Thrice

Thrice_Photo_1 @ Jonathan WeinerWäre es verwegen, zu behaupten, Thrice seien die Radiohead des Hard- bzw. Postcore? Kaum, denn das Quartett gilt als einer wichtigsten Evolutionsmotoren des Genres. Würde man ein Band-Manifest der US-Amerikaner in die Hände bekommen, prangten darin bestimmt in großen Lettern die Worte: „Change – Yes, we can!“ Doch so etwas wie ein Dogma, nach dem Thrice handeln, gibt es nicht. „Ich finde es lustig, dass die Menschen nun diese fortwährende Weiterentwicklung von uns erwarten, nur weil wir sie bisher im­­mer vollzogen haben“, amüsiert sich Gitarrist Teppei Teranishi. „Aber das war nie ein Ziel von uns. Wir haben uns nie vorgenommen: ‚‚Okay, wie schaffen wir es, dass die neue Platte wieder anders klingt?‘ Wir als Menschen und Künstler sowie unser Musikgeschmack haben sich ganz natürlich weiterentwickelt.“

So kam es, dass sich der Sound von Thrice über die 13 Jahre hinweg, seit denen die Kapelle bereits zusammen Musik macht, stets verändert hat. „Jedes unserer Alben war ein Schritt in eine andere Richtung.“ Mischten Teranishi, Frontmann Dustin Kensrue, Bassist Eddie Breckenridge und Drummer Riley Breckenridge auf ihren ersten drei Alben IDENTITY CRISIS (2001), THE ILLUSION OF SAFETY (2002) und THE ARTIST IN THE AMBULANCE (2003) noch den Emocore gehörig auf, haben sie sich ab VHEISSU (2005) davon losgesagt. Nach dem experimentellen, deutlich melodiöseren und zugänglicheren vierten Longplayer ging es an den Konzept-EP-Zyklus ALCHEMY INDEX, auf dem sich Thrice mit den vier Elementen Erde, Luft, Feuer und Wasser auseinandersetzen. Musikalisch zogen sie dabei die Verbindung zwischen Postcore, elek­tronischen Spielereien, Folk und Rock. Das Beste aus VHEISSU und dem ALCHEMY INDEX kombinierte 2009 die Scheibe BEGGARS.

Dort machen Thrice auch 2011 weiter: MAJOR/MINOR ist das erste Werk seit langem, auf dem Thrice ihre Grenzen nicht bis zum Äußersten ausloten, wie Teranishi be­­stätigt: „Das Album hat eine ähnlich ungestüme Energie wie BEGGARS, aber die grundlegende Stimmung ist schon eine andere.“ Für den 30-Jährigen waren die letzten zwei Jahre keine einfache, sondern eine „krasse Zeit“. Viel zu viel sei in dieser kurzen Zeitspanne passiert. „Ich habe meine krebskranke Mutter in unser winziges Haus geholt – zu mir, meiner Frau, unserem Zweijährigen und dem neugeborenen Sohn. Wir kümmerten uns zusammen mit Mitarbeitern eines Hospizes um sie. Während meine Mom im Kinderzimmer schlief, quetschten wir uns zu viert in unser Schlafzimmer. Auf meine sterbende Mutter achtzugeben und gleichzeitig zu versuchen, ein Neugeborenes sowie ein Kleinkind aufzuziehen, war mit Abstand die schwierigste Zeit, die ich je durchstehen muss­­te.“ Nach diesem Martyrium zog Teranishi auch noch um, und zwar von Ka­­li­­fornien nach Washington. Während der Albumproduk­tion pendelte er also fortwährend zwischen zwei US-Bundesstaaten hin und her.

„Es war also schon eine Menge nur in meiner Abteilung los, hinzu kamen die persönlichen Probleme der anderen Jungs.“ So starb im selben Zeitraum der Vater der Breckenridge-Brüder, und der Vater von Sänger Dustin Kensrue kämpfte mit einem Hirntumor. Kein Wunder also, dass sich die Texte auf MAJOR/MINOR um die Vergänglichkeit des Menschen drehen.

Trotz der emotionalen Strapazen, die Thrice durchlebten, hatte die Gruppe bei MAJOR/MINOR zumindest einen entscheidenden strategischen Vorteil gegenüber BEGGARS: Die Tracks landeten nicht mehrere Monate vor dem anvisierten Release-Termin im Internet. „Das passierte damals einfach unglaublich lange vor der Veröffentlichung“, erinnert sich Teranishi, „wir mussten alle Pläne über den Haufen werfen. Das betraf u.a. den Veröffentlichungsschedule und die Tourneen. Wir vollführten im Prinzip eine vollständige Kehrtwende und waren ge­­zwungen, uns innerhalb weniger Tage etwas Neues auszudenken.“

Heute appelliert der Beatles-Fan mit japanischern Wurzeln an die Musikkonsumenten, sich ihren Stoff nicht kostenlos aus dem World Wide Web zu saugen: „Ich hoffe, dass die Leute, die unsere Musik schätzen, das verstehen: Wer unsere Platten kauft, hilft uns. Das erlaubt uns, mit unserer Arbeit weiterzumachen. Denn nur dadurch können wir auch in Zukunft neue Musik komponieren.“