Ryan Adams

Ryan Adams 2011h @ David BlackÜber eine Dekade galt er als Prototyp des ebenso genialen wie exzessiven Musikers: Ein Mann, der dem Country-Rock eine überfällige Frischzellenkur verpasste und wegweisende Alben wie GOLD vorlegte. Nur, um zugleich starke Alkohol- und Drogenprobleme zu haben und oft indisponiert zu wirken. Das hat sich mittlerweile geändert: Zur neuen CD ASHES & FIRE präsentiert sich der 36-Jährige rundum geläutert. „Ich haste nicht mehr so durchs Leben und bin viel ausgeglichener“, setzt der Mann aus North Carolina beim Interview in London an. „Ich würde sagen, ich habe mich für das Licht entschieden.“ Was dramatisch klingt, aber nicht übertrieben ist: Das schmächtige Kerlchen mit der Strubbelfrisur wirkt so aufgeräumt und frisch wie selten zuvor. Eben nicht mehr das volltrunkene, narkotisierte Genie, das auf permanentem Konfrontationskurs ist, sondern ein charmanter, redseliger Gesprächspartner.

Zudem präsentiert er sich rank, schlank und durchtrainiert – die Folgen einer Tinnitus-Erkrankung, die eine radikale Änderung seines Lebensstils verlangte und für eine fast dreijährige Musik-Abstinenz sorgte. Die hat Adams konsequent genutzt. Angefangen beim erfolgreichen Drogenentzug, über die Ehe mit US-Schauspielerin Mandy Moore bis zur Veröffentlichung zweier Gedichtbände, die dem einstigen enfant terrible höchstes Kritikerlob bescherten. „Die Literatur, die mir etwas bedeutet, ist der Beat Ge-neration-Kram von Ginsberg oder Ferlinghetti. Außerdem liebe ich Bukowski und den Schreibstil von Miller. Meine eigenen Sachen liegen irgendwo zwischen Ginsberg und Ogden – Leute, die mich regelrecht umgehauen haben.“

Auch musikalisch hat sich bei dem Grenzgänger zwischen Country, Folk und Rock, zu dessen Fans Elton John und Willie Nelson zählen, einiges getan: Er hat sich von seiner langjährigen Backingband, den Cardinals, getrennt – mit der er seit 2005 fünf Alben aufgenommen und zahllose Tourneen bestritten hat. „Das musste passieren – aus mehreren Gründen. Ab einem gewissen Punkt war ich nicht mehr ihr Freund, sondern ihr Boss. Auch, wenn ich das nicht wollte. Und es ist schwierig, mit Leuten zu arbeiten, die man so lange kennt, dass es keine Reibungen mehr gibt. Also hab ich meinen Hut genommen und das nie bereut.“

Eine Zufriedenheit und ein Selbstbewusstsein, die sich auch auf ASHES & FIRE niederschlagen. Sein achtes Solo-Album, produziert von Altmeister Glyn Johns (The Who, The Beatles, Bob Dylan), mit Gästen wie Norah Jones und Benmont Tench (The Heartbreakers) sowie elf Songs, die mit zum Besten zählen, was Adams in seiner 20-jährigen Karriere verbrochen hat. Nämlich gefühlvoller, tiefenentspannter 70s Rock zwischen Gram Parsons, Rolling Sto-nes und Fleetwood Mac – angereichert mit einem Schuss Americana und einem spannenden Kontrast aus eingängigen Melodien und grüblerischen, tiefgründigen Texten. In denen lässt er seine Ehe, sein Leben und seine Laufbahn Revue passieren, ist mal euphorisch und verliebt, mal nachdenklich und fast morbide, aber immer entwaffnend offen und ehrlich. „Ich denke, das Album ist real“, sinniert er grinsend. „Es ist hell und dunkel, gut und böse, Pfeffer und Salz, Essig und Öl. Es ist alles in einem. Und ich sage in all diesen Stücken die Wahrheit. Ich versuche, möglichst wenig poetisch zu sein, und das Ganze simpel und entspannt auf den Punkt zu bringen.“

Was, so betont er, seiner aktuellen Gefühlslage entspricht. Und sich auch nicht so schnell ändern soll. Deshalb beschränkt er sich in puncto Live-Darbietung auf ei- ne Handvoll Daten in Skandinavien und den USA, gibt nur wenige Interviews – und hat auch die ambitionierten Pläne seines Indie-Labels Pax Am deutlich zurückgeschraubt, weil er es leid ist, zuletzt 40.000 Alben seines schrulligen ORION-Projekts in Eigenregie zu verschicken – und sich anschließend mit den Beschwerden unzufriedener Kunden herumzuschlagen. „Manchen Leuten kann man es nicht recht machen“, stöhnt Adams. „Statt sich an mich zu wenden, weil sie ihre Platten nicht erhalten haben, beschweren sie sich auf Myspace oder in irgendwelchen Blogs. Damit will ich mich nicht mehr rumärgern.“

Weshalb er die fünf unveröffentlichten Alben, die noch in seinem Archiv schlummern, nun über eine große Plattenfirma abwickelt. „Das kostet die Leute zwar mehr, aber dafür bekommen sie die Sachen schneller – und ganz easy im Laden.“ Denn easy ist besser. Gerade für jemanden, dessen bisheriges Leben nicht wirklich leicht war.