Rock-Mythen: Marvin Gaye – Der Tod des Soul-Prinzen

Er war eine Lichtgestalt des frühen Pop: Hits wie ›I Heard It Through The Grapevine‹, ›What’s Going On‹ und ›Sexual Healing‹ machten Marvin Gaye zum Superstar, und seine Alben der 70er Jahre zählen bis heute zum Heiligen Gral des modernen Soul. Umso tragischer sein Tod am 01. April 1984 – durch die Hand des eigenen Vaters.

1,85 m groß, ebenmäßige Züge, strahlendes Lächeln und ein samtweicher Soultenor – Marvin Gaye musste einfach zum Star werden. Er selbst wusste das, Labelchef Berry Gordy Jr. wusste das, und erst recht wussten es die Millionen von Fans, die in den 60er- und 70er-Jahren seine Platten kauften. Dabei lauerten hinter der Fassade des Mann­­es, den sie „Prince of Mo­­­­­­town“ nannten, von Anfang an düs­­terste Abgründe. Sie waren die Hin­­terlassenschaft einer traumatischen Kindheit, zerrütteter Familienbeziehungen, und sie führten zu einer der größten Tragödien der Pop­­musik.

Die Geschichte beginnt in einer Sozialsiedlung im südwestlichen Teil von Washington, D. C. Geboren wird Marvin Pentz Gay Jr. dort am 2. April 1939 als zweites von vier Kindern des „House of God“-Predigers Mar­­vin Gay Sr. und seiner Frau Al­­berta. Der Vater führt ein strenges Regiment, regelmäßig verprügelt er seine Kinder wegen kleinster Verfehlungen. Marvin Jr. wird das später so beschreiben: „Es war ein Le­­ben mit einem König, einem sehr ei­­­genbrötlerischen, unberechenbaren, grausamen und allmächtigen König.“ Mehr als einmal wirft dieser König seinen Zweitgeborenen im Lau­­fe der Jahre aus dem Haus. Und wäre da nicht der Trost der Mutter, der Junge hätte sich, so hat er einmal gesagt, schon damals umgebracht.

Als Vierjähriger singt Marvin zum ersten Mal in der Kirche seines Vaters, und mit elf versucht er sich bei einer Schulaufführung an Mario Lanzas ›Be My Love‹. Längst ist ihm das Singen wichtiger als die Schule. Mit 17 dann nutzt er die erstbeste Ge­­legenheit, dem Horrorhaus seiner El­­tern zu entfliehen und geht zur Air Force. Sein Soldatendasein währt jedoch nur kurz, seine Karriere als Sänger aber nimmt nun professionelle Formen an. Zunächst ar­­beitet er für Bo Diddley, bald folgt ein erster Plattenvertrag bei Okeh Records für seine Gesangsgruppe The Marquees, dann singt er als Backgroundsänger auf Chuck Berrys ›Back In The U.S.A.‹, und 1960 schließlich landet der 20-Jährige in De­­troit, wo er bald schon Motown-Boss Berry Gordy auffällt.

Der Rest ist Motown-Hitgeschichte: Zunächst noch jobbt Gay als Sessiondrummer für andere, ab 1962 aber steigt er mit Songs wie ›Stubborn Kind Of Fellow‹, ›Hitch Hike‹ und ›How Sweet It Is (To Be Loved By You)‹ in die Starriege des Erfolgslabels auf. Inzwischen hat er ein „e“ an seinen Nachnamen gehängt. Millionenseller wie ›I’ll Be Doggone‹ und ›Ain’t That Peculiar‹ festigen seinen Ruf, und 1967 startet er ge­­meinsam mit Tammi Terrell eine Duettserie. Schon der Auftakt, ›Ain’t No Mountain High Enough‹, wird zum Monsterhit. Dann der Schock: Im Oktober bricht Terrell in den Armen ihres Partners auf offener Bühne zusammen, kurz darauf wird ein Hirntumor diagnostiziert.

Als Solist feiert Gaye im Herbst 1968 mit ›I Heard It Through The Grapevine‹ seine erste Nummer 1. Es scheint, dass er nichts falsch machen kann. Als Tammy Terrell aber nach mehreren Operationen am 16. März 1970 stirbt, stürzt das den ohnehin labilen Sänger in tiefe Depressionen. Sein Verhältnis zum patriarchalischen Motown-Chef ist ohnehin angespannt, nun fordert er größere Freiheiten für seine Musik. Gaye will nicht länger der strahlende Schnulzenheld sein, stattdessen will er sich auf seinen Platten mit Themen wie der Rassendiskrimienierung und dem Vietnamkrieg be­­schäftigen. Gordy weigert sich, die neue Single ›What’s Going On‹ zu veröffentlichen. Schließlich lenkt er ein, und siehe da, das gleichnamige Album wird 1971 zum Opus Magnum und größten Erfolg in Gayes Karriere. Zwei Jahre später folgt mit LET’S GET IT ON ein weiterer Meilenstein.

Gayes Leben aber ist da längst aus den Fugen geraten. Seine Ehe mit der 17 Jahre älteren Anna geht endgültig in die Brüche. Während seine neue Freundin Janis im September 1974 ein erstes gemeinsames Kind zur Welt bringt, versinkt der Sänger in einer Spirale aus manischer De­­pression und schwerer Kokainabhängigkeit. Bereits 1969 hat er einen ersten Selbstmordversuch unternommen. 1977 folgt die Scheidung von Anna, aber auch die daraufhin ge­­­­schlossene Ehe mit Janis scheitert nach turbulenten Jahren voller Streit und Drogenexzesse – 1981 wird sie ebenfalls geschieden. In­­zwischen sind zudem 4,5 Millionen Dollar Steuerschulden aufgelaufen, und Gaye überwirft sich endgültig mit Motown. Er zieht die Notbremse, geht nach Hawaii und dann ins europäische Exil nach Ostende, Belgien. Nachdem er bei CBS einen neuen Vertrag unterschrieben hat, be­­reitet er dort sein Comeback vor. Am 30. September 1982 erscheint MIDNIGHT LOVE. Die Platte wird ein Triumph, vor allem dank der weltweiten Nr.-1-Single ›Sexual Hea­­ling‹. Der Sänger kassiert die beiden ersten Grammys seiner Karriere, seine Kokainsucht scheint er besiegt zu haben. Er ist wieder da. Das jedenfalls glaubt die Welt – da­­bei hat das letzte Kapitel in seinem Leben schon begonnen.

Nach einer US-Tournee, während der sich erste Anzeichen von Paranoia be­­­­­­­merk­­­bar machen (er trägt jenseits der Bühne grundsätzlich eine schusssichere Weste), zieht sich Gaye Ende 1983 zu seinen Eltern zu­­rück. Sie leben mittlerweile in Los Angeles in einem Haus, das er ihnen gekauft hat. Monatelang gärt nun der Dauerkonflikt zwischen Vater und Sohn. Überdies gerät Marvin immer mehr aus dem psychischen Gleichgewicht, nimmt wieder Kokain. Wenn er das Haus überhaupt mal verlässt, dann zieht er drei Mäntel übereinander an und die Schuhe an den jeweils falschen Fuß. Am 28. März unternimmt er einen Selbstmordversuch, springt aus einem fahrenden Sportwagen, kommt aber mit ein paar Schrammen davon.

In der Nacht zum 1. April schließlich entwickelt sich, wieder einmal, ein schlimmer Streit zwischen den Eltern. Marvin mischt sich ein und scheinbar beruhigt sich die Situation. Am nächsten Tag eskaliert sie jedoch. Wieder kommt es zum lautstarken Wortwechsel. Und dann passiert es: In einem Anfall von Jähzorn verprügelt Marvin seinen Vater brutal. Dann geht er zu­­rück in sein Zimmer. Der Vater rappelt sich auf und folgt ihm. Seelenruhig und wortlos richtet er – vor den Augen von Alberta – die Smith & Wesson .38 Special, die ihm Marvin zu Weihnachten geschenkt hat, auf den Sohn. Es ist 12.38 Uhr. Er schießt zweimal. Die erste Kugel geht ins Herz, die zweite in die Schulter. Die Ärzte im California Hospital Medical Center können wenig später nur noch den Tod des Weltstars feststellen.

Nachdem sich herausgestellt hat, dass Marvin Gaye zum Todeszeitpunkt Drogen im Blut hatte und Gay Sr. bereits unter einem Hirntumor litt, wird der Vater wegen Totschlags zu sechs Jahren Ge­­fängnis auf Be­­währung verurteilt.