Rock-Mythen: Brian Jones – Ein Rolling Stone verglüht

Als Brian Jones in der Nacht zum 3. Juli 1969 im Swimmingpool seines Hauses tot aufgefunden wurde, hatte die Popwelt einen ihrer begabtesten Musiker und eine Symbolfigur der Swinging Sixties verloren. Um das Ende des Rolling-Stones-Gründers allerdings ranken sich bis heute wilde Gerüchte – bis hin zum Mordverdacht …

Mitternacht auf Cotchford Farm, einem idyllischen Anwesen in der Grafschaft Sussex. Zu hören ist vielleicht das Rauschen des nur einen Steinwurf entfernten Wäldchens und hier und da eine zirpende Grille. Dazu das Platschen von Wasser. Und Stimmen. Zwei Männer kühlen sich in dieser lauen Sommernacht im Garten ab, sie ziehen ein paar Runden durch den alten Swimmingpool des Anwesens. Die Freundinnen der beiden, Janet Lawson und Anna Wohlin, halten sich im Haus auf. Später werden sie zu Protokoll geben, dass der Bauunternehmer Frank Thorogood nach einer Weile wieder hereinkommt, um Zigaretten zu holen. Erst eine Viertelstunde später fällt Lawson auf, dass etwas nicht stimmen kann, denn draußen ist es plötzlich still. Sie geht hinaus und findet den anderen Mann. Brian Jones, Hausherr und Gründer der Rolling Stones, liegt tot auf dem Grund des Pools.

Wer war diese mythische Gestalt, die wie eine Supernova durch die 60er-Jahre irrlichterte und einen in sämtlichen Farben des Regenbogens leuchtenden Schweif hinterließ, der bis in unsere Gegenwart strahlt? Geboren wird Lewis Brian Hopkins am 28. Februar 1942 in Cheltenham, Gloucestershire. Als Kind schon lernt er Klavier, Saxophon und Klarinette. Und er entdeckt den Blues. Mit siebzehn dann die erste Gitarre. Als Brian 1961 den Bluesmann Sonny Boy Williamson auf einer Englandtournee erlebt, steht fest: Er wird Musiker werden.

Da ist er gerade 19 Jahre alt und be­­reits dreifacher Vater, sein erster Sohn kam 1959 zur Welt, die Mutter war gerade 14. Im Spätsommer 1961 zieht er mit Freundin Pat Andrews nach London. Bald schon hat er Anschluss ge­­funden, wohnt zeitweise bei Alexis Korner, dem Ziehvater der embryonalen Londoner Bluesszene. Hopkins entdeckt die Slidegitarre und gibt öffentliche Kostproben seines Talents bei Korners Band Blues Incorporated. In An­­lehnung an sein Idol Elmore James nennt er sich nun Elmo Lewis. Auftritt Jagger/Richards: Die beiden 18-Jährigen haben sich ebenfalls dem Blues verschrieben und treffen im Frühjahr 1962 im Ealing Jazz Club auf den blonden Boheme mit der Slidegitarre. Man freundet sich an, und wenige Wochen später sind die Rolling Stones gegründet – unter Führung von Brian Jones, wie er sich nun nennt. Von Anfang an gibt es Spannungen in der Band, zu der im Winter 1963 auch Bassist Bill Wyman und Drummer Charlie Watts stoßen. Als selbsternannter Manager genehmigt sich Jones heimlich einen fünfprozentigen Zuschlag auf die an­­sonsten brüderlich geteilten Gagen.

Im Juni 1963 erscheint mit ›Come On‹ die erste Single, das Debütalbum folgt im April 1964. Ein Jahr später schon zählen die Newcomer zur Elite des UK-Pop. Es ist erst der Anfang. Mit ›The Last Time‹ schicken die Stones im Februar 1965 ihre erste selbstgeschriebene Single ins Rennen – Nr. 1! Es folgen ›(I Can‘t Get No) Satisfaction‹, ›Get Off Of My Cloud‹ und ›19th Nervous Breakdown‹. Als die Gruppe im September 1965 live in Westdeutschland gastiert, ist sie die neben den Beatles erfolgreichste Band der Welt. Mehr noch: Die Rolling Stones symbolisieren den aufmüpfigen Geist der Sixties, sind die „Bad Boys“ der Szene. Das Establishment hasst sie, die Teenager himmeln sie an. Der 23-jährige Brian Jones, inzwischen bereits sechsfacher Vater, wähnt sich am Ziel seiner Träume. Sein üppiger Blondschopf, die vollen Lippen und der verträumte Blick aus blaugrünen Augen machen ihn zum Pinup der Pop-Presse, zum Prinzen von Swinging London.