Neuauflagen: Blue Cheer

Innovation durch Zufallsprinzip: Ein Trio startet durch.

San Francisco und der Rest der westlichen Welt sind 1968 noch vom Hippie-Ethos beseelt, als sich in der immer wieder durch verheerende Erdbeben erschütterten Stadt an der Westküste ein weiterer seismischer Ausbruch ankündigt: Blue Cheer, ein Power-Trio aus Gitarrist Leigh Stephens, Schlagzeuger Paul Whaley sowie Bassist und Sänger Dickie Peterson, das es Cream und der Jimi Hendrix Experience gleichtun will, es an der entsprechenden Virtuosität allerdings ein wenig hapern lässt. Dreist dreht das Triumvirat die Gain-Regler von Verstärker und Verzerrer bis zum Anschlag auf, haut lässig eine lärmige Version von Eddie Cochrans Klassiker ›Summertime Blues‹ raus und legt dabei mal eben die Fundamente für Metal, Punk, Grunge und Stoner Rock. So kann’s gehen! Mike Leckebusch, Regisseur vom Bremer „Beat-Club“, lädt die Rabauken noch im gleichen Jahr in seine TV Show.

Mit Weltuntergangsszenarien im Bulldozer-Sound haben Blue Cheer mit Blues-Standards wie ›Rock Me Baby‹ und ›Parchment Farm‹ noch weitere Perlen auf Lager. Auch Selbstge- stricktes wie das knapp neunminütige ›Doctor Please‹, die nüchterne Selbstanalyse >Out Of Focus‹ und das überlange ›Second Time Around‹ zünden hingebungsvoll im satten atonalen Rückkopplungsgeheul. Zwei Jahre später lassen sich die britischen Who von der übersteuerten Lärmorgie inspirieren, legen den Konzert-Meilenstein LIVE AT LEEDS vor und scheuen sich nicht, ebenfalls Cochrans ›Summertime Blues‹ zu covern.

Zu jenem Zeitpunkt kämpfen die von einem ehemaligen Hells Angel gemanagten Blue Cheer schon um ihre Existenz – der Anfang einer bis in die Gegenwart reichenden Odyssee aus permanent wechselnden Line-ups, Stilveränderungen, Trennungen und Wiedervereinigungen.