Review: Neil Young – HITCHHIKER

neil young hitchhiker coverEndlich da: das verschollene Werk von 1976.

1972 veröffentlichte Neil Young HARVEST, 1974 ON THE BEACH, 1975 TONIGHT’S THE NIGHT und ZUMA. Allesamt kanonisiert, in den Rockhimmel erhoben, unantastbar. 1976 erschien kein Album, aufgenommen hat Young trotzdem eins. Mehr als 40 Jahre später erscheint das verschollene Werk, unter dem Titel HITCHHIKER. Aufgenommen wurde es an einem einzigen Tag im August 1976 in den Indigo Studios in Malibu, nur mit akustischer Gitarre, Mundharmonika und auf einem Song mit Klavier. Und ja, das Ergebnis ist ungeschliffen, es ist spröde, doch es ist auch der Diamant, den man aus dieser vielleicht größten Zeit in Youngs Karriere erwarten durfte. Warum die Platte damals nicht erschienen ist? Nun, er sei zu stoned gewesen zu der Zeit, und das höre man, schrieb der Kanadier 2014 in seinen Memoiren „Special Deluxe“. Und in der Tat hört man ihn zwischen manchen Songs verdächtig kichern. Eine Wucht ist es natürlich trotzdem, was Young damals aufs Band brachte. Wirklich unveröffentlicht sind nur zwei der Stücke, die skizzenhafte Ballade ›Hawaii‹ und das großartige, fast gebetsartige ›Give Me Strength‹. Alles andere ist von späteren Live- und Studioalben oder Kompilationen bekannt, nur eben nicht in dieser rohen, frühen Form. ›Pocahontas‹, ›Ride My Llama‹ und ›Powderfinger‹ kennt man von RUST NEVER SLEEPS, ›Old Country Waltz‹ fand seinen Weg auf AMERICAN STARS ‚N BARS, ›Human Highway‹ auf COMES A TIME. Gerade ›Campaigner‹ wirkt in Zeiten alternativer Fakten erschreckend aktuell („The speaker speaks/But the truth still leaks“), in ›Hitchhiker‹ geht‘s um Amphetamine, Paranoia, Kalifornien, es ist der am offensichtlichsten autobiografische Song dieser Platte, die Young so aufgekratzt wie genialisch zeigt.

9/10

Neil Young
HITCHHIKER
REPRISE/WARNER