Queens Of The Stone Age / Josh Homme

Queens-of-the-stone-age-2Die Leiden des Josh H.

Vier Jahre nach dem letzten Studioalbum ERA VULGARIS lässt ein neuer QOTSA-Longplayer weiter auf sich warten. Stattdessen legt der Regent der Königinnen, JOSH HOMME, das 1998er- Debüt neu auf, geht auf Selbstfindungs-Tournee, betreibt gezielte Abrechnung mit seinem Ex-Label und preist die Vorzüge homoerotischer Männerfreundschaft.

Josh Homme ist neben Dave Grohl der wohl vielbeschäftigste Mann im Rock-Geschäft. Das Gründungsmitglied der Stoner-Pioniere Kyuss war soeben mit den Queens Of The Stone Age live im CLASSIC ROCK-Land unterwegs, promotet gerade die jüngst erschienene Neuauflage des Debüts QUEENS OF THE STONE AGE und legt zudem erste Hand an die Songs des neuen Studio­albums, das im Frühjahr 2012 auf den Markt kommen soll. Außerdem hat er bereits Ideen für ein zweites Werk der Supergroup Them Crooked Vultures in der Hinterhand. Dort tobt er sich gemeinsam mit Grohl und Led Zeppelin-Ikone John Paul Jones aus. Und all das, obwohl er gerade alles andere als schöne Monate hinter sich hat: Bei einer Routine-Knie-OP im Herbst vergangenen Jahres hörte sein Herz auf zu schlagen, er konnte gerade noch wiederbelebt werden, musste aber mehrere Wochen pausieren und erholte sich nur mühsam von dem Eingriff. Inzwischen ist der Familienvater aber wieder wohlauf und auf der Bühne anzutreffen…

Josh, warum eine Tour, auf der du ausschließlich Material vom ersten Queens Of The Stone Age-Album spielst?
Da gibt es eine nette kleine Vorgeschichte. Nämlich meine gesundheitlichen Probleme vom letzten Jahr. Ich möchte nicht zu sehr ins Detail gehen, aber ich hatte eine harte Zeit, und es hat ewig gedauert, bis ich wieder gesund war. Ich lag fast drei Monate nur im Bett und musste all diese psychologischen Phasen durchlaufen. Ich hatte ständig irgendwelche wirren Gedanken. Wobei ich fast so weit war, dass ich keine Musik mehr machen wollte.

Wie bitte? Das haben wir jetzt aber schon falsch verstanden, oder?
Na ja, das Leben auf Tour gefällt mir weniger und weniger. Es gibt so viele andere Dinge, die ich im Grunde viel lieber tun würde. Richtiges Touren, also überall dort auftreten, wo man dich sehen will, ist eine extrem langwierige Sache. Was mir erst bewusst geworden ist, als ich im Krankenhaus lag. Und deshalb wollte ich damit aufhören – und mit der Musik. Ich hatte vor, mich mehr um meine Familie zu kümmern und endlich das erste Album wiederzuveröffentlichen. Denn das wollte ich schon lange machen, habe aber nie die Zeit dazu gefunden. Also bin ich ins Studio, um die Platte neu zu mastern, habe letztlich aber kaum etwas geändert. Sie hat das gewisse Etwas, ist nicht so laut wie andere Alben und auch nicht so fett produziert. Doch das Nostalgische an ihr machte mich nachdenklich. Ich sinnierte darüber nach, wo ich gerade stehe, wie ich dahin gelangen konnte, und dass ich schon vor dem Queens-Debüt überlegt hatte, komplett mit der Musik aufzuhören.

Du meinst nach dem Ende von Kyuss und den Screaming Trees, als du einfach müde und ausgepowert warst?
Stimmt. Ich war an einem ganz ähnlichen Punkt. Und wieder hat sich dieses Album als eine Art Heilmittel erwiesen. Ich stehe auf Zeichen, z.B. Schilder, Omen, solche Sachen eben. Ich denke, man muss der Welt einfach eine gewisse Aufmerksamkeit schenken, um seinen Platz darin zu erkennen. Und alle Hinweise, die ich damals wahrgenom­­men habe, gaben mir unmissverständlich zu verstehen: Komm ein biss­­chen runter, lass alles ruhiger an-gehen und beachte auch die kleinen, einfachen Dinge um dich herum.

Dieses Album war ein Teil davon – damals wie heute. Und so fing ich an, es zu Hause zu zu hören. Immer und immer wieder. Irgendwann meinten die anderen: „Wir wollen anfangen, neue Songs zu schreiben.“ Und ich darauf: „Sorry, Jungs, aber momentan fühle ich mich gerade ziemlich leer. Können wir nicht einfach ein bisschen touren? Und zwar mit dem ersten Album – also genau so, wie es ist?“

Was schon eine merkwürdige Frage war, wenn man bedenkt, was ich gerade über das Touren gesagt habe. Doch dann fingen wir an zu proben und waren so konzentriert bei der Sache, dass wir nebenbei auch schon an neuen Sachen gebastelt haben. Insofern ist das der Grund, warum wir jetzt erneut mit dem Debüt auf Tour gehen: um uns als Band wieder zusammenzufinden und frische Inspiration zu sammeln.

Und so seid ihr zur klassischen Rockband geworden, die konzeptionell geschlossene Album-Shows spielt, also den ganzen Abend damit verbringt, eine einzige Platte runterzuprügeln?
(lacht) Warum nicht? Ich habe gesehen, wie Cheap Trick das gemacht haben. Die sind mit ihren ersten drei Alben aufgetreten, haben an drei Abenden hintereinander je eine Platte komplett aufgeführt. Woran ich als Fan einen Heidenspaß hatte. Denn diese Alben waren so toll – und ich konnte jeden einzelnen Song mitsingen und wusste immer, was als Nächstes kommt. Obwohl: Was die Queens betrifft, kann es auch anmaßend sein, zu glauben, unser erstes Album ließe sich einfach so in einem Rutsch durchspielen. Denn manchmal bringen wir ein Stück daraus, und die wenigsten Leute im Publikum erkennen es. Aber egal: Das ist es, was wir hier und jetzt tun. Und bislang waren die Shows fantastisch. Genau wie das Publikum. Es ist eine ganz andere Stimmung, als sie normalerweise bei unseren Konzerten herrscht – obwohl es dieselben Leute sind.

Wenn du schon eine nostalgische Phase durchläufst: Wie kommt’s, dass du partout nichts mit der Kyuss-Reunion zu tun haben willst – und sei es nur als Spaßprojekt, um auf andere Gedanken zu kommen?
Auf keinen Fall! Ich glaube, was die meisten Leute nicht verstehen, ist, dass ich schon als 14-Jähriger bei Kyuss gespielt habe – und die Band auseinander gebrochen ist, als ich 21 war. Zwischen 14 und 21 verändert man sich als Mensch einfach sehr. Ich habe keine Lust, wieder Dinge zu machen, die ich mit 15 getan habe. Das ist nicht meine Art, selbst wenn ich Kyuss immer noch liebe. Aber ich will es genau so belassen, wie ich es in Erinnerung habe. Und wenn viele Leute es damals nicht gesehen haben, ist das ihr Pech. Ich mag es, wenn jemand sagt: „Kyuss sind legendär!“ Das bedeutet für mich: Der oder die hat uns nie erlebt – aber so sollte es auch bleiben, um diese Vorstellung nicht zu zerstören. Also: Ich bin wahnsinnig stolz auf Kyuss, aber ich muss nicht dafür sorgen, dass alle, die uns in den Neunzigern verpasst haben, jetzt noch mal einen lauwarmen Aufguss davon erleben. Daran möchte ich mich nicht beteiligen.

Und was hat dich veranlasst, mit Rekords Rekords dein eigenes Label zu starten? Bist du jetzt der große Plattenfirmen-Boss hinter einem monströsen Mahagoni-Schreibtisch?
Mein Büro existiert nur in meinem Kopf – und dort hat es goldene Wände, Multimillionen-Dollar-Kronleuchter und edle Ledermöbel. (lacht) Aber im Ernst: Ich habe das Label schon ewig, war aber immer so beschäftigt, dass ich nicht viel damit gemacht habe – bis halt auf die DESERT SESSIONS und die Eagles Of Death Metal-Alben. Insofern war der Name auch immer so etwas wie ein Qualitätsiegel. Sprich: Ich sehe Rekords Re­­kords als eine Art Gütesiegel, von dem die Leute ablesen können, dass sie etwas Besonderes in Händen halten. Wie zum Beispiel die Alben von Alain Johannes oder den Mini Man­sions. Die würden im heutigen Musikgeschäft geradezu untergehen, weil die Labels gar nicht mehr nach guten Songs suchen. Die schauen nur noch auf Facebook und MySpace und nehmen dann irgendwelche Leute mit wer weiß wie vielen Clicks unter Vertrag – selbst wenn die noch nie live gespielt haben. Das ist einfach krank.

Was das angeht, bist du also für den traditionellen, konservativen Weg. Bist du auch in politischer Hinsicht ein konservativer Mensch?
Sicher. Was soziale Fragen angeht, bin ich sehr liberal, aber ich denke nicht, dass die Regierung besser mit unserem Geld umzugehen weiß als wir selbst. Wenn die Regierung ein Unternehmen wäre, wäre es total pleite. Außerdem entwerfen sie im-mer neue Gesetze, ohne welche von den alten abzuschaffen. Im Grunde wünschte ich, die würden sich einfach aus meinem verdammten Leben heraushalten.

Denkst du darüber nach, dich der Tea Party-Bewegung anzuschließen, so wie Sarah Palin?
Ich glaube, ich bin sogar schlimmer als sie. Ich betrachte mich als gefallenen Liberalisten. In Amerika, dem Land der Freiheit, sind uns so gut wie alle Bürgerrechte weggenommen worden; die Leute rufen wegen jeder Kleinigkeit die Polizei. Wenn man eine Meinungsverschiedenheit mit einem Nachbarn hat, ruft der gleich die Cops, also eine dritte Partei, um zu vermitteln. Dadurch gibt man seine Kontrolle eigentlich an die kleine „Judge Judy“ ab (US-Gerichtssendung, ähnlich Barbara Salesch – Anm. d. Red.). An so etwas glaube ich nicht. Ich mag das so genannte „Establishment“ nicht.

Was geht dir sonst noch gegen den Strich?
Ich kann das heutige Schulsystem nicht ausstehen. Da lernst du ein bisschen was von allem – und schon sollst du ein Typ aus der Renaissance sein? Nein! Dann kannst du vielleicht Trivial Pursuit spielen, aber das war’s dann auch schon.

Besitzt du eigentlich eine Schusswaffe?
Klar. Ich besitze sogar sechs Waffen. Ich habe zum Beispiel ein klassisches Winchester Repetiergewehr – genau so eines, wie es die alten Cowboys hatten –, eine abgesägte Schrotflinte und eine 9mm Berretta Target, die einfach großartig ist.

Zu welcher würdest du greifen, wenn du einen Eindringling auf ­dei-nem Grundstück entdeckst?
Wahrscheinlich zu gar keiner. Man sagt: Wenn man selbst keine Waffe zieht, wird man auch nicht erschossen. Eigentlich. Ich komme aus der Wüste und bin mit Waffen groß geworden – ich wurde dazu erzogen, sie zu respektieren.

Glaubst du an Gott?
Absolut. Aber nicht an einen Mann mit einem schneeweißen Bart. Ich denke, wir leben in Symbiose mit der gesamten Welt und glaube, dass Gott alles ist, was wir nicht verstehen. Warum sind wir hier? Für mich ist die Antwort auf diese Frage, dass das egal ist – wir sind einfach hier. Ich versuche nicht zu verstehen, was man nicht verstehen kann.

Hattest du jemals ein Pro­blem mit Drogen?
Es war nie wirklich ein Problem. Ich habe es immer ge­­schafft, an welche ranzukommen. Bevor wir ›Feel Good Hit Of The Summer‹ (vom QOTSA- Album RATED R – Anm.d.Red.) veröffentlicht haben, hatte ich das Gefühl, ich würde mich selbst brandmarken. Aber dieses Lied war absolut keine Glorifizierung, auch wenn alle gleich gesagt haben: „Oh doch, das ist es!“ Es war manipulativ und lustig. Ich nehme mich selbst nicht allzu ernst, aber die Musik schon. Dieses Lied war eine perfekte Mischung aus beidem; zumindest für mich.

Zurück zu deiner Plattenfirma Rekords Rekords: Wen nimmst du als Nächstes unter Vertrag – deine Freunde von den Arctic Monkeys?
Eigentlich nehme ich niemanden unter Vertrag – ich lizenziere sie nur, und überlasse ihnen alle Rechte. Einfach, weil ich ihnen nicht antun will, was man mit mir gemacht hat. Und weil es mir nicht ums Geld geht. Ich will nur, dass diese Alben veröffentlicht werden – und Gehör finden. Genau das werden wir in Zukunft auch mit den Queens-Alben machen. Denn ich bin ja nicht mehr bei Universal. Was mich Jahre gekostet hat. Also: Keine Sklavenarbeit mehr für Jimmy Iovine (Gründer und Chef des Universal-Labels Interscope – Anm.d.R.). Er kann sich meinetwegen ganz auf „American Idol“ konzentrieren und sich selbst ins Knie ficken. Was er schon seit Jahren tut. (lacht)

Was erwartet uns beim nächsten Queens Of The Stone Age-Album – und wann fangt ihr damit an?
Sobald diese Tour vorbei ist – und wir noch fünf Festivals gespielt haben. Wir sind zum Beispiel Headliner auf der zweiten Bühne in Glastonbury. Und wir treten bei einigen kleineren Open Airs auf. Etwa in der Schweiz. Aber dann legen wir los. Ich denke, das Album wird in der ersten Hälfte des kommenden Jahres erscheinen.

Vorher wirst du noch zum zweiten Mal Vater…
Richtig. Mein zweites Kind ist gerade unterwegs. Und das ist das Beste, was es gibt. Ich habe kein größeres Ziel im Leben, als einfach der beste Daddy der Welt zu sein. Wobei ich mein Privatleben aber bewusst unter Verschluss halte, weil es für mich das Wichtigste ist. Und ich habe Angst, Fremde reinzulassen, da sie da nichts zu suchen haben. Denn das ist „meines“ – und nicht „unseres“.

Wie hat das Dasein als Vater dich als Person verändert?
Überhaupt nicht. Pepper Keenan (Sänger und Gitarrist bei Corrosion Of Conformity und Down – Anm. d. Red.) hat mir mal Folgendes gesagt: „Das ist der Fluch des Rock’n’Roll, Mann – du hast eine Tochter, und jetzt ist es Zeit, etwas zurückzugeben.“ Aber ganz ehrlich: Das ist das Beste überhaupt. Wenn ich ihr beibringen kann, dass sie kein Objekt sein muss, um et­­was wert zu sein, wenn ich ihr beibringen kann, gerne zu lernen, damit sie sich bei dem hervortun kann, was sie liebt, dann bin ich ein glücklicher Mann.

Was ist der beste Ratschlag, der dir jemals von jemand anderem gegeben wurde?
Mein Großvater hat immer gesagt: „Wenn du anders bist, wirst du mit Steinen beworfen. Also musst du eben lernen, Steine zu mögen.“

War die Entscheidung, Nick Oliveri bei den Queens rauszuwerfen, eine der schwierigsten, die du jemals treffen musstest?
Was da zwischen mir und Nick abgegangen ist, hatte nichts mit Musik zu tun. Ich habe die Wahr­­heit gesagt, und diese laut auszusprechen, war so schwer für mich, dass mich das hinterher für gut acht Monate aus der Bahn geworfen hat. Ich wollte nicht sagen, was vorgefallen war, weil ich befürchtete, es würde Nicks Ruf zerstören. Aber stattdessen kam ich wie ein irrer Egomane rüber. Nick ist irgendwie immer wieder darauf herum-geritten, was mich ziemlich verletzt hat. Also habe ich es letztendlich er-zählt. Nachdem ich es getan hatte, fühlte ich mich echt mies, weil das etwas ist, was man einem Freund nicht antun sollte.

Wieviel unternimmst du eigentlich dieser Tage noch mit deinem Buddy Dave Grohl – seht ihr euch regelmäßig?
Eigentlich kaum – weil wir beide wahnsinnig beschäftigt sind. Ich meine, wir haben in der Vergangenheit wirklich viel zusammen gemacht, sind mit unseren Motorrädern durch die Gegend gebrettert und haben gute Restaurants besucht. Aber jetzt, da er ein neues Album am Start hat und ich auf Tour bin, herrscht erst mal Funkstille. Deshalb wünsche ich mir manchmal auch, dass ich schwul wäre. Dann könnte ich nämlich die ganze Zeit Party machen und mit meinen Freunden abhängen.

Wirklich?
(lacht) Doch, das wäre bestimmt eine große Hilfe, um diesen ganzen Stress zu kompensieren, den das Arbeiten und Touren mit einer Rockband mit sich bringt. Eben im Sinne von: Einfach mal in eine andere Richtung gehen. Dabei kann man nur gewinnen. (lacht) Ich würde auch Leder-Hotpants und Federboa tragen.

Du wärest bestimmt eine imposante Erscheinung…
Meinst du? (prustet los) Na ja, jetzt muss ich erst mal zum nächsten Auftritt!

Marcel Anders & Paul Elliott

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