Rock-Mythen: Otis Redding – Der Soulman, der vom Himmel fiel

Otis ReddingEr war der wohl begabteste Soulsänger seiner Generation, und er war auf dem Sprung zum Weltruhm: Vor 50 Jahren, am 10. Dezember 1967, starb Otis Redding bei einem Flugzeugabsturz im US-Bundesstaat Wisconsin. Seinen größten Hit hatte er erst wenige Tage zuvor aufgenommen.

Man kann das körnige Schwarzweißfoto kaum ansehen: Zwei in einem wackeligen Boot stehende Männer ziehen einen dritten aus den Fluten. Sein blutverschmiertes Gesicht ist zu sehen, die Augen sind geschlossen. Er sieht friedlich aus, fast als würde er schlafen. Seine dunkle Kleidung ist vom Wasser durchtränkt. Der leblose Körper hängt an einem Seilzug, der von weiteren Männern in Gummistiefeln be­­tätigt wird. Das Foto ist berühmt. Aufgenommen wurde es am 11. De­­zember 1967. Es zeigt den toten Otis Redding, den besten Soulsänger seiner Generation.

Geboren am 9. September 1941, absolviert Otis Ray Redding Jr. auf seinem Weg ins Showbiz die für einen Afroamerikaner damals typischen Stationen. Aufgewachsen ist er als ältester Sohn eines Baumwollpflückers und Gelegenheitspredigers, der ihn bereits in sehr jungen Jahren in einen Baptistenchor steckt. Der Kleine hat Spaß am Singen, lernt ne­­benbei Gitarre, Klavier und Schlagzeug und darf schon als Teenager bei der Radiostation WIBB in Macon, Georgia, Gospelsongs vortragen – für immerhin sechs Dollar pro Auftritt.

Als der Vater an Tuberkulose er­­krankt, sieht sich der 15-Jährige ge­­zwungen, Geld für die Familie zu verdienen. Er verlässt die Schule, jobbt hier und da und findet in Macon allmählich auch Gehör beziehungsweise erste bezahlte Gigs als Sänger. 1960, mit erst 18 Jahren, wird er selbst Vater. Ein Jahr später heiratet er Zelma, die ihm zwei weitere Kinder schenken wird.

Sein Talent beginnt sich in der schwarzen Szene herumzusprechen, erste professionelle Engagements, etwa bei Johnny Jenkins und Pat T. Cake & The Panthers folgen. Der junge Sänger reiht sich ein in das Heer der schwarzen Musiker, die den berühmt berüchtigten Chitlin’ Circuit beackern, ein über die Südstaaten bis an die Ostküste und nach Ka­­lifornien reichendes Netz von Live-Clubs für ein schwarzes Publikum. Hier lernt Redding seinen Job von der Pike auf. 1962 kommt es zur ersten Begegnung mit Estelle Axton und Jim Stewart, den Gründern des Stax/Volt- Labels in Memphis, Tennessee. Sie er­­kennen Otis’ Potenzial und geben ihm einen Vertrag, fortan gehört der 21-Jährige zur Stax-Familie.

Bereits sein Einstand ›These Arms Of Mine‹ lässt aufhorchen. Beharrlich arbeitet er sich nun hoch, auf weitere Hits allerdings muss er warten. 1965 endlich platzt der Knoten, ›Mr. Pitiful‹, ›I’ve Been Loving You Too Long‹ und ›Respect‹ knacken die R’n’B-Top-Ten. Mit dem Album OTIS BLUE findet er seinen Stil und landet seine erste Nummer 1 in den R’n’B-LP-Charts.

Redding entpuppt sich nun als weit mehr als ‚nur‘ ein neuer Soulsänger. Er ist, wie sein Boss Jim Stewart es formuliert, Herz und Seele von Stax. In ihm bündelt sich alles, wofür der Stax-Soul steht: der bodenständige, an Gospeltraditionen ebenso wie an Little Richard – was ein und dasselbe ist – geschulte Gesangsstil, die raue, heisere Stimme, der bis an die Grenze zur Ekstase intensive Vortrag, die schier überbordende Kraft und das warmherzige Charisma des stattlichen 1,85-m-Mannes.

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