Spiritualized

Spiritualized1 - photo credit Steve GullickJason „Spaceman“ Pierce versteht unter dem Begriff „Pop“ etwas völlig Anderes als die meisten Menschen. Wenn das Spiritualized-Mastermind über sein inzwischen siebtes Studioalbum SWEET HEART SWEET LIGHT spricht, nennt er es immer wieder seine „Pop-Platte“. Dabei verweist Pierce auf so, ähem, typische Referenz-„Popalben“ wie – echt jetzt – Link Wrays LINK WRAY, DELAY 1968 von Can oder CLUSTER II. „Alben, die zwar nicht als Klassiker gelten, aber auch nicht obskur sind. Alben, die mir aber einfach persönlich etwas bedeuten, weil ich zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben auf sie gestoßen bin, an dem sie genau den richtigen Nerv getroffen haben. Genau so etwas wollte ich unbedingt auch einmal machen: Eine Platte, die nicht mehr sein will als eine gute Popplatte, die aber dafür einen Moment einfängt.“

Unerwartet tiefstapelnde Worte für den Dronerock-Veteranen. Ein Jason Pierce kleckert schließlich normal nicht, sondern er klotzt. Seine entrückten Megaleinwand-Kompositionen waren schließlich immer größenwahnsinnige musikalische Grenzerfahrungen. Das begann schon in den Achtzigern, als er mit Kollege Sonic Boom im britischen Derby die noch eher groben Spacemen 3 gründete, die aber bereits mit ihrem verzerrtrepititiven Experimental-Blues hypnotische Wirkung erziehlen konnten. Nach der Trennung des Duos zur Jahrzehntwende ging Pierce nahtlos über zu Spiritualized.

Hier erweiterte Pierce mit voller Band den Spacemen 3-schen Ansatz kontinuierlich von Album zu Album, schmückte ihn und seine Titel immer opulenter aus, bis beim dritten Album LADIES AND GENTLEMEN WE ARE FLOATING IN SPACE (1997) selbst Orchester und Gospelchöre ihren Weg in den nun himalayagroßen Sound gefunden hatten. Diesen Albumklassiker und Millionenseller spielten Jason Pierce und Band (momentan bestehend aus John Coxon, Tim Lewis, Doggen und Tom Edwards) in der Konzertsaison des letztes Jahres auch wieder live – jedoch sehr widerwillig. „Wir hätten die Tour über mehrere Monate ausdehnen können, das Angebot lag uns vor. Aber wir machten nur vier Shows. Ich mag diese Nostalgie-Tourneen einfach nicht. Bands stellen sich hin und sagen ‚Schaut her, wie toll wir einmal waren!’ Ich will aber nicht zurück sondern nach vorne schauen und immer noch neue tolle Platten machen. Ich mag zwar schon in der zweiten Hälfte meiner Vierziger sein, aber ich will deswegen nicht einfach stehen bleiben. Ich will nicht aufhören, mich stetig vorwärts zu entwickeln.“

Auch der Vorgänger von SWEET HEART SWEET LIGHT nimmt eine Ausnahmestellung im Spiritualized-Werk ein. SONGS IN A & E (2008) war eine Sache von Himmel und Hölle, von Engeln und Rettern, Schwebezuständen und Medikamenten – eine Frage von Tod oder Leben. Und das im wahrsten Sinne des Wortes, entstand das Album doch als Verarbeitung eines sehr langen Krankenhausaufenthalts des Musikers. Jason Pierce war 2005 kurz nach Beginn der ersten Aufnahmen mit schwerster Krankheit (eine Krankheit, über die immer noch widersprüchliche Angaben herrschen) auf der Intensivstation eingeliefert worden, musste dort nach mehreren Herzstillständen sogar wiederholt wiederbelebt werden und rang beinahe zwei Wochen lang mit dem Tod. Das darauf folgende Album fiel verständlicherweise entsprechend transzendent aus.

Heute ist wieder eine gewisse Normalität ins Leben des 46-jährigen Musikers zurückgekehrt. Auch wenn SWEET HEART SWEET LIGHT natürlich nicht ohne achtminütige Gitarrenmassaker und sphärisch-himmlische Harmonien auskommt, so ist es doch die wohl bisher gezügelteste Spiritualized-Platte. Das spiegelt sich auch darin wieder, dass die in Pierces Werk sonst so allgegenwärtigen Drogenanspielungen eigentlich kaum stattfinden. „Wie bitte? Na, da musst du wohl noch mal ein bisschen genauer hinhören. Aber klar, als ich in der Chemo war, da durfte ich eine Zeitlang keinerlei Substanzen in meinem System haben. Ich habe mich entschieden, diese Pause bei den Aufnahmen und während des Mischens einzulegen – denn Touren, das macht einfach zu viel Spaß. Aber es war schon sehr sonderbar, Musik zu machen und sich dabei nicht mal einen Drink gönnen zu dürfen.“