Ray Davies – Freundschaftsdienste

Ray Davies 2010_bearbEr ist einer der erfolgreichsten Songwriter, die das Königreich von Fish’n’Chips je hervor­ge­bracht hat: Raymond Dou­glas Davies – kurz: Ray – hat Dutzende von Rock-Klas­sikern verfasst, die wirklich jeder kennt. Und doch: Der 66-Jährige ist alles andere als glücklich. Sei es, weil er gerne seine alte Band, die Kinks, reformieren würde, aber nicht kann. Oder weil er mit SEE MY FRIENDS ein Tribute-Album vor­legt, das er am liebs­ten vollkommen an­­ders be­stücken wür­de – wenn man ihn ließe.

An einem nasskalten Herbsttag in Berlin muss Ray Davies für etwas werben, das wie ein einziger Kompromiss gegenüber seiner Plattenfirma wirkt. Die hatte ihn im vergangenen Jahr ein unkommerzielles Werk namens THE KINKS CHORAL COLLECTION mit Chor-Versionen bekannter Kinks-Stücke aufnehmen lassen – und erwartet nun lukrative Wiedergutmachung. Und zwar mit einer CD namens SEE MY FRIENDS, die als klassisches Tribute-Album durchaus durchgehen würde, wäre das Objekt der Bewunderung nicht an jedem einzelnen Stück beteiligt und würde sich dabei mit Künstlern duettieren, die – daraus macht er überhaupt kein Geheimnis – größtenteils dem Wunschzettel der Marketingdirektoren entsprechen. „Die meisten Leute hat man mir ans Herz gelegt. Und ob-wohl ich davon nicht wirklich begeistert war, habe ich ihnen zumindest eine Chance gegen. Was soll ich sagen: Es waren einige positive Überraschungen dabei.“

Wie beispielsweise Gary Lightbody, Amy MacDonald oder Bon Jovi. Namen, die das kommerzielle Potenzial des Werkes steigern sollen, und durchaus auch tun. Und zudem – bewusst oder unbewusst – auch ein kleines bisschen Selbstironie zeigen. Etwa, wenn Gelegenheitsschauspieler Jon Bon ausgerechnet ›Celluloid Heroes‹ über gescheiterte Hollywoodstars schmettert, und in grauer Vorzeit mal im Vorprogramm der Kinks unterwegs war. „Ich würde lügen, wenn ich sage, dass er damals bleibenden Eindruck auf mich gemacht hätte“, grinst Ray. „Er war einer von diesen wilden Jungs in Spandex-Hosen, die versucht haben, so viele Mädchen wie möglich zu beeindrucken. Das Problem war nur: Schon Anfang der Achtziger waren bei den Kinks nicht mehr wirklich viele junge Damen im Publikum. Da dürfte er also ziemlich leer ausgegangen sein. Aber egal, er war nett und hat sich wirklich Mühe gegeben. Das ist alles, was zählt.“

Mit weitaus mehr Hochachtung spricht er dagegen von Bruce Springsteen, den er anlässlich seines New Jersey-Trips zu Familie Bon Jovi auf der Nachbarfarm besucht und mit ihm ›Better Things‹ eingespielt hat. „Er war unglaublich, wie gut er vorbereitet war“, setzt Ray mit zufriedenem Grinsen an. „Er hat viel über die Kinks gelesen und hatte etliche Fragen zur Bandgeschichte und zum Hintergrund bestimmter Songs. Deshalb haben wir uns auch nur 25 Minuten mit seinem Gesang befasst und ansonsten vier Stunden ununterbrochen geredet. Was einfach toll war. Ein echtes Highlight.“

Genau wie die Leidenschaft, mit der Metallica seinen Evergreen ›You Really Got Me‹ malträtieren. Nämlich mit noch mehr Biss als im Original, das gemeinhin als erster Metal-Song der Musikgeschichte gilt – weil das markante Riff an Brutalität und Schärfe kaum zu überbieten ist. „Sie machen das wirklich exzellent“, lautet der Kommentar des Komponisten. „Einfach, weil es nahezu live war, also mit ganz wenigen Overdubs aufgenommen wurde. Außerdem hat es denselben rebellischen Geist wie bei den Kinks – und ähnlich viel Power. Das erste Mal, dass wir es zusammengespielt haben, war übrigens vor einem Jahr im Madison Square Garden, beim Konzert für die Rock’n’Roll Hall Of Fame. Sie fanden es toll, und deshalb habe ich sie gefragt, ob sie eine Studioversion mit mir aufnehmen würden. Sie sagten zu, und wir haben dafür gerade mal vier Takes gebraucht.“

Eine Professionalität, die er nach 47 Jahren Musikgeschäft zu schätzen weiß. Auch wenn seine ursprüngliche Liste an potenziellen Duettpartnern mit weit weniger kommerziell attraktiven Superstars bestückt war. Sie enthielt eher alte Freunde wie Spoon, Frank Black, Alex Chilton, Jackson Browne, Lucinda Williams oder den kauzigen US-Schauspieler Harry Dean Stanton. „Ich bin ein riesiger Fan von ihm und halte ihn für einen der spannendsten Charaktere, die in Hollywood rumlaufen. Aber bei Universal kannte nun mal niemand seine Platten, und die Verantwortlichen dort fanden ihn schlichtweg zu obskur. Dabei spielt er immerhin mit Leuten wie Bob Dylan und ist ein richtig guter Gitarrist. Aber vielleicht klappt das ja beim nächsten Mal. Denn am Ende des Projekts haben sich immer mehr Leute gemeldet, die unbedingt etwas mit mir machen wollen. Wie etwa Shirley Manson, die ich wahnsinnig in-teressant finde.“

Wobei Davies die Aufmerksamkeit, die er gegenwärtig mit SEE MY FRIENDS erfährt, am liebsten nutzen würde, um das Original wiederzubeleben. Sprich: Die legendären Kinks, die zwischen 1964-1996 stolze 23 Studioalben veröffentlichten, wegweisende Songs wie ›All Day And All Of The Night‹, ›Sunny Afternoon‹, ›Dead End Street‹, ›Lola‹, ›Days‹ oder ›Waterloo Sunset‹ schrieben, neben Beatles, Stones, Pink Floyd und Who zu den wichtigsten Rock-Bands der Insel zählen und längst nicht nur für nette, kleine Beat-Stücke stehen, sondern auch für exzentrische Rock-Opern wie PRESERVATION ACT 1 und 2, die den Horizont ihrer Hörerschaft bei weitem überstiegen.
„Wir haben es uns und unseren Fans nie wirklich leicht gemacht“, lacht Ray. „Aber das wollten wir ja auch gar nicht. So gerne wir Hits hatten und in großen Hallen spielten, so sehr haben wir unseren Erfolg genutzt, um zu experimentieren und unsere Grenzen auszuloten. Klar, ist das manchmal fürchterlich in die Hose gegangen, aber es hatte auch große Momente, in denen wir dachten: ,Na also, die Leute sind doch gar nicht so blöd!‘ Nur: Wer es in diesem Geschäft zu etwas bringen will, der muss auf Nummer sicher gehen und immer mit dem Strom schwimmen. Was uns einfach zu langweilig war.“

Somit löste sich die Band Mitte der neunziger Jahre auf – nach mehreren Album-Flops und unüberwindbaren Differenzen zwischen den Brüdern Ray und Dave. Beide schienen das zunächst sehr zu genießen und vergingen sich an Autobiografien wie Solo-Alben. Doch nach anderthalb Dekaden, Daves Schlaganfall und den tiefroten Zahlen des gemeinsamen Konk-Studios in Nord-London, ist zumindest bei Ray der Wunsch gewachsen, es noch einmal als Band zu versuchen.

Weshalb er bereits an neuen Songs mit Drummer Mick Avory bastelt – und auch über eine Zusammenarbeit mit Ex-Bassist Pete Quaife nachgedacht hat. „Ich hatte vor, nach Dänemark zu fliegen, wo er gelebt hat, und dort ein paar Stücke mit ihm aufzunehmen. Doch so weit ist es nicht gekommen – er ist im Juni nach langer, schwerer Krankheit gestorben. Und das hat mir einmal mehr gezeigt, dass es höchste Zeit für die Kinks wird. Also dass wir mit dieser Reunion nicht viel länger warten dürfen, weil es sonst zu spät ist.“

Doch dazu fehlt allerdings derzeit eine wichtige Komponente: Gitarrist Dave Davies, der gesundheitlich zwar wieder halbwegs auf dem Damm ist, aber immer noch mit der gleichen Begeisterung wie früher auf dem brüderlichen Kriegspfad wandelt. Was Ray mit einer Mischung aus Ironie und Sarkasmus kommentiert: „Er ist gegen alles, was ich ihm vorschlage. Einfach, weil er möchte, dass sämtliche Ideen von ihm stammen – selbst wenn sie letztlich nicht viel taugen. Insofern ist es, als ob man sich mit der Europäischen Gemeinschaft auseinander setzt. Sprich: Egal, was man tut – es kann nichts Vernünftiges dabei herauskommen. Zumal er den ganzen Tag in seinem Haus auf dem Land rumsitzt und die Leute mit völlig absurden E-Mails bombardiert. Es ist wie ,Dave gegen den Rest der Welt‘. Dabei sollte er endlich begreifen, dass ihn die Welt liebt – und ich tue das auch. Aber das passt nicht in sein verstocktes Hirn. Insofern hoffe ich, dass er auch durch dieses Album erkennt, wie sehr die Menschen da draußen unsere Songs zu schätzen wissen.“

Denn für den Fall der Fälle, also für die Kinks-Reunion 2011, hat der Mann aus Fortis Green bereits eine Vielzahl an begleitenden Projekten geplant. Wie eine erste Europatournee seit 1993, ein Musical über die Karriere der Band und nicht zuletzt ein Biopic des UK-Regisseurs Julien Temple, dem Davies sogar sein sagenumwobenes Privatarchiv mit mehreren tausend Stunden Filmmaterial geöffnet hat. „Eine Menge Zeug in teilweise indiskutabler Qualität, aber auch einige sehr schöne Aufnahmen von unseren Tourneen in den Siebzigern, die zeigen, wie anarchisch wir damals waren.“

Und falls sich Dave nicht beirren lässt? Falls er weiter schmollt? „Dann kann er mich kreuzweise“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. Nur, um mit einem weitaus feingliedrigeren Schlusssatz abzuschließen: „Wahrscheinlich mache ich mich dann an SEE MY FRIENDS II – Kandidaten für eine Fortsetzung gibt es genug.“ Was fast wie eine Drohung klingt. Zumindest ein bisschen.