Porcupine Tree

Porcupine Tree 2010Okay, man kann den Musikfilm nicht neu erfinden. Aber man kann – so wie PORCUPINE TREE mit ihrer neuen DVD ANESTHETIZE – das Beste aus ihm rausholen. Bandchef Steven Wilson marschiert mit uns durch die Aufnahmen…

Text: Melanie Aschenbrenner

m O13 in Tilburg, Heimat des Roadburn-Festivals und Schauplatz legendärer Konzerte, wird nicht lang gefackelt. Das verrät ein freundliches kleines Schild in der Ladebucht. „We fucked up bigger shows than yours“, steht da. „Wer warst du noch mal?“, heißt das übersetzt. „Ok, du Hot Shot, dich kriegen wir auch noch klein.“ – „Das ist großartig!“, lacht Steven Wilson ins Telefon. „Hab ich gar nicht gesehen. Obwohl das ihr Licht ziemlich unter den Scheffel stellt. Im Ernst: Das O13 gehört zum Aufgeräumtesten, das du finden kannst. Super Technik, super Leute und immer ein Top-Publikum.“

Wilson muss es wissen. Der Perfektionist hat genau diese Halle gewählt, um an zwei Abenden im Oktober 2008 die zweite Porcupine Tree-DVD aufzunehmen. Mit 130 Minuten auf Blue-Ray und DVD konserviert ANESTHETIZE die Tour, auf der Porcupine Tree (unter anderem) FEAR OF A BLANK PLANET spielten – komplett und en bloc. Dieses neunte Studioalbum, auf dem Mastermind Wilson sich über die allgemeine Verblödung der Welt Luft macht, ist ein Meilenstein der Bandgeschichte. „Wir haben es 2006 schon live am Stück aufgeführt, noch bevor wir damit ins Studio gingen“, erinnert Steven sich. „Überleg mal, was für ein Risiko, in der Download- und YouTube-Ära. Wir konnten unsere Fans nur anflehen, bitte schneidet es nicht mit, ladet es nicht rauf, und wenn ihr schon bootleggen müsst, dann bitte nur für euch selbst – und im Großen und Ganzen haben sie das auch honoriert. Wofür ich sehr dankbar bin. Das Album ist ein solcher Klassiker! Lyrisch und konzeptionell war es immer darauf ausgelegt, am Stück gehört zu werden. Als der Tourzyklus dann nach zwei Jahren zu Ende ging, hatten wir das Gefühl, FEAR OF A BLANK PLANET vielleicht nie wieder so aufführen zu können, wie es gedacht war, also mussten wir den Augenblick festhalten. Ich finde grandios, wie die DVD das leistet.“

Nun kann man über den Wert von DVDs als Medium natürlich trefflich streiten. Oft verkommen sie zu reinen Pflichtübungen, mit einer Stunde mäßigem Live-Geröttel, das in einer Suppe von Outtakes und Extras schwimmt. ANESTHETIZE straft seinen betäubenden Titel hingegen Lügen: Kein Schnickschnack, keine Eiersuche lenken vom Wesentlichen ab. „Dafür gibt es einen guten Grund“, erklärt Wilson. „Alles, was du hinzufügst, nimmt Speicherplatz weg und verringert die Qualität von Film und Tonspur. Nicht, dass wir keine Extras in petto gehabt hätten, aber warum soviel Arbeit in Surroundsound und einen audiophilen Mix investieren, wenn die Specials die Güte des Materials mindern?“ Über seinen toten Körper. Porcupine Tree haben nicht umsonst 2007 einen Grammy für den 5.1 Mix von FEAR OF A BLANK PLANET bekommen. „Außerdem können die Gimmicks auch nerven. Deswegen kauft man so ein Ding doch nicht, oder?“

Och, sag’ sowas nicht. Allerdings wird den Fans der Clipkultur spätestens nach einer halben Stunde ANESTHETIZE vor Langeweile die Spucke vom Kinn laufen. Ältere Augen dürften die DVD hingegen als Balsam empfinden, denn Regisseur Lasse Hoile, mit dem Porcupine Tree seit acht Jahren zusammenarbeiten (2005 filmte er ihre erste DVD ARRIVING SOMEWHERE), setzt auf Purismus. Die Klarheit seiner Bilder ist beeindruckend – und zugleich eine minutiös konstruierte Täuschung mit bis zu 18 Kameras. „Wir wollten so viele Perspektiven wie möglich einfangen“, sagt Wilson, „inklusive der Interaktion der Musiker. Seien wir ehrlich: Im Musikfilm ist doch alles schon Tausend Mal gemacht worden. Wenn du den Zuschauer noch irgendwie bei der Stange halten kannst, dann vielleicht, indem du ihm Einblicke bietest, die ein normaler Konzertbesucher nicht hat.“

So zeigt die Kamera aus nächster Nähe, wie Musik entsteht: Man sieht Gav Harrisons Drums von innen, Stevens Saiten von oben, und auch schon mal die Grimasse von Bassist Colin Edwin, der gerade noch seinen Cue erwischt. Statt den Sänger in den Mittelpunkt zu stellen, ist jeder ein Star, von Keyboard-Zauberer Richard Barbieri bis zu Live-Gitarrist und Backgroundsänger John Wesley. Diese Intimität wirkt unerwartet magisch. Ähnlich gediegen auch das Spiel mit Licht und Videoeinspielern: kühl und blau, perfekt auf die frostigen Passagen von FEAR OF A BLANK PLANET abgestimmt.

„Aber mal ’ne Gegenfrage“, lauert Steven. „Kommt dir das Ganze wie ein normales Konzert vor?“ Naja, eine wild enthemmte Party sieht anders aus. „Oh Gott, ich weiß!“, lacht er. „Die besten Shows sind grundsätzlich die, wo man an nichts denkt. Wo man nur für den Moment lebt. Aber kaum siehst du eine Kamera, denkst du: Halt, Hilfe, spiele und singe ich heute top? Wie schau ich aus? Mist, ich hätte mich vorher noch mal rasieren sollen! Normalerweise ist mir sowas Wurst, aber…“ Jetzt sieht er für die Nachwelt aus wie ein junger Land-Vikar, der seinen Bauch mal eben auf der Gitarre ablegt. „Im Ernst, ich bin mit der DVD sehr zufrieden. Dass wir an den Abenden unter Strom standen, sieht wahrscheinlich keiner außer uns selbst. Und Konzentration muss ja nichts Schlechtes sein.“ Im Gegenteil – es ist sogar ziemlich sympathisch, wenn Proglegenden sich auf einmal benehmen wie Musikhochschüler vor der Prüfung.

Wilson war seit den Tilburg-Gigs nicht eben faul (2009 folgte das Porcupine Tree-Album THE INCIDENT, er produzierte Orphaned Land, mischte Anathema, spielte mit Aviv Geffen, veröffentlichte solo unter dem Namen Insurgentes, taucht auf den namhaftesten neuen Prog-Veröffentlichungen auf und arbeitet zurzeit mit Opeth-Mann Mikael Åkerfeldt und Dream Theater-Drummer Mike Portnoy), doch nimmt die Erfahrung von FEAR OF A BLANK PLANET nach wie vor eine Sonderstellung ein. „Alben wie dieses machen Porcupine Tree aus“, sagt er. „Heute, wo alle iPods und Playlists benutzen, hört sich doch keiner mehr eine ganze CD an. Ich komme mir schon vor wie eine Platte mit Kratzer, weil ich dauernd davon rede! Aber kannst du dir vorstellen, dass der Spielfilm ausstirbt und alle nur noch Dreiminuten-Clips gucken? Alben sind wie Romane, sind ganze Erzählungen, und das zu kompromittieren ist ein Drama. Alle großen Platten der Geschichte, von SERGEANT PEPPER über PET SOUNDS bis DARK SIDE OF THE MOON, waren größer als die Summe ihrer einzelnen Songs. Ich fürchte, wir verlieren dank der Playlist-Mentalität gerade jedes Gespür dafür.“

Sein jüngstes Projekt besteht darin, den Katalog von King Crimson aufzuforsten – der Album-Band per se. „Faszinierend, mit wie wenig sie so unglaublich viel rausgeholt haben“, schwärmt er. „Ich kann hören, wie sie zusammen im Studio stehen. Höre, wie sie Fehler machen, schneller und langsamer werden, nicht perfekt sind, aber das gewisse Etwas haben. Diese Authentizität und Unmittelbarkeit kann ich nicht 1:1 zurückholen. Aber ich kann versuchen, das Gefühl wieder aufleben zu lassen.“