Das hilft ihm aus der Krise: „Immer wenn ich nach Hause kam, legte ich die Platte auf. Irgendwann kannte ich alle Tracks auswendig und wandte die Song-Strukturen auf meine ursprüngliche Idee an. Zunächst integrierte ich Akkordwechsel mit Gospel-Flair in den Track, später passte ich auch die Melodie entsprechend an. Außerdem habe ich eine Passage von den Swan Silvertones geklaut – in einem Song heißt es nämlich: ,I’ll be your bridge over deep water, if you trust in my name.‘“

Als Paul Simon endlich den richtigen Ansatz für seinen Song gefunden hat, spielt er ihn Art Garfunkel vor. Denn Simon glaubt, dass die präg­nante Melodielinie und speziell der hohe Gesang genau zur Chorknaben-Stimme seines Partners passen würden. Doch Garfunkel weigert sich, den Track zu singen. Er ist der Ansicht, dass Simon den Gesang selbst übernehmen soll. „Ich hätte es tun sollen. Denn die Einscheidung, ihn doch dazu zu überreden, habe ich im Laufe der Jahre etliche Male bitter bereut“, so der Komponist heute.

Aus der Perspektive von Art Garfunkel ist das Ganze etwas anders abgelaufen. Er betont, dass er lediglich gesagt habe, dass Simons Gesangspassagen bereits toll klängen und sein Input da-her gar nicht nötig wäre. Diese unterschiedlichen Interpretationen der Sachlage führen zu Problemen zwischen den beiden. Die Legende besagt, dass sich Simon zurückgewiesen fühlte und Garfunkel daraufhin die kalte Schulter zeigte. „Das ist Quatsch“, so Garfunkel heute. „Ich erinnere mich jedenfalls nicht daran, dass er Schwierigkeiten mit meinem Einwand hatte. Er sagte nur: ,Hey, ich habe den Song für dich geschrieben!‘ Und ich antwortete: ,Vielen Dank, Paul!‘ Und dann begann ich mit dem Einsingen.“

Eine Woche nach diesem Gespräch befinden sich die beiden bereits in den CBS Studios in Holly­wood. Begleitet werden sie von Larry Knechtel, einem Top-Pianisten, dem es in kürzester Zeit gelingt, den Track durch weitere Elemente zu verfeinern. Doch muss noch mehr passieren. Simon hat nämlich nur zwei Strophen geschrieben – eindeutig zu wenig. „Ursprünglich sollte der Track wirklich so enden“, erinnert sich Garfunkel. „Doch dann hatten wir den Eindruck, dass wir noch mehr reinpacken sollten, um das Lied noch vielfältiger zu gestalten und es außerdem besser auf den Punkt zu bringen.“

Als Vorbild dient dabei ›Ol‘ Man River‹ von den Righteous Brothers – Phil Spectors Coup, sich während des gesamten Tracks komplett zurückzuhalten und erst am Ende in die Vollen zu gehen, fasziniert die Musiker. So wollen sie es auch machen. Simon schreibt eine dritte Strophe, die sich, wie er heute sagt, „deutlich von den beiden ersten unterschied“. Doch sie lässt Raum für Überraschungen – und die gibt es auch: Mit der Integration von zwei Bass-Parts sowie Vibraphon- und Streichern gelingt es Simon & Garfunkel, ›Bridge Over Troubled Water‹ in eine Hymne zu verwandeln.

Nachdem der Instrumentalteil im Kasten ist, feilt Art Garfunkel eine ganze Woche an seinem Gesang. Die zweite Strophe flutscht schnell, und auch bei der nachträglich hinzugefügten dritten Strophe läuft alles glatt. Probleme gibt es nur mit dem Start des Tracks: „Der Einstieg in den Song ist mir total schwer gefallen. Ich habe etliche Anläufe gebraucht, bis ich endlich mit dem Resultat zufrieden war“, so der Sänger.

Nach zwei anstrengenden Studiowochen können sich Simon & Garfunkel endlich zurücklehnen und mit stolz geschwellter Brust ihr neues Baby präsentieren. Vor allem die Zuspitzung innerhalb des Songs beeindruckt die Hörer. Das Wechselbad der Gefühle bewegt die Menschen – und zwar selbst die Profis im Business. So wählt der begeisterte Clive Davis von Columbia Records das über fünf Minuten lange und damit alles andere als Radio-taugliche ›Bridge Over Troubled Water‹ als erste Single aus und schlägt zudem vor, den Song zum Album-Opener und Titelstück zu küren. Er behält mit seiner Einschätzung Recht – auch die Fans lieben ›Bridge Over Troubled Water‹. Das Lied setzt sich sechs Wochen auf Position eins der US-Single-Charts fest. 1971 erhalten Simon & Garfunkel für ihr Werk zudem sechs Grammy-Auszeichnungen, darunter den Award für den „besten Song des Jahres“.

Dennoch, und hier kommen Tragik und Ironie gleichermaßen ins Spiel, ist es genau dieser Song, der Simon & Garfunkel neben ihrem größten Erfolg auch ihre größte Niederlage beschert. Simon kann es nicht verkraften, dass Art Garfunkel auf der Bühne steht und seine Zeilen vor einer ihm zujubelnden Massen darbietet. „Ich dachte immer nur: ,Hey, das ist mein Song! Ich habe ihn schließlich komponiert!‘ Am Anfang unserer Karriere hätte ich wahrscheinlich nie so krass darauf reagiert, aber zum Ende hin war die Stimmung zwischen uns beiden schon so angespannt, dass schließlich eines zum an-deren kam.“

Diese Wunde ist heute – zumindest oberflächlich – verheilt. Und so wird ›Bridge Over Troubled Water‹ bei der diesjährigen Reunion-Tour seinen würdigen Platz als letzter Song des Sets einnehmen. „Ich habe das Lied vielleicht 6,4 Millionen Mal gesungen“, setzt Garfunkel an, „doch ich fühle jedes Fall, wie viel Kraft ein wirklich herausragender Song besitzen kann. Und ich bin jedes Mal unendlich glücklich, dass ich derjenige sein kann, der bei den Menschen mit einer simplen Darbietung solche Emotionen auslösen kann.“