Mr. Big – Schmusekurs statt Kuschelrock

Mr. Big1-12-09HollywoodIhre Reunion-Konzerte haben es bereits angedeutet: Mr. Big sind nicht nur zurück, sondern sprühen geradezu voll neuer Energie. Was unter anderem daran liegt, dass sie die früheren Streitigkeiten innerhalb der Band wohl endgültig ad acta legen konnten. Das erfreuliche Resultat des Friedensprozesses im Hause Mr. Big: ein erstaunlich schlagkräftiges, frisches Studioalbum namens WHAT IF…

Es war eine Annäherung in drei Akten, die jetzt zum Comeback-Album WHAT IF… der amerikanischen Mainstream-Fürsten Mr. Big geführt hat. Und sie waren besonders schmerzhaft für Sänger Eric Martin, denn er musste jemanden zurückgewinnen, für den er jahrelang ein Feindbild darstellte. Bis etwa 1999 hatten Martin und die drei Ausnahme-Instrumentalisten Paul Gilbert (Gitarre), Billy Sheehan (Bass) und Pat Torpey (Schlagzeug) die Welt mit hinreißenden Rock-Tracks und zuckersüßen Balladen begeistert. Ihr größter Hit ›To Be With You‹, der sie in der ganzen Welt berühmt machte, kletterte im Februar 1992 an die Spitze der US-Single-Charts, hielt sich dort drei Wochen und war insgesamt fast sechs Monate ununterbrochen unter den 100 erfolgreichsten Scheiben des riesigen US-Marktes zu finden. So etwas öffnet natürlich Türen – und zieht für gewöhnlich einen wahren Geldregen nach sich. Fast zehn Jahren lang reihte die Band Erfolg an Erfolg, landete einen Radiohit nach dem anderen – nichts schien Mr. Big aufhalten zu können.

Doch schon damals tobten hinter den Kulissen Grabenkämpfe: Es ging um Einfluss und Kompetenzen, zwischen den Musikern gab es Eifersüchteleien und unüberbrückbare Meinungsverschiedenheiten. 1997 zog Paul Gilbert die Konsequenz und verließ die Gruppe, für ihn kam Richie Kotzen, doch der war nur ein halbwertiger Ersatz. Vier Jahre danach feuerten Eric Martin und Pat Torpey ihren Bassisten Billy Sheehan, als der sich zu einer Tour mit Gitarrengenie Steve Vai entschloss und Mr. Big nicht mehr in dem Maße zur Verfügung stand, wie es von ihm erwartet wurde. Zwölf Monate später kam dann das Aus: Mr. Big waren nur noch Legende.

„Billy muss mich damals gehasst haben“, glaubt Eric Martin heute. Denn Martin war die treibende Kraft bei Sheehans Rausschmiss und damit quasi unmittelbar für das vorzeitige Ende der Gruppe verantwortlich. „Es ist eine Schande, dass wir es seinerzeit nicht gemeinsam hinbekamen. Billy und ich sind beide Perfektionisten. Wir taten mit unseren Auseinandersetzungen vielen Menschen sehr weh.“

Fast zehn Jahre herrschte absolute Funkstille zwischen den einstigen Weggefährten. Die Beteiligten kümmerten sich – mehr oder minder erfolgreich – um ihre Solokarriere und stimmten immer mal wieder ein paar alte Mr. Big-Nummern an, wenn das Publikum danach verlangte. Der Zufall wollte es, dass bei einem Eric Martin-Konzert in Italien seine beiden Ex-Bandkollegen Kotzen und Torpey mit ihrer gemeinsamen Band im Vorprogramm auftraten. „Ich spielte ›To Be With You‹ sowie einige andere Mr. Big-Songs. Die Fans flippten wie immer total aus. Nach dem Gig kam Pat zu mir in die Garderobe und fragte mich: ‚Eric, vermisst du die Band eigentlich?‘“

Natürlich vermisste Eric Martin sie: Wer denkt nicht gerne an die erfolgreichsten Tage seiner Musikkarriere zurück? Aber es ist nicht einfach, etwas zu kitten, das man leichtfertig zerstört hat. Und vor allem: Bei welchem seiner früheren Kumpels sollte er als Erstes anfragen? Martins fünfjähriger Sohn Dylan war es schließlich, der den ersten und wichtigsten Schritt einleitete. „Ich sprach mit Pat über meine Kinder und erzählte ihm, dass Dylan gerne Bass spielen möchte, dafür aber ein Linkshänder-Instrument bräuchte. Pat meinte nur: ‚Ruf doch Billy einfach mal an, der hat beste Kontakte zu Bass-Herstellern!‘“

Mit diesem Gedanken musste sich Martin allerdings erst anfreunden; zu groß war seine Sorge, dass der ihm sein Verhalten von vor zehn Jahren noch nachtragen würde. „Ich brauchte Monate, um ihm eine Mail zu schicken“, gesteht er, „dann jedoch schrieb ich: ‚Hey Billy, wir kennen uns, kannst du dich an mich erinnern? Wie geht’s dir? Ich vermisse dich!‘“ Martin erklärte Sheehan die Situation seines Sohns Dylan und bat um Hilfe. Das war im November 2008. Sechs Wochen später, genauer gesagt am 23. Dezember, also pünktlich zu Weihnachten, bekam Eric Martin ein Paket von Sheehan aus Japan. Darin befand sich ein handgefertigter Linkshänder-Bass. „Ich sagte zu Dylan: ‚Schau mal, dieses wunderbare Geschenk verdankst du Onkel Billy!‘“

Der Kontakt war also wiederhergestellt, kurz nach dem Fest telefonierten Martin und Sheehan miteinander und begruben dabei endgültig das Kriegsbeil. Ein wichtiger Schritt, den auch Paul Gilbert als essenziell erachtete, als Martin ihm die Idee einer Mr. Big-Reunion unterbreitete: „Paul fragte: ‚Hast du dich mit Billy ausgesöhnt?‘ Ich antwortete: ‚Ja, wir haben uns ausgesprochen, alles ist wieder in Butter.‘“

Akt zwei der Wiederannäherung war eine große Tournee durch Südostasien, Japan und Europa, bei der Mr. Big erstmals seit Jahren wieder in ihrer Originalbesetzung auftraten. „Ich habe schon mit unzähligen Musikern zusammengespielt, aber niemand ist so talentiert wie Billy, Paul und Pat“, sagt Eric Martin, „außerdem wusste ich im Laufe der Jahre manchmal schon gar keine Antwort mehr, wenn mein großer Sohn Jakob mal wieder vor dem großen Mr. Big-Poster in meinem Musikzimmer stand und mich fragte: ‚Ihr seht so cool aus, Daddy, warum macht ihr nicht mehr gemeinsam Musik?‘“

Die Reunion-Tour entwickelte sich zu einem Triumphzug. Mr. Big reanimierten die ursprüngliche Spielfreude der frühen Jahre und verbanden sie mit größerer menschlicher Reife und dem Wissen, dass nur gegenseitiger Respekt die Grundlage für eine weitere Zusammenarbeit bilden kann. „Die Shows waren Spaß pur und verliefen vollends ohne Dispute“, blickt Martin auf atemberaubende Konzerte zurück.

Den dritten Schritt zum Comeback-Album leitete Paul Gilbert ein. Er fragte seine drei Mitstreiter: „Sollten wir nicht mal eine neue Scheibe aufnehmen, anstatt nur alte Scheiben, T-Shirts und Poster zu verkaufen?“ Gesagt, getan: Speziell Kreativwunder Gilbert hatte ein Arsenal an Song-Fragmenten, Ideen, Riffs und Hooks in der Schublade. Doch eines war noch ungeklärt: Wer eignete sich dazu, dieser Band einen Sound zu verpassen, der weder mit der Tradition bricht noch altbacken klingt? Mehrere Kandidaten standen zur Auswahl, doch Mr. Big wählten die Ideallösung: Kevin Shirley. Der renommierte US-Amerikaner, der schon für Iron Maiden, Journey, Rush oder auch Led Zeppelin gearbeitet hat, gilt als besonders flexibler Produzent, der aus seinem Herzen keine Mördergrube macht und jedem Musiker seine Meinung sagt – egal ob gefragt oder ungefragt. „Wir trafen uns mit Kevin“, erinnert sich Martin schmunzelnd, „und er sagte zu uns: ‚Ganz ehrlich? Eure früheren Scheiben klangen mir zu glatt, zu schmierig, zu perfekt. Ich dagegen stelle mir für euch einen raueren, authentischeren Sound vor. Wir sollten im Studio deshalb so viel wie möglich live aufnehmen.“

Mr. Big wussten, dass sie dieser besonderen Herausforderung dank ihres großartigen spielerischen Niveaus gewachsen waren. Zudem bekamen sie im Studio von Shirley sämtliche Freiheiten, die sie für eine kreative Atmosphäre brauchten. Nur in einem Punkt ließ der Tonmeister nicht mit sich verhandeln: „Wenn wir anfingen, mit Kevin über Soundkosmetik zu diskutieren, schimpfte er mit uns: ‚Ständig erzählt ihr mir, wie toll ihr Cream und Led Zeppelin und Free und Humble Pie findet. Warum, verdammt noch mal, klingt ihr dann nicht endlich selbst mal so? Quatscht nicht nur dauernd darüber, macht es einfach!‘“

Shirley spornte die Musiker jedoch nicht nur an, sondern gab laut Eric Martin auch ganz konkrete Anweisungen: „Kevin sagte zu Pat: ‚Ich will, dass du wie Keith Moon spielst, dass du genauso trommelst, als wenn John Bonham es getan hätte!‘“ Anweisungen dieser Art trugen tatsächlich Früchte: Nach gerade mal zwei Wochen hatten Mr. Big mehr als 20 Songs eingespielt. Als die Band nach einer anstrengenden, aber äußerst ertragreichen Aufnahmeprozedur von ihrem Produzenten die ersten Endversionen zu hören bekam, war sie völlig aus dem Häuschen. „Wir standen vor dem Pult, bekamen alle total rote Wangen und riefen: ‚Super! Genauso hätte Mr. Big immer schon klingen müssen!‘“, blickt der Mr. Big-Frontmann auf diesen Moment größter Genugtuung zurück.

In der Tat ist WHAT IF… ein kleines Meisterwerk geworden, ein Opus mit kernigem Hard Rock, bluesigen Anleihen und angerauten Balladen, bei denen die Vitalität der Gruppe den Zuhörer geradezu anspringt. Sie sind also endlich wieder Kollegen, die Herren Martin, Gilbert, Sheehan und Torpey. Ob sie auch wieder Freunde sind, wird sich allerdings wohl erst dann zeigen, wenn es erneut gilt, die eine oder andere Schwierigkeit zu überwinden.