Rückblende: Elected – Alice Cooper

Alice Cooper 2Alice Coopers satirische Hymne mit den großen Riffs war ein „beschissener“ Song mit textlichem „Gefasel“, der zu einer beißenden Parodie auf die US-Politik umgemodelt worden war – und John Lennon zum Fan machte.

Elected‹ ist einer von Alice Coopers berühmtesten und brillantesten Songs, eine typisch pompöse Hymne vom Meister aller Rock-Showmen und ein Musterbeispiel für bissige politische Satire. Es war auch ein großer Hit und erreichte 1972 die US-Top 30, UK-Top 5 und Platz 3 in Deutschland. Am meisten dürfte den von den Beatles besessenen Schöpfer dieses Stücks jedoch gefreut haben, dass John Lennon es als „eine großartige Platte“ bezeichnete. Nicht schlecht für ein Lied, das in seiner ursprünglichen Inkarnation als Coopers Single-Debüt gefloppt, in den eigenen Worten des Sängers „größtenteils beschissen“ und dessen Text „Gefasel“ war.
Die Geschichte von ›Elected‹ reicht zurück ins Jahr 1969, als Alice Cooper und die Band gleichen Namens ihr erstes Album aufgenommen hatten. Als Album, so Alice, war PRETTIES FOR YOU „experimenteller Rock’n’Roll. Aber wir hatten ein Stück namens ›Reflected‹, das ein Riff und eine Hookline hatte, also wurde das unsere erste Single.“

›Reflected‹, geschrieben von allen fünf Bandmitgliedern, war quintessenziell abgehobener, Spät-60er-Psychedelic-Rock. „Der Text war dumm“, so Alice. „Es war dieses falsche, quasi-spirituelle 60er-Ding. Wir hatten keine Ahnung, wovon wir sprachen.“ Als Single verschwand ›Reflected‹ umgehend in der Versenkung. „Wir hatten nie wirklich erwartet, dass da was passieren würde“, gesteht Alice. Doch drei Jahre später sollte dieses vergessene Stück eine neue Gestalt, einen neuen Titel und ein neues Leben annehmen.

1972 war Alice Cooper ein großer Star. Die Single ›School’s Out‹, ein freudiger Aufruf zur Rebellion im Klassenzimmer, hatte in Großbritannien Platz 1 erreicht, was den Labour-Abgeordneten Leo Abse und die Sittenwächterin Mary Whitehouse dazu bewegte, ein Verbot für Alice-Konzerte vor britischem Publikum zu fordern. „Leo Abse und Mary Whitehouse taten so viel für unsere Karriere“, sagt Alice. „Wir hätten solche Publicity nie kaufen können.“

Darüber hinaus inspirierte der politische Aufruhr um ›School’s Out‹ den Satiriker in Alice.
„Ich beschloss, ein Lied als generelle Provokation an Politiker zu schreiben“, erklärt er. „Und in Amerika hatten wir damals Richard Nixon, der das ultimative Ziel war. Dein Präsident ist immer ein Fixpunkt für Satire, aber Nixon – den konnte man gar nicht genug aufs Korn nehmen. Außerdem standen die Präsidentschaftswahlen 1972 an, und ich dachte: Wen würde man auf keinen Fall als Präsident wollen? Und diese Person war Alice Cooper!“

Produzent Bon Ezrin schlug vor, ›Reflected‹ als Grundgerüst für Alice Coopers politische Comedy zu verwenden. Nachdem er schon an SCHOOL’S OUT und dessen Vorgänger LOVE IT TO DEATH gearbeitet hatte, sah Alice ihn als inoffizielles sechstes Bandmitglied an. „Bob war unser Guru“, sagt Alice. „Und er liebte ›Reflected‹.“

Ezrin erkärte Alice: „Wir können dieses Lied nicht einfach verschwinden lassen. Es sollte neu aufgenommen werden – und hundertmal so groß sein.“ Sowohl das Riff als auch Teile der Melodie wurden für ›Elected‹ wieder verwendet. Und da dieses Riff laut Alice „eine Hommage an The Who und diese großen Pete-Townshend-Akkorde“ war, passte es nur zu gut, dass The-Who-Schlagzeuger Keith Moon anwesend war, als ›Elected‹ im Sommer 1972 in den Morgan-Studios in London aufgenommen wurde. Marc Bolan und zwei von Alices Chaos-Saufbrüdern, Harry Nilsson und Ringo Starr, waren ebenfalls vor Ort. Alice sagt, dass all diese Gäste auf dem Album BILLION DOLLAR BABIES spielten, aber fügt mit einem reumütigen Kichern hinzu: „Keiner von uns konnte sich erinnern, was genau sie gespielt hatten.“

Keinerlei Zweifel dagegen hegt Alice bezüglich der Bedeutung von Bob Ezrin bei der Entstehung von ›Elected‹. „Bob wusste, wie man Lieder ins Radio bringt“, sagt er. „Und als er noch das Orchester am Ende hinzufügte, klang es wirklich wie eine Big Band, die bei einer Wahlkampfparade spielt. Das Stück wurde so theatralisch, und genau darum ging es Alice Cooper ja auch.“

Alice beschrieb ›Elected‹ als „eine große Satire darauf, was es braucht, um Präsident der USA zu werden“, als Parodie auf das großspurige Auftreten und die leeren Versprechungen eines Präsidentschaftskandidaten: „I’m your Yankee doodle dandy in a gold Rolls-Royce, I wanna be elected.“ (Ich bin dein Yankee-doodle-Dandy in einem goldenen Rolls-Royce, ich will gewählt werden.) Der Witz bekam zusätzliches Gewicht, als Alices Hauptziel Richard Nixon Anfang 1973 in den Watergate-Skandal verwickelt wurde, den berüchtigtsten Politskandal des 20. Jahrhunderts, und in der Folge der einzige US-Präsident wurde, der je von seinem Amt zurücktrat. Nixon wurde zu diesem Zeitpunkt derart viel Misstrauen von der amerikanischen Öffentlichkeit entgegengebracht, dass Alice sagt: „Als Watergate passierte, glaube ich nicht, dass irgendjemand überhaupt noch geschockt war.“

Alice hat sich nie auf die Seite einer politischen Partei gestellt und kritisierte 2004 andere Rockstars wie Bruce Springsteen und John Mellencamp dafür, dass sie öffentlich den Demokraten John Kerry im Kampf gegen George W. Bush unterstützten. „Das ist Verrat am Rock’n’Roll“, ließ er verlauten, „denn Rock ist die Antithese zur Politik.“ Doch er besteht darauf, dass ›Elected‹ auch 40 Jahre später noch genauso relevant ist als Anklage an die schmutzigen Machenschaften in der Politik. „Jeden Abend, wenn wir ›Elected‹ spielen und ich am Ende des Stücks zur Punchline komme, wo ich über all die Probleme in der Welt rede und dann sage, ‚personally, I don’t care’ (mir persönlich ist das egal), jubeln alle.“

Vor allem aber stellt ›Elected‹ einen persönlichen Triumph für Alice Cooper dar. Ein Stück, das als gefloppte Single von einem Album stammte, das ein Kritiker als „tragische Plastikverschwendung“ verriss, wurde als weltweiter Hit neu erfunden. Und das größte Kompliment kam von einem Mann, den er als Held verehrte. Alice erinnert sich stolz: „Gleich nachdem wir ›Elected‹ aufgenommen hatten, war ich im Büro unserer Plattenfirma in New York und John Lennon ging an mir vorbei. Er sagte, ‚tolle Platte, Alice’. Ich sagte, ‚danke’. Dann ging er noch drei Schritte, drehte sich um und sagte: ‚Paul hätte es besser gemacht.’ Und ich sah ihn an und sagte: ‚Natürlich hätte er das – er ist Paul McCartney!’ Aber ich war so glücklich. Hey, John Lennon liebte mein Lied. Besser geht’s einfach nicht.“

Die Fakten

Erschienen:
Oktober 1972

Höchste Chartposition:
Deutschland 3, UK 4, USA 26

Personal:
Alice Cooper -Vocals
Glen Buxton, – Gitarre
Michael Bruce – Gitarre
Dennis Dunaway – Bass
Neal Smith – Schlagzeug

Autoren:
Alice Cooper, Glen Buxton,
Michael Bruce,
Dennis Dunaway, Neal Smith

Produzent:
Bob Ezrin

Label:
Warner Bros.