Review: Pink Floyd – THE EARLY YEARS 1965–1972

pink floyd 1967Umfangreiche audiovisuelle Werkschau der Floyd’schen Gründerzeit.

Jahrzehntelang beklagten die weltweiten Floydianer die sträfliche Vernachlässigung des Backkatalogs der britischen Psychedelic-Pioniere über die regulären Veröffentlichungen hinaus. Jedesmal, wenn Pink Floyd zu einer weiteren Retrospektive ansetzten, kaufte der treubrave Anhänger teure Boxsets mit beigelegten Gimmicks, stellte sie ungeöffnet ins heimische Plattenregal und fühlte eine innere Leere: Würde er doch erstens aus Wertverlustangst die eingeschweißten Teile nie öffnen, um zweitens zum x-ten Male festzustellen: Auch für diese Ausgabe blieb zweifellos auf unzähligen Bootlegs kursierendes Zusatzmaterial definitiv ausgeschlossen. Eine Ausnahme bildete gleich mehrfach das je­­weils um dürftiges Bonusmaterial ergänzte Debüt THE PIPER AT THE GATES OF DAWN. Für Pink Floyd galt als Faustregel bislang, was nach wie vor für die Rolling Stones gilt: Abseits hinlänglich bekannten Materials herrschte Ödnis wie auf der dunklen Seite des Mondes. Mit dem Boxset THE EARLY YEARS 1965–1972, eine sich jeweils in Buch­form in die Kapitel „Cambridge Station“, „Ger­mination“, „Dramatisation“, „Deviation“, „Reverbera­tion“, „Obfuscation“ und „Continuati­on“ unterteilende Aufarbeitung, dürfte fortan die Not der Floydianer zumindest in Sachen Grün­derzeit lindern. Auf insgesamt 27 Discs (zehn CDs, neun DVDs, acht Blu-Rays) breiten sich audiovisuell bislang Unveröffentlichtes, Alter­nativ-Versionen, Outtakes, Quadro-Mixe, Kon­zertmitschnitte, Single-A-und-B-Seiten, BBC Radio Sessions und TV-Auftritte aus. Dazu gesellen sich die fünf ersten 45er als Seven-Inch-Vinyl in Originalhüllen sowie mehr als 40 Repliken von diversen Memorabilien wie Plakaten, Flyern, Tourneeprogrammen, Tickets, Presseanzeigen etc.

pink floyd early years

Doch wirft das laut Schlagzeuger Nick Mason seit rund zehn Jahren in der Pipeline befindliche Mammutprojekt nicht unwichtige Fragen auf: Wer kann sich mal eben für mehr als 500 € eine so umfangreiche Archivhebung leisten? Und: Werden jene, die es können, den sündteuren In­­halt jemals genießen? Immerhin erscheint parallel ein komprimierter Auszug aus 27 Tracks als Doppel-CD THE EARLY YEARS 1965–1972: CREATION. Zudem sollen 2017 zumindest die ersten sechs Volumes auch als Einzelsets veröffentlicht werden. Zu entdecken gibt es tatsächlich unglaublich viel: Schon frühe Demos von 1965 mit Syd Barrett und Gitarrist Rado Klose (u.a. ›Lucy Leave‹, ›Double O Bo‹, ›Remember Me‹, Slim-Harpo-Cover ›I’m A King Bee‹) de­­monstrierten Unverwechselbarkeit. Als die Floyd nach ihrem Durchbruch 1967 verzweifelt einen Hit-Nachfolger suchten, verschwand Skurriles wie ›In The Beechwoods‹, ›Scream Thy Last Scream‹ und ›Vegetable Man‹ kurzerhand im Ar­­chiv. Visuelle Summer-Of-Love-Andenken liefern sowohl diverse Promo-Videos als auch Mitschnit­te aus Londons „UFO“-Club, den EMI Studios und dem „Roundhouse“ sowie TV-Performances von „Top Of The Pops“ und „American Band­stand“. Mit David Gilmour als Barrett-Ersatz mehrten sich die Einsätze sowohl bei den BBC- Radio-Sessions als auch in französischen Fern­seh-Shows wie „Bouton Rouge“, „Tous En Sce­ne“, „Samedie Et Compagnie“, „Forum Musi­ques“ und „Pop Deux: Festival de St. Tropez“. Als kurios erweist sich ein ganz auf Bildende Kunst getrimmter ZDF-Bericht von „Aspekte“: Fünf MORE-Outtakes reihen sich an bislang unveröffentlichtes Material vom Soundtrack ZABRISKIE POINT, einen Radio­mitschnitt des Senders KQED in San Francisco vom 30.4.70 sowie 1969er Konzerte in Ams­ter­dam und Lon­don mit dem unveröffentlicht gebliebenen Kon­zept THE MAN/THE JOUR­NEY. Audiophile dürften die Quadro-Version von ATOM HEART MOTHER wie auch den 2016er Mix von OB­­SCU­­RED BY CLOUDS schätzen. Beiträge zu Floyds Kollaboration mit dem Ballett-Choreo­graphen Roland Petit lassen sich ebenso orten wie die kompletten Kinofilme „The Committee“, „More“, „La Vallée“ und „Live At Pompeii“.

10/10

Pink Floyd
THE EARLY YEARS 1965–1972
PARLOPHONE/WARNER