Paul Weller – WAKE UP THE NATION!

WAKECD1_Weller_Wallet2Piece_FRONT_V2.inddDer „Changing Man“ bleibt sich treu – und unvorhersehbar.

Mag ja sein, dass Paul Weller auch schon fast 53 Jahre auf dem Buckel hat. Aber erstens ist es noch immer der Buckel von Paul Weller, fein in ein Polohemd von Fred Perry gehüllt. Und zweitens zählt Clem Cattini, der legendäre Gastschlagzeuger auf ›No Tears To Cry‹, satte 72 Lenze. Nehmt das, Dad Rock-Verächter! Bei diesem Mann haben schließlich Spätgeborene wie Oasis ihre Tricks gelernt, und er unterrichtet noch heute.

Tatsächlich ist Wake Up The Nation! alles andere als abgehangen. Schon die druckvoll-verspulte Single ›7&3 Is The Strikers Name‹ kündet von Großem, ohne die psychedelische Katze ganz aus dem Sack zu lassen: Harfe, Mellotron, verschleppte Rhythmen, Feedback-Gebratzel, Loops, wie aus dem Handgelenk programmierte Beats, Drone, Funk, Samples, Echo, Rrrrock und sogar ein wenig Disco aus der Zeit, als Disco noch jung war. Alles drin, und alles schön fiebrig.

Manchmal scheint es, als sei ein Captain Beefheart für die ganzen Samples und Störgeräusche im Hintergrund zuständig gewesen. Mal klingt Weller dabei wie die Small Faces, mal wie er selbst zu Zeiten von Wild Wood, meistens wie die Beatles auf Speed. Und mählich dämmert, warum sie diesen Mann den „Modfather“ nennen. Weil alles, was er tut, wie ein authentisches Amalgam dessen klingt, was Musik von der Insel in den letzten 30, 40 Jahren so relevant gemacht hat.

Zwar hängt Wake Up The Nation! textlich ein wenig durch, aber ein großer Musiker muss kein großer Lyriker sein. Sein politisches Engagement nimmt man dem linken Radikalpazifisten auch dann ab, wenn er es nicht in so hübsche Worte kleidet wie im Titelstück: „Get your face off of Facebook and turn off your phone“, so seine väterliche Kulturkritik, vorgetragen zu rollenden Bässen, quietschendem Harmonium und handkantenscharfen Bläsersätzen.

Es ist ein Album der Gegensätze. Das Instrumental ›In Amsterdam‹ verwöhnt mit gestreicheltem Schlagzeug und Dub-Gestus, bei einem Zwei-Minuten-Rocker ›Fast Car/Slow Traffic‹ aber schreit er sich wie ein gehetzter Taxifahrer die Lunge aus dem Hals, während die Band im Hintergrund beeindruckt zwischen The Jam und den Kinks schwankt. Wir schwanken nicht: So gut war Paul Weller seit STANLEY ROAD nicht mehr, und das ist auch schon 15 Jahre her.