Rock-Mythen: Tina Turner – Das zweite Leben der Anna Mae

Tina Turner Pressefoto.Es ging nicht mehr: Nach Jahren der ehelichen Gewalt lief Tina Turner ihren Mann Ike im Sommer 1976 davon und gab damit eine Weltkarriere auf. Kaum jemand hätte noch einen Cent auf die Sängerin gesetzt – zäh und unaufhaltsam aber kämpfte sie sich zurück ins Rampenlicht und triumphierte.

2. Juli 1976, Ramada Inn Motel, Dallas/Texas: Kopftuch, dunkle Sonnenbrille, weißer Hosenanzug mit Blutflecken darauf – der Portier ist zunächst einmal misstrauisch, als die sichtlich verängstigte Frau plötzlich vor seinem Desk steht. Hinter ihrer Sonnenbrille kann er ein geschwollenes Auge erkennen. „Mein Ehemann hat mich verprügelt“, erklärt sie. Bis auf eine Handtasche hat sie nichts bei sich, alles, was sie besitzt, sind eine Kreditkarte der Firma Mobil und 36 Cent.

Eine Hotelrechnung kann sie so nicht bezahlen. Dafür aber trägt sie einen Namen, mit dem sie überall Kredit erhalten würde: Tina Turner. Die geschundene Frau ist eine Hälfte des weltberühmten schwarzen Soulrock-Duos Ike & Tina Turner, das für eine Show im örtlichen Statler Hilton Hotel gebucht ist. Die Ike & Tina Turner Revue, wie sie sich offiziell nennt, ist erst an diesem Nachmittag per Flugzeug aus Los Angeles, Kalifornien, eingetroffen.

1976 befinden sich die Turners am Scheideweg. Ihren letzten großen Hit haben sie 1973 mit ›Nutbush City Limits‹ gefeiert. Seitdem aber hat sich Ike immer tiefer in seine Kokainsucht verstrickt, derweil Tina ihren Kredit beim Rockpublikum mit einem Gastauftritt in der erfolgreichen Verfilmung der Rockoper „Tommy“ gemehrt hat. Längst ist die stimmgewaltige Frontfrau zum entscheidenden Erfolgsfaktor der Revue geworden. Ike indes fühlt sich noch immer als der Boss – so wie er es von Anfang an gewesen war, als er, der erfolgreiche R’n’B-Bandleader, die gerade 18-jährige Anna Mae Bullock aus Nutbush, Tennessee, im Jahr 1958 als Backgroundsängerin in seine Band geholt hatte. Ab 1960 übernahm Anna Mae, der Ike nun den Namen Tina Turner verpasste, den Leadgesang, erste Hits wie ›A Fool In Love‹ und ›It’s Gonna Work Out Fine‹ folgten prompt, und 1962 heirateten die beiden.

1966 dann begann das Ehepaar, das bis dahin den Chitlin’ Circuit, das landesweite Netz schwarzer Live-Clubs, beackert hatte, das weiße Publikum zu erobern. Zunächst Tina allein mit ihrer Aufnahme von ›River Deep, Mountain High‹, die in England zum Top-Hit wurde, dann zusammen mit Ike auf diversen Tourneen, unter anderem mit den Rolling Stones, in Europa und den USA. Mit ihrer explosiven Version des CCR-Klassikers ›Proud Mary‹ gelang 1970 der längst überfällige Hit in den Popcharts – Ike & Tina Turner gehörten von nun an zur handverlesenenen Elite der internationalen Post-Woodstock-Rockszene.

Zurück zu jenem Abend im Ramada Inn: Der Portier gibt der Sängerin ein Zimmer. Dort bleibt sie während der nächsten Tage, kaum traut sie sich heraus. Und sie nimmt Kontakt mit einem befreundeten Anwalt in Los Angeles auf. Heimlich organisiert er ihre Rückreise nach Kalifornien, und wenig später ist die 36-jährige Mutter zweier Söhne in Sicherheit. Jahrzehnte später wird sie der US-Talkmasterin Oprah Winfrey in einem TV-Interview von ihren Gefühlen während dieser Flucht erzählen: „Als mein Flugzeug in Kalifornien gelandet war, schlug mein Herz bis zum Hals. Ich hatte Angst, dass Ike dort sein würde, denn als ich ihn zuvor schon einmal verlassen hatte, fand er mich in einem Bus. Ich schlief gerade, und als ich die Augen öffnete, stand er da draußen vor dem Fenster. Es war das erste Mal, dass er mich mit einem Kleiderbügel verprügelte. Als ich also das Flugzeug verließ, rannte ich wie von Sinnen. Ich sagte mir: Wenn er hier ist, schreie ich nach der Polizei. Und ich hämmerte mir ins Hirn: Eher sterbe ich, als dass ich zurückgehe!“

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