Nick Cave & The Bad Seeds: Stuttgart, Kinopremiere „One More Time With Feeling“ (08.09.2016)

So wahr, dass es wehtut

Dunkel. Der Saal, die Leinwand, die Musik, die Stimmung, die Mimik. Alles ist dunkel. Natürlich ist es das, wir sitzen schließlich in der Premiere eines Films mit und über Nick Cave, unterlegt mit Musik von – genau – Nick Cave. Aber es ist mehr als das. ONE MORE TIME WITH FEELING ist nicht nur eine Doku, ist mehr als das herkömmliche Portrait über eine Düsternis, rohen Sex-Appeal und Süffisanz verströmenden Charakter wie Nick Cave. Es ist auch mehr als ein Vehikel, um das neue Album von ihm und seinen getreuen Bad Seeds, SKELETON TREE, zu promoten.

Vor allem ist es eben das erste Lebenszeichen des Künstlers nach dem tragischen Tod seines Sohnes. Wie würde ein Untergangspoet wie Cave damit umgehen? Noch tiefer in Morbidität und Nihilismus versinken wie man es ohnehin von ihm gewohnt ist? Es wäre vielleicht der erwartete Weg gewesen. Der ist aber nun mal noch nie der gewesen, den der Australier gewählt hat. Der hagere Mann in Schwarz nimmt einen anderen: Er lädt Filmemacher Andre Dominik zu sich ein. Er soll die Arbeiten am längst im Entstehen begriffenen Bad-Seeds-Album dokumentieren. Soll die Band bei den Proben filmen, bei den Aufnahmen, bei der Arbeit. Während Cave einfach weitermacht. Schreibt, textet, singt, leidet. Das macht das Album zu einer Ausnahmeerscheinung selbst in der eigenen Diskografie.

Die Doku indes, die transzendiert das eigene Genre noch müheloser. Dominik braucht keinen Seelenstriptease, keine schockierenden Geständnisse, Tränen oder Zusammenbrüche, um den Saal zwei Stunden lang in Atem zu halten. Er wählt elegante, plastische Schwarzweißbilder, ruhige Bilder, die lange stehenbleiben und schonungslose Ehrlichkeit. In Kombination mit der berstend intensiven, emotional aufgeladenen und auf ganz eigene Weise tragischen Musik – eher Soundtrack als Rock-Album – wird daraus ein audiovisueller Trauermarsch, der hoffentlich alsbald auch auf DVD für Gänsehaut sorgen wird. Reinkarnation durch die Kunst, Verarbeitung, Katharsis, der Versuch, zu begreifen – eigentlich unmöglich, diese Dinge glaubwürdig einzufangen. Cave und Dominik haben genau das getan. Weil sie gar nicht erst versucht haben, etwas zu inszenieren.