Rory Gallagher – Der Blues Brother

Zwischen 1971 und 1973 erschuf Rory Gallagher sechs furiose Alben, die seinen Ruf als Gitarren-Volksheld zementierten. Dies ist die Geschichte des großartigsten Laufs, den je ein Bluesrocker hatte.

Rory GallagherVon dem Moment an, als er 1963 seine hingebungsvolle Mutter überzeugte, für das Leasing seiner exorbitant teuren ’61er Fender Stratocaster zu bürgen, wusste Rory Gallagher genau, was er tun wollte. Der 15-Jährige sagte ihr, dass das seine Gitarre fürs Leben sei. Und das war sie. Das kampferprobte Instrument sollte seinen Meister überleben, einen Mann, der zu einem der arbeitsamsten, gefeiertsten Lieferanten für aufwieglerischen weißen Blues der letzten 50 Jahre wurde.

In seinem Zenit war Gallagher unantastbar. Zwischen 1971 und 1974 veröffentlichte er sechs grandiose Alben – RORY GALLAGHER, DEUCE, LIVE IN EUROPE, BLUEPRINT, TATTOO und IRISH TOUR ’74 –, die einen Musiker zeigten, dessen Engagement für sein Handwerk nur von der Verehrung seines Publikums übertroffen wurde. Als eingefleischter Querdenker genoss er seinen Antistar-Status, während er gleichzeitig nach mehr Anerkennung strebte.
„Rory dachte immer mehr an seinen Platz in der Geschichte als daran, eine normale Jugend zu verbringen“, sagt sein Bruder Donal Gallagher, der Rorys Nachlass verwaltet und gerade remasterte Versionen jener ersten sechs Soloalben wiederveröffentlicht hat.

Heute, 17 Jahre nach seinem Tod mit 47, wird Gallagher vielleicht nicht im selben Atemzug mit der Heiligen Dreifaltigkeit des britischen Bluesrock – Page, Beck und Clapton – erwähnt, aber sein Vermächtnis lässt sich nicht leugnen. Das gigantische Talent und die einzigartige Herangehensweise des Iren beeinflussten jeden von Billy Gibbons und Slash über U2-Gitarrist Edge bis hin zum Ex-Smith Johnny Marr, während Joe Bonamassa – ein selbsterklärter Gefolgsmann, der Gallaghers ›Cradle Rock‹ gecovert hat – ihn als „Rocky Balboa der Gitarristen“ bezeichnet. Eine passende Beschreibung, wenn man davon absieht, dass Rocky Balboa ein fiktiver Boxer war, während Rory Gallagher so real war, wie man es nur sein kann.

Geboren wurde er 1948 in Ballyshannon in der Grafschaft Donegal, Irland, in Cork wuchs er auf. Sein Vater sang und spielte das Akkordeon in örtlichen Bands, während seine Mutter Mitglied einer Theatertruppe gewesen war. Mit neun bekam der junge Rory seine erste Gitarre, sein Musikgeschmack reichte von Lonnie Donegan über Leadbelly bis hin zu Big Bill Broonzy. Er war ein selbstbewusster Gitarrist mit rebellischen Anwandlungen. Ein Auftritt bei einem Talentwettbewerb in der Schule erregte den Zorn der katholischen Brüder, die die Einrichtung leiteten. Der Grund: Gallagher hatte Cliff Richards keuschen 1959er-Hit ›Living Doll‹ gecovert. „Die Brüder waren der Ansicht, Rory habe die Musik des Teufels gespielt“, so Donal.

Wie jeder junge irische Musiker, der Anfang der 60er erwachsen wurde, verbrachte Gallagher seine Lehrjahre bei einer Coverband, die durchs Land tingelte und Hits nachspielte. „Ich habe mich so einer Band nur angeschlossen, weil man mit einer elektrischen Gitarre nirgends sonst unterkam“, erklärte er später. Als ihn die eiserne Kontrolle der Irish Federation Of Musicians über dieses Metier zu sehr frustrierte, beschloss Gallagher, sein Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. 1966 verabschiedete er sich von den Coverbands und gründete seine eigene Gruppe, das Bluesrock-Powertrio Taste – einer der ersten irischen Rockbands überhaupt.

Innerhalb von zwei Jahren waren Taste nach London übergesiedelt, wo sie bei Polydor unterschrieben – ziemlich beachtlich für eine Band aus Irland. Nach den ersten beiden Alben (TASTE, 1969, und ON THE BOARDS, 1970), sah es eine Weile lang so aus, als würden sie ganz natürlich die Nachfolge von Cream antreten und waren bei deren Abschiedskonzerten in der Royal Albert Hall sogar als deren Vorgruppe zu hören. Doch schlechtes Management und abweichende musikalische Vorstellungen überzeugten Gallagher, den nächsten Schritt zu gehen. Taste traten am 24. Oktober 1970 zum letzten Mal in der Queens University, Belfast, auf. Ein schwerer Entschluss für den Gitarristen: „Ich denke nicht gerne allzu viel darüber nach, denn es nimmt mich mit“, sagte Gallagher später über die Entscheidung, Taste aufzulösen – was ihn jedoch typischerweise nicht davon abhielt, sie zu treffen.
In Belfast suchte er nach einer neuen Band. Bald fand er zwei Musiker, mit denen er spielen konnte: Schlagzeuger Wilgar Campbell und den 17-jährigen Bassisten Gerry McAvoy, dessen eigene Band Deep Joy schon für Taste eröffnet hatte. Ironischerweise hatten sich Deep Joy exakt am selben Abend aufgelöst, ganz in der Nähe in der Ulster Hall. „Ich traf Rory das erste Mal, als er nach Belfast zog“, sagt McAvoy. „Er war wegen seiner langen Haare als Paradiesvogel bekannt. Zwar war er ein bisschen seltsam, aber gleichzeitig auch sehr höflich und angenehm. Mir war nicht klar, dass er mich und Wilgar als potenzielle Kollegen im Auge hatte. Aber er ließ keine Zweifel daran und fragte, ob ich an jenem Wochenende nach London kommen könnte, um es zu versuchen.“

Rory GallagherGallagher verlor nie viel Zeit und machte Nägel mit Köpfen. Im Januar 1971 fand das Trio bei einer Reihe intensiver Jamsessions in einem kleinen Keller-Proberaum in Fulham zusammen. Ende Februar war man im Studio, um Gallaghers erstes, selbstbetiteltes Soloalbum aufzunehmen. Falls Rory sich unter Druck gesetzt fühlte, sich nach dem Ende von Taste zu beweisen, ließ er es jedenfalls nicht durchblicken, nicht mal gegenüber seinen Bandkollegen. „Er sprach nie über solche Dinge“, so McAvoy. „Man musste bei Rory immer zwischen den Zeilen lesen. Er wusste offensichtlich, dass er etwas riskierte, denn Taste waren drauf und dran, eine große Band zu werden. Ich glaube ehrlich, dass er einfach sein eigenes Ding machen wollte, und es klappte.“

Befreit von der Demokratie innerhalb von Taste, konnte er nun tun und lassen, was er wollte, schrieb alle Stücke und produzierte das Album. Weniger roh als seine ehemalige Band, kombinierte es den soliden Blues von ›Sinner Boy‹ und ›Hands Up‹ mit vielfältigeren Einflüssen, vom folkigen, Pentangle-esken ›Just A Smile‹ zum kantigen Outlaw-Country von ›It’s You‹, inklusive Steel-Guitar und Mandoline. Am überraschendsten war das Jazz-beeinflusste ›Can’t Believe It’s True‹, bei dem Rory – ein riesiger Fan von John Coltrane und Eric Dolphy – ein gespenstisches Saxofon spielte. Doch Gallagher war im Herzen ein Blueser, und seine Gitarre stand dabei im Mittelpunkt. Er war kein virtuoser Sänger, seine Stimme hatte Ecken und Kanten („Sein Stimmumfang, wenn er sich wirklich bemüht, ist praktisch gleich null“, sagte ein Kritiker), aber das Spektrum an Klängen, die er seiner treuen Strat entlockte, strotzte nur so vor roher Emotion. Wie McAvoy herausfinden sollte, wollte Rory mehr als alles andere die Urenergie einer Live-Show einfangen: „Ich war sauer, weil ich auf ›Laundromat‹ einen Fehler gemacht hatte, aber Rory war das egal, solange es sich richtig anfühlte. Das Feeling war für ihn alles.“

Das Album steckte in einer für jene Zeit untypisch dezenten Hülle mit einem stimmungsvollen Schwarzweißbild von Gallagher. Damit sollte sowohl seine Leidenschaft für alte Jazzalben zum Ausdruck gebracht, als auch jegliches Vorurteil in Verbindung mit seiner Zeit bei Taste unterbunden werden. Die Aufnahme stammte vom berühmten Fotografen Mick Rock, der auch mit Syd Barrett und David Bowie zusammen gearbeitet hatte. „Am College liebte ich die englischen Dichter der Romantik“, sagt Rock heute. „So sah ich Syd und das sah ich auch in Rory. Er sah gut aus, hatte dichtes Haar und diese gewisse rebellische Etwas. Er war eine sehr fotogene und charismatische Persönlichkeit. Man konnte gar kein schlechtes Bild von ihm machen.“

Jenes Cover ließ keinerlei Zweifel daran, dass es sich um ein Rory-Gallagher-Soloalbum handelte. Auf die Frage eines Journalisten hin, ob die alleinige Nennung seines Namens auf der Platte bedeutete, dass Gerry McAvoy und Wilgar Campbell lediglich Handlager seien, war Gallaghers Antwort sehr vielsagend: „So Hitler-mäßig ist das nicht, aber ich weiß, was ich will, und ich bin bereit, nur durch meine eigenen Bemühungen zu reüssieren oder zu scheitern. Ich muss jetzt die Kontrolle behalten – später sollte ich dann in der Lage sein, sie wieder abzugeben.“

ls RORY GALLAGHER im Mai erschien, hatte das Trio bereits seine ersten Konzerte absolviert, eine Reihe von Terminen in Europa. Der erste Auftritt im Pariser Olympia war ausverkauft und wurde sogar für das französische Fernsehen mitgefilmt. Andere Shows waren weniger erfolgreich. „Wir hatten ein paar Konzerte in Nordfrankreich und es kamen nur eine Handvoll Leute“, so McAvoy. „Aber das war in Ordnung. Unsere Einstellung war, dass wir ein gutes Konzert spielen müssen, denn dann würden beim nächsten Mal doppelt so viele kommen. Und im Großen und Ganzen lief es dann auch genau so.“

Auf der Bühne liefen Gallagher und seine Band wirklich zu Hochform auf. Der normalerweise schüchterne Frontmann wurde zum hyperaktiven Performer, der die Energie und Leidenschaft von Chuck Berry, Muddy Waters und John Coltrane in sich verband. Seine musikalischen Anweisungen an seine Bandkollegen waren beinahe telepathisch und führten zu furiosen Shows, die für die Leute auf der Bühne genauso aufregend waren wir für die davor. „Es ist für mich ein ewiges Problem, Live-Musik im Studio rüberzubringen“, gab er zu.

Rory Gallagher GroupGallagher hatte das Budget fest im Griff (McAvoy behauptet, dass er für seine Arbeit am Album 200£ und ein wöchentliches Gehalt von 25£ erhielt), weshalb die frühen Tourneen bestenfalls auf das Wesentliche reduziert waren, um es diplomatisch auszudrücken. Alle reisten in einem Lieferwagen, gefahren von Donal Gallagher, und das ging noch ein paar Jahre so weiter. Aber es hatte auch Vorteile: Die Band konnte so auch sehr kurzfristig Auftrittsangebote annehmen.

Das Debütalbum war mancherorts nicht sehr positiv aufgenommen worden (der amerikanische Journalist Lester Bangs hatte es als „eine der spürbar nichtssagendsten Veröffentlichungen der Saison“ beschrieben), was ein eher gespanntes Verhältnis zur Presse bedingte. Viel wichtiger war jedoch, dass sowohl das Album, als auch die Konzerte beim Publikum gut ankamen. Gallagher sah sich mit dem Spitznamen „The People’s Gitarrist“ versehen, doch diese Beziehung beruhte auf Gegenseitigkeit. Mit seiner Uniform aus Jeans, Flanellhemd und ausgetretenen Turnschuhen sah er genauso wie seine Fans aus, und die liebten ihn dafür. (Dieser Look wurde in der Grunge-Ära wiederbelebt; vielleicht ist es kein Zufall, dass, wie Courtney Love bestätigte, Kurt Cobain ebenfalls ein Fan von Gallagher war) Rory war jedoch auch wie ein Junkie abhängig vom Feedback seines Publikums und bezog Kraft und Selbstvertrauen aus dieser Verehrung.

Mitte 1971 war er dann kaum noch zu bremsen und die Band war für sieben Monate ununterbrochen gebucht, auch wenn ihr erster Ausflug nach Amerika fast an einer drohenden Verurteilung McAvoys und Campbells wegen Drogenbesitzes scheiterte. Als sie noch bei Deep Joy waren, hatte man sie in Belfast mit einer minimalen Menge Hasch erwischt. Gallagher hatte keine Ahnung von diesem potenziellen Hindernis, was wohl besser so war. Obwohl er Trinker war, hielt er absolut nichts von Drogen und hätte die beiden mit Sicherheit gefeuert, wenn er es erfahren hätte. „Erstaunlicherweise wurden wir freigesprochen“, erinnert sich McAvoy, der weiterhin davon überzeugt ist, dass ihnen die Drogen untergejubelt worden waren. „Aber Rory wusste nichts davon.“

Zur enormen Erleichterung der Rhythmus-Sektion schafften sie es ohne Einwände seitens der Behörden nach Amerika. Diese US-Termine – bei denen sie mit Little Feat und Frank Zappa auftraten – stellten Gallagher nicht nur einem neuen Markt vor, sondern öffneten der Band auch die Augen für die Schönheit, die sich ihnen dort bot. Doch obwohl man erfreut feststellte, dass das Publikum fast zur Hälfte weiblich war, weigerte sich Gallagher, diese Situation auszunutzen. Auch wenn sein keltisch-gutes Aussehen und jungenhaftes Lächeln die Aufmerksamkeit der Groupies erregten, zog sich der Gitarrist nach den Konzerten lieber in sein Zimmer zurück, um zu lesen, Filme anzusehen oder Musik zu hören. Seine Lebenshaltung, ebenso wie seine Einstellung zum Gitarrespielen, war beinahe klösterlich. „Rory genoss die Atmosphäre und den Vibe von Amerika und liebte die weibliche Gesellschaft“, so McAvoy, „aber weiter ging er nie. Ich weiß eigentlich nicht, warum. Aber so war er nun mal.“

m die Dynamik aufrecht zu erhalten, begannen Gallagher und seine Band sofort nach ihrer Rückkehr aus den USA mit der Arbeit am zweiten Album DEUCE. Die Sessions fanden in den Tangerine Studios in Dalston statt, einem heruntergekommenen Stadtteil im Osten von London. Aufgrund seines enormen Raumhalls wurde das Studio normalerweise von Reggae-Künstlern bevorzugt, doch es gab einen bedauerlichen klanglichen Nachteil: Es befand sich direkt neben einer Bingohalle, weswegen die Band immer außerhalb der Öffnungszeiten arbeiten musste, um die typischen „Two fat ladies!“-Rufe zu vermeiden, die durch die Wand drangen.

DEUCE erschien nur sechs Monate nach dem Debüt im November 1971 und versah den tighten Blues auch mit keltischen Einflüssen, vor allem auf ›I’m Not Awake Yet‹. ›Don’t Know Where I’m Going‹ wiederum war eine Hommage an einen von Gallaghers großen Helden, Bob Dylan. Da die Band vor, während und nach den Aufnahmen weiter auftrat, hatte sie nur wenig Zeit, um den respektablen UK-Charteinstieg auf Platz 39 zu feiern. Über die Jahre hat das Album Legionen berühmter Fans gewonnen, von Judas Priests Glen Tipton über Ace Frehley (Kiss) bis zum verstorbenen Comedy-Genie Bill Hicks, der behauptete, mehrere Exemplare verschlissen zu haben. Auch Johnny Marr gehört zu den Verehrern. „DEUCE war ein absoluter Wendepunkt für mich“, sagte der einstige Smiths-Gitarrist dem „Guitar“-Magazin 1997. Marr hat zugegeben, dass er als Teenager versuchte, den Look von Gallaghers zunehmend mitgenommener und abgewetzter Stratocaster mit seinem eigenen Instrument zu kopieren – unter Einsatz einer Lötlampe und eines Holzmeißels im Kunstunterricht.

GallagherRory255016216Angesichts seiner Leidenschaft für Live-Auftritte war es nur logisch, dass Gallagher beschloss, als Nächstes ein Live-Album zu veröffentlichen. Das einzige Problem dabei war, dass Polydor davon nichts wissen wollte – Live-Alben verkauften sich nicht und er war immer noch ein relativ neuer Künstler. Weniger von sich überzeugte Musiker hätten vielleicht nachgegeben, doch nicht der sture Ire. Es war ein Willenskampf, bei dem es nur einen Gewinner geben konnte.

LIVE IN EUROPE, das dritte Album des Gitarristen innerhalb eines Jahres, erschien im Mai 1972 mit jener legendären Coveraufnahme von Rory mit seiner Stratocaster, die er sich mit 15 gewünscht hatte. Gewisse Bandmitglieder hatten es frech in LIVE IN LUTON – nach einem der weniger glamourösen Orte, an denen es entstanden war – umgetauft, doch die Platte fing die explosive Kraft von Gallaghers Live-Show definitiv ein. Der Opener, ein Cover von ›Messin‘ With The Kid‹ des Chicagoer Bluesers Junior Wells, und die Schlussnummer ›Bullfrog Blues‹, die die Band in bester Form zeigte, sollten zu Synonymen für Gallaghers Live-Sets werden, während Bob Dylan erfolglos versuchte, den Gitarristen für eine Neuaufnahme des Traditionals ›I Could’ve Had Religion‹ anzuheuern, nachdem er seine Version davon auf diesem Album gehört hatte.

Auf beiden Seiten des Atlantiks wurde LIVE IN EUROPE zu Rorys bis dato erfolgreichstem Album, doch das gnadenlose Arbeitspensum der Band hinterließ bald seine Spuren bei Wilgar Campbell. Als einziges Mitglied mit Familie war ihm die Belastung des Tourens zu viel und er begann bald, Auftritte zu verpassen. Er brachte das Fass schließlich zum Überlaufen, als er ausgerechnet an dem Tag ausstieg, als die Band nach Irland fliegen sollte, um ein Konzert zu spielen, das für das Fernsehen aufgezeichnet wurde. Zum Glück war ein Ersatzmann in greifbarer Nähe. Rod de’Ath war einst Drummer bei der Bluesband Killing Floor gewesen; er war aber auch Gerry McAvoys Vermieter. Gallaghers Agent rief de’Ath an, um zu fragen, ob er kurzfristig nach Irland fliegen könne. „Rorys Mutter holte mich mit einem Taxi am Flughafen in Cork ab und wir rasten nach Limerick“, sagt de’Ath, ein Exzentriker mit Augenklappe, der gerüchteweise in den frühen 90ern gestorben ist (siehe Kasten). „Ich wusste nicht, dass die Show gefilmt werden würde, bis wir dort ankamen. Es war die erste Farbübertragung im irischen Fernsehen. Außer Taste hatte ich davor noch keines von Rorys Alben gehört.“

Mit de’Ath am Schlagzeug verwandelte die Band eine Niederlage in einen Triumph. Zurück in London, stieß Campbell wieder zur Gruppe, doch er schaffte nur ein paar Shows, bevor er einen kompletten Zusammenbruch erlitt (er starb 1989 an durch seine Alkoholsucht verursachten Leberproblemen). Rod de’Ath sprang wieder ein, auch wenn er nicht sicher war, ob er nun ein Vollzeit-Mitglied der Band war oder nicht. „Wir besiegelten es per Handschlag“, sagt de’Ath, der daraufhin bis 1976 mit Gallagher spielte. „Ich glaube, dass er das mit Gerry auch so gemacht hatte.“ „Ich war nie offiziell gefragt worden, ob ich der Band beitreten wollte“, bestätigt der Bassist. „Rory ließ sich eben nie in die Karten blicken. Er ließ nie etwas durchblicken.“

ls Gallagher im Dezember sein drittes Studioalbum BLUEPRINT aufnahm, hatte sich einiges verändert. Beflügelt von de’Aths energetischem Schlagzeugstil, hatte der Gitarrist sein Powertrio mit dem Keyboarder Lou Martin aus Belfast zum Quartett erweitert. Gallaghers persönliche Lebensumstände hatten sich ebenfalls verändert. Er war nach Gent in Belgien ins Steuerexil gegangen. Dort freundete er sich mit Roland Van Campenhout an, einem Bohémien und Musiker, der bei Blue Workshop Gitarre spielte. McAvoy deutet an, dass eine gewisse Chemie zwischen Gallagher und Van Camperhouts Freundin Christine existierte, einem Model, das offensichtlich vernarrt in den Gitarristen war. Daraus entwickelte sich allerdings nichts Bindendes, wie bei allen anderen potenziell ernsthaften Beziehungen in Gallaghers Leben. McAvoy ist der Meinung, dass der Gitarrist so besessen in seiner Leidenschaft für sein Handwerk war, dass er sich nicht von Frauen ablenken ließ: „Ich denke, der wahre Grund dafür, warum Rory nur ungern Menschen in sein Leben ließ, war, dass er einfach zu sehr auf seine Musik konzentriert war.“

Gallagher, RoryBLUEPRINT war eilig eingespielt worden, nachdem Polydor darauf bestanden hatte, Anfang 1973 eine Platte zu veröffentlichen. Doch schon beim Opener ›Walk On Hot Coals‹, das als Jam auf Howlin‘ Wolfs ›Shake For Me‹ begonnen hatte, und dem Ragtime-beeinflussten ›Unmilitary Two-Step‹ zeigten sich die Vorteile des vergrößerten Band-Line-ups. Ein weiteres Stück, ›Daughter Of The Everglades‹, wurde sowohl von einem Ausflug in die sumpfigen Bayous von New Orleans inspiriert, als auch von einer Geschichte über eine nicht erwiderte Liebesaffäre auf Distanz, die Gallagher gelesen hatte. Nachdem er stets fühlte, dass er den Dschinn seiner Begabung in die enge Flasche des Blues zwängen musste, war dieses Album der Klang seiner kreativen Entfaltung. „Es ist nicht viel Blues darauf zu finden“, so McAvoy. „Rory entwickelte sich als Songwriter. Er hatte mehr Informationen in seinem Kopf, vom Touren, von den Dingen, die er da draußen sah. Rory liebte alte Schwarzweißfilme.“

Mit diesem Album kehrte die Band nach Amerika zurück. Nachdem er dort schon mit Taste getourt war, hatte Rory in den USA eine loyale Gefolgschaft um sich geschart, die sicherstellen würde, dass seine Musik – und sein Arbeiterklasse-Ethos – auch bei späteren Generationen auf Resonanz stoßen würde. „Er trat an Orten auf, die abseits ausgetretener Pfade lagen, wie Portland, Oregon, wo eben die Leute aus der Arbeiterklasse waren“, sagt Donal Gallagher. „Deswegen war er auch in der Grunge-Bewegung so beliebt.“

„Unser Arbeitspensum war außerordentlich“, so de’Ath, „und Rorys Ansprüche waren hoch. Er trieb sich selbst an. Wenn er während meiner Zeit an Erschöpfung litt, konnten wir ihn nur zum Absagen einer Show bewegen, indem wir sagten, ich sei krank. Was mich etwas nervte.“

In Amerika begegnete Gallagher auch Lou Reed, als Mick Rock sie einander im glamourösen New Yorker Club Max’s Kansas City vorstellte. Dieses ungleiche Paar zog sich umgehend in eine Ecke zurück und begann, sich über Feedback zu unterhalten. „Sie haben sich bestimmt gut verstanden“, so Rock. „Rory war kein Bullshitter.“
Obwohl er in den USA als Headliner auftrat, schaffte er dort nie den großen Durchbruch. Donal führt das auf die sture Weigerung seines Bruders zurück, sich kommerziellen Diktaten zu unterwerfen, weswegen er einige goldene Gelegenheiten verstreichen ließ, um seine Bekanntheit zu erhöhen: „Robbie Robertson war ein riesiger Fan von Rory und wollte ihn für ‚The Last Waltz‘, doch er lehnte ab, weil er schon anderweitig für Konzerte verpflichtet war.“

m Juli 1973 zog die Band für die Proben zum fünften Album in drei Jahren, TATTOO, nach Cork um. Seit den Zeiten von Taste war es das erste Mal, das Gallagher in Irland an einem Album arbeitete. „So glücklich habe ich ihn nie gesehen“, so Donal. „Er liebte es, nach Cork zurückzukehren, aber es wurde unmöglich für ihn, dort über die Straße zu gehen, also mieteten wir einen Club auf einem Boot auf dem Fluss an, wo er ausspannen und Hausmannkost essen konnte. Sie probten dort für das Album und es war schon ziemlich ausgereift, als wir nach London kamen.“

Wie auf früheren Alben waren auch die neun Stücke auf TATTOO von Gallaghers eigenem Leben inspiriert. Der Opener ›Tattoo’d Lady‹ rief die Rummelplätze und Freakshows seiner Kindheit in Erinnerung, während ›Living Like A Trucker‹ – inklusive Clavinet à la Stevie Wonder – seine Erfahrungen auf Tour in Amerika behandelte. Mit seinen Bandkollegen sprach er jedoch nie über seine Inspirationsquellen oder Themen. „Bevor wir mit der Arbeit an TATTOO begannen, bat ich Rory, mir ein paar Texte aufzuschreiben, damit ich eine Grundlage hatte“, so de’Ath, „aber das tat er nie. Ich weiß nicht, was er dachte.“ Sofern es nicht um Musik, Bücher oder Filme ging, unterhielt Gallagher sich nie allzu tiefgründig mit seiner Band. „Ich weiß noch, wie wir mal in meinem Zimmer plauderten und er mich über spirituelle Dinge befragte. Er fragte mich, was diese oder jene Gottheit bedeutete und Reinkarnation, Buddhismus etc., denn er wusste, dass ich mich sehr dafür interessiere. Wir waren beide betrunken und ich erinnere mich, wie er irgendwann sehr wütend wurde, hinaus stürmte und schrie, ‚das ist Blasphemie!’“

Rory Gallagher1Gallagher war auch zunehmend frustriert darüber, dass er die Energie der Live-Shows nicht einfangen konnte. Bei einer Session drohte er, „die Bänder in den Müll zu werfen“. Das war keine leere Drohung – er sollte später komplette Alben auf Eis legen. „Er war ein Live-Performer“, so Lou Martin. „Er mochte das Studio nicht, weil er die Wände anspielte und keine Reaktion vom Publikum bekam. Aber er musste für die Plattenfirma Alben einspielen.“ „Rory hätte gut einen Coach gebrauchen können, um Disziplin zu lernen“, sagt Donal. „Er steigerte sich in Dinge hinein und etwas, das hätte Spaß machen sollen, tat es nicht.“

Auf der Bühne war das komplette Gegenteil der Fall und Gallagher ließ sich verständlicherweise nicht die Chance entgehen, ein weiteres Live-Album aufzunehmen. Dieses sollte jedoch anders sein: Es würde in Irland aufgezeichnet werden. Damals, Ende 1973, war Nordirland gefangen in den Klauen der Konfessionskriege. Die Provisional IRA hatte im Jahr zuvor mehr als 100 britische Soldaten getötet und ca. 1300 Bomben hochgehen lassen. Paramilitärische Loyalisten hatten wiederum ihrerseits mit Gewalt darauf geantwortet. Es war also kaum überraschend, dass Bands aus Großbritannien nicht gerne dort auftraten. Gallagher war das egal. Er stellte sicher, dass die Band jedes Jahr in Irland spielte. Die Tourneen führten auch immer in den Norden, um für ein Publikum zu spielen, das während der Unruhen nach Rock hungerte. „Wir gehörten zu den ganz wenigen Bands, die in Nordirland spielten“, sagt Lou Martin stolz. „Lizzy wollten es wegen der Probleme dort nicht, aber Rory bestand darauf.“

Trotz dieses Wagemuts hätte es sehr riskant sein können. Als berühmter Musiker war Gallagher ein potenzielles Ziel, und die Tatsache, dass auch Engländer zur Crew gehörten, reduzierte dieses Risiko nicht gerade. Gerry McAvoys Familie war nach England gezogen, nachdem sein Vater fast bei einer Bombenexplosion umgekommen war. Doch Gallagher entschied sich trotzdem dafür, weiterzumachen. Die Loyalität seiner irischen Fans auf beiden Seiten der Grenze ging über religiöse und politische Differenzen hinaus, und sie wussten sein Engagement zu schätzen. Außerdem hatte die Band mitbekommen, dass interessierte Parteien ihre Sicherheit gewähren würden. „Ich war aus Belfast, Gerry war aus Belfast und es gab eine Kooperation mit ‚der Organisation‘, um sicherzustellen, dass die Konzerte nicht gefährdet würden“, so Lou. „Man kümmerte sich sehr gut um uns“, bestätigt de’Ath. „Die Hotels, in denen wir wohnten, wurden sorgfältig ausgewählt, ohne zu sehr ins Detail zu gehen.“ Keiner von beiden will mehr über „die Organisation“ verraten, obwohl wir davon ausgehen können, dass sie nicht von der britischen Regierung reden.

IRISH TOUR ’74, das daraus resultierende Album, bleibt das Highlight von Gallaghers Karriere. Aufgenommen in Belfast, Dublin und Cork, brachte es endlich seine Live-Auftritte zu Vinyl. Während die Tonqualität schwankt – teilweise, weil man für Ronnie Lanes Mobil-Studio keinen Versicherungsschutz in den gefährlicheren Gebieten bekommen konnte –, verliert das Album doch nie seine ursprüngliche, rohe Energie. Es ist der Klang einer Band, die sich über den Abgrund lehnt – etwas, das Gallagher explizit ermutigte, indem er die Shows ohne Setlist völlig spontan gestaltete. „Seine Einstellung war, ‚Wenn du meine Musik nicht kennst, was zum Teufel willst du dann hier?’“, so Rod de’Ath.

Der Dokumentarfilmer Tony Palmer, der mit den Beatles und Frank Zappa zusammengearbeitet hatte, filmte die Tour. Ursprünglich fürs Fernsehen entstanden, wurde das Endergebnis im Kino aufgeführt. Der Film zeigt ein ausgewogenes Bild des politischen Klimas im Irland jener Zeit, ebenso wie die totale Hingabe der Fans für einen Mann, der nicht nur ein Musiker war, sondern zu einem kulturellen Helden avancierte. Er war immer sehr bedacht darauf, „ein Musiker, kein Politiker“ zu sein, und tat alles, um in allen politischen Fragen neutral zu erscheinen. „Er wurde die ganze Zeit unter Druck gesetzt“, sagt Donal. „Jeder wollte das große Zitat. Für Leute außerhalb Irlands ist es in Ordnung, einen Kommentar abzugeben, aber wenn man ein Teil des Heilungsprozesses war, indem man für beide Seiten spielte und Musiker verschiedener Überzeugungen in der Band hatte, würde es niemandem nutzen, große Erklärungen abzugeben.“

Rory Gallagher colour 2RISH TOUR ’74 erschien im Juli 1974, wurde Gallaghers sechstes UK-Top-40-Album und stieg auch in den so wichtigen Billboard-Top 200 in den USA ein. Es markierte für den Gitarristen jedoch auch das Ende einer Ära. Die Band ging von Polydor zu Chrysalis und somit in eine Welt der größeren Budgets. Sie nahmen zu viert zwei weitere Alben auf, AGAINST THE GRAIN (1975) und CALLING CARD (1976). Letzteres wurde von Deep-Purple-Bassist Roger Glover produziert, doch es war für beide Seiten eine unglückliche Erfahrung. Es sollte auch das letzte Album mit Rod de’Ath und Lou Martin werden. „Vielleicht war die Zeit für eine Veränderung gekommen, ich weiß es nicht“, sagt Martin. „Ich hatte nie Zugang zu seinen Gedanken.“

Auf jeden Fall veränderte sich die Welt, und Gallagher war bereit, sich mit ihr zu verändern. Die Ankunft des Punk hatte ihn stark beeindruckt und er kehrte zum fokussierteren Trio-Format zurück. „Er interessierte sich sehr für das Punk-Ding“, so Donal. „Er liebte die Attitüde und es verletzte ihn sehr, als er als Teil der alten Garde abgetan wurde.“ Er war sogar beim berüchtigten letzten Konzert der Sex Pistols im Januar 1978 im Winterland in San Francisco im Publikum. „Er sagte, ‘es war wahrscheinlich das schlechteste Konzert, das ich je gesehen habe’“, erinnert sich Donal.

Doch die gnadenlosen Terminpläne forderten ihren Tribut. Gallaghers Trinkerei eskalierte und entwickelte sich schließlich zu völliger Alkoholsucht. Er begann auch, Lampenfieber zu bekommen, Flugangst und Anfälle körperlicher Erschöpfung. Diese Probleme wollte er mit verschreibungspflichtigen Medikamenten lösen und wurde bald auch nach ihnen süchtig. Da er abseits der Bühne praktisch keine gesellschaftlichen Kontakte pflegte, wusste niemand, wieviele Pillen er nahm. „Selbst als Kind hatte Rory schon immer eine gewisse hypochondrische Veranlagung gehabt“, so Donal. „Er war fast schon begeistert, wenn er krank wurde, weil er dann ein Mittel oder eine Tablette bekam.“

In den 80ern geriet Gallagher sowohl bei der Musikindustrie als auch bei den Fans zunehmend in Vergessenheit. Obwohl er ständig auftrat, wurden die Pausen zwischen den Alben länger und länger. In den zehn Jahren vor FRESH EVIDENCE von 1990, seinem letzten Werk, veröffentlichte er nur zwei Alben. Donal erinnert sich, wie sich das Leben seines Bruders in seinen letzten Jahren nur um das Studio, die Kantine und die Bar drehte, wo er „erschreckende Rechnungen“ ansoff: „Er richtete sich zu Grunde, und wenn ein Album mal fertig war, war er am Rande des Nervenzusammenbruchs. Dann musste er da raus gehen und Promotion machen, bevor es auf Tour ging. Er schaltete nie ab.“

Letztlich holte sein Lebensstil Gallagher ein. Am 14. Juni 1995 starb er an Komplikationen nach einer Lebertransplantation, die durch seine Alkohol- und Pillensucht notwendig geworden war. Er wurde in Ballincollig in der Nähe von Cork beerdigt. Tausende gaben ihm auf der Straße sein letztes Geleit. Die Tragödie seines frühen Todes überschattet aber weder sein Talent noch sein Vermächtnis, was hauptsächlich auf jenen sechs Alben zwischen 1971 und 1974 begründet ist. Seitdem wurde er mit einer Statue, Briefmarken und sogar einer nach ihm benannten Straße geehrt, ganz zu schweigen von den Conventions, die regelmäßig zu seinen Ehren überall auf der Welt stattfinden – die öffentliche Anerkennung eines stets so zurückgezogenen Mannes.

„Wenn ich jetzt zurückblicke, denke ich, Mann, wie hat er nur von ’71 bis ’74 all diese Alben gemacht?“, so Donal. „Wenn etwas ohne einen Trend oder eine Mode entsteht, kann es nicht auf eine bestimmte Ära festgelegt werden. Es ist zeitlos.“

Rory Gallagher_Montreux_1985Die seltsame Geschichte von Rory Gallaghers einstigem Drummer

Als Rory Gallagher 1995 starb, berichteten viele Nachrufe, dass sein früherer Schlagzeuger Rod de’Ath schon ein paar Jahre zuvor von uns gegangen sei, wahlweise aufgrund eines gewaltsamen Überfalls oder eines schiefgegangenen Drogendeals. Dann überraschte de’Ath jedoch alle, indem er bei Rorys Gedenkgottesdienst auftauchte, äußerst lebendig, wenngleich auf einem Auge blind. „Ich konnte nicht zur Beerdigung selbst gehen“, sagt de’Ath heute. „Hey, alle dachten, ich sei tot. Der Schock, mich zu sehen, hätte wahrscheinlich noch ein paar weitere Todesfälle verursacht.“

CLASSIC ROCK hat de’Ath in einem Pub im Osten Londons aufgespürt, um die Wahrheit hinter einer der großen Abtauchaktionen der Rockgeschichte zu erfahren. Mit seinem schwarzen Filzhut, der Augenklappe („damit ich nicht doppelt sehe“) und seinem aufwendig verzierten Gehstock sieht er weniger wie ein Rockopfer aus als ein eleganter Hybrid aus Alan Moore und Terry Pratchett.

Nachdem er sich 1976 von Gallagher trennte, stieß er zu Ramrod und Downliners Sect, bevor er in den frühen 80ern in die USA zog. Seine Probleme begannen, als er Ende der 80er nach Großbritannien zurückkehrte, um Familie und Freunde zu besuchen. Zu diesem Zeitpunkt hatte er einen mysteriösen Unfall, von dem dann viele glaubten, er habe ihn getötet. „Es gab mehrere Gerüchte über meinen Unfall. Ein übermotorisiertes Motorrad, ein schnelles Auto. All diese Geschichten hatten etwas gemeinsam: dass ich unter Drogen stand. Totaler Bullshit. Was tatsächlich passierte, ist gar nicht so aufregend. Ich rannte eine Treppe runter, um einen Zug zu erwischen, stolperte und schlug mit dem Kopf auf.“

Der Schlagzeuger wachte auf der Intensivstation auf, nachdem er im Koma gelegen hatte. Er hatte einen Hirnschaden erlitten und war nun auf einem Auge blind. Er hatte auch sein Gedächtnis verloren und konnte sich nicht erinnern, wer er war oder wie er dort gelandet war. Langsam kehrte sein Gedächtnis zurück, aber aufgrund der ausgesetzten Zahlungen verlor er sein Haus. Seine Chirurgen hatten noch mehr schlechte Nachrichten: Die Verletzung an seinem Hirn war so schlimm, dass er letztlich daran sterben würde. „Man sagte mir, ich hätte noch maximal vier Jahre zu leben. Das war schwer. Ich dachte, ‚Wieso soll ich nun Leute kontaktieren und sagen, hi, ich bin’s – ich bin wieder da? Ach ja, und ich sterbe nächstes Jahr.’“

Diese Prognose liegt nun 19 Jahre zurück. Als Gallagher starb, beschloss Rod, „genug ist genug“, und erschien beim Gedenkgottesdienst des Gitarristen. Heute gibt er zu, dass es am schwersten war, zu akzeptieren, dass er nie wieder Musik spielen oder produzieren können würde. „Mein Gehör war hinüber, und Musik zu machen, war mein Leben. Für ein paar Jahre war ich wahrscheinlich kein sehr angenehmer Zeitgenosse.“