Motörhead: Backstage Report – EINE SCHRECKLICH NETTE FAMILIE (Teil 2)

Motorhead 2015_2Lemmy und Co. haben uns ihren Alltag gezeigt: Blickt mit CLASSIC ROCK exklusiv hinter die Tour-Kulissen von Motörhead.

In Teil 1, den ihr in CLASSIC ROCK Magazine Ausgabe #47 lesen könnt, verabschiedeten wir uns mit dem Statement von Drum Tech Leonardo Soares, der bei Motörhead seinen Traumjob fand. Bevor Lemmy, Phil und Mikkey um 21.20 Uhr die Bühne entern, steht noch einiges auf der To-Do-Liste der Crew, während die ersten Fans sehnlich auf den Einlass warten…

EVERYTHING LOUDER THAN EVERYONE ELSE

Motörhead sind neben Acts wie Led Zeppelin, Deep Purple, The Who oder KISS Mitglieder im illustren Club der „Zehn lautesten Bands aller Zeiten“. Dass diese Liste nicht nur ein purer Marketinggag ist, wird einmal mehr während des Soundchecks deutlich. Phil Campbell mäht mit seiner Dezibelwand als erster das Zenith förmlich nieder. Während er locker ein paar Black Sabbath Riffs aus dem Handgelenk schüttelt realisiert die CLASSIC ROCK Abordnung, dass die Hallen-P.A. noch nicht eingeschaltet ist und der Schalldruck einzig und alleine von den Verstärkern auf der Bühne erzeugt wird.

Mit einen breiten Grinsen auf den Gesichtern führt der Rundgang zur nächsten Station, dem Arbeitsplatz von Monitor Engineer Mark Lewis, der während der Konzerte für einen glasklaren Sound auf der Bühne sorgt. Erstaunlicherweise arbeitet Mark mit einem digitalen Mischpult. „Ich mixe nun schon seit über acht Jahren für Motörhead. Als ich anfing verwendeten wir noch ein analoges System. Irgendwann bin ich dann allerdings doch auf Digital umgestiegen, denn es macht das touren mit mehreren Bands um Welten einfacher.“ Beim Blick über Marks Arbeitsplatz stechen die über die ganze Stagefront verteilten Monitorboxen ins Auge. „Bei uns gibt es kein heutzutage übliches In-Ear-Monitoring (kleine Kopfhörer, die während des Konzerts das Instrument des jeweiligen Musikers im Gesamtmix in den Vordergrund mischen – Anm.d.A.) sondern ganz traditionell 24 Lautsprecher für drei Musiker. Da die Jungs keinen Gehörschutz verwenden, tue ich das auch nicht, denn ich brauche den selben Klang in den Ohren wie sie um der Band den bestmöglichen Mix zu zaubern.“

Nun kommt doch etwas Hektik in den Laden, denn Lemmy gesellt sich auf die Bühne. Als Kilmister mit Rickenbastard und Sonnenbrille an seinen legendären Mikrophonständer tritt, einen deutschen Kumpel, der an der Bühnenabsprerrung lehnt mit einem freundlich lächelnden „Hallo Klaus“ begrüßt, rieselt eine besondere Art imaginären Sternenstaubs von der Decke des Venues. Sinnlose Hierarchie oder Starallüren gibt es in der Welt von Lemmy tatsächlich nicht, denn alle freuen sich, ihren „Chef“ zu sehen. So schnell der Frontmann aufgetaucht ist, so schnell ist er wieder in seinem Backstageraum verschwunden – es gilt schließlich noch einen Spielautomaten vor der Show zu lehren.

So geht es im „Familienunternehmen Motörhead“ zu:

 

IT‘S A BOMBER!

Am F.O.H. (Mischpult in der Mitte der Halle – Anm.d.A) wartet unterdessen Martin „Arnie“ Annables, der an den beiden Tagen in München mit „etwas“ Platzmangel wegen des Equipments des Kamerateams zu kämpfen hat. Trotz der beengten Umstände ist „Arnie“ blendend gelaunt und grinst weit über seinen eindrucksvollen Bart. Martin ist ein Front Of House Engineer alter Schule, der jeden Song live auf einem Analogmischpult für die Fans in der Halle mischt. Gerade im Zenith ist dieses Unterfangen Aufgrund der Architektur (ursprünglich wurde der Veranstaltungsort zum Wagonbau genutzt) und der schier unglaublichen Lautstärke von Motörhead ein Drahtseilakt. „Wie ich es anstelle unter diesen Bedingungen einen transparenten, crispen Sound hinzubekommen, kann ich leider nicht verraten – sonst könnte ja jeder meinen Job machen!“ antwortet „Arnie“ lachend auf diese obligatorische Frage.
Während der Meister des F.O.H.s noch ein paar Scherzchen zum Besten gibt, scheppert und blinkt es zwischen den Beleuchtungstraversen der Bühne. Es ist Zeit für den Bombertest.

Die beeindruckende Konstruktion stellt frühere Versionen des visualisierten Songtitels komplett in den Schatten. „Für diese Tour haben wir ein paar neue Gimmicks bekommen. Der Bomber besitzt nun überall Motoren, mit denen es uns sogar möglich ist, ihn zum Finale ins Publikum ’stürzen‘ zu lassen“ erzählt Light Engineer Caio Bertti mit leuchtenden Augen im Produktionsbüro. „Bei den meisten Songs lassen wir ihn bewusst starr an der Decke stehen, damit wir ihn urplötzlich starten können – die Reaktionen sind immer großartig!“ Plötzlich öffnet sich die Türe des Büros und mit einem verschmitzten Lächeln betritt Stage Manager und Phil Campbells Guitar Tech in Personalunion Roger De Souza den Raum.

Als Roger haarklein Phils Liveausrüstung erklärt (siehe Kasten) und die Nebenfrage, wie lange er denn schon selbst Gitarre spiele im Gespräch fällt, erzählt De Souza eine unglaubliche Geschichte: „Ich bin zu Motörhead wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Zuhause in Brasilien arbeitete ich als Übersetzer und wie es der Zufall so will auch eines Tags für Phil. Nachdem der Job erledigt war, zischten wir noch ein paar zusammen und er steckte mir, dass sein aktueller Gitarrentechniker nicht das Gelbe vom Ei sei. Irgendwann kam die Frage, ob ich das nicht übernehmen wolle und in zwei Wochen zum Dienst antreten könne. Auf meiner Agenda stand damals ein chilliger Urlaub in Mexiko und keine Neuausrichtung meines gesamten Lebens. Was ich dazu noch erwähnen sollte: Ich bin kein Gitarrist und hatte zu diesem Zeitpunkt noch nie eine Gitarrensaite gewechselt. Die ganze Sache klang so obskur – sie musste einfach funktionieren! Deswegen entschied ich mich, das Angebot anzunehmen und schaffte mir in kürzester Zeit die nötigen Kniffe drauf. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte!“

DON‘T FORGET US – WE ARE MOTÖRHEAD

Die Zeit mit der Crew neigt sich dem Ende, als sich die ausverkaufte Halle zum zweiten Mal in geregelten Etappen füllt. Die Bierstände sind stark frequentiert, Girlschool rocken, Saxons Biff Bifford lässt die Menge ausflippen und Motörhead spielen eine der Shows des Konzertkalenders 2015. Als um kurz vor 23.00 Uhr die Hallenlichter signalisieren, dass es Zeit ist, aufzubrechen, trinkt die CLASSIC ROCK-Abordnung noch ihr letztes Bier, bevor sie sich von Promöterin Ute verabschiedet. Für die vorbeiflanierenden Gäste, Journalisten und Mitarbeiter hat sie nette Worte und kleine Scherze parat. Diese ungezwungene Atmosphäre aller Gespräche, Smalltalks und Witzeleien mit den Menschen, die Tag für Tag auf Tour ihr Bestes geben, um eine große Produktion auf die Beine zu stellen, lässt nur ein Resümee zu: Motörhead sind Lemmy, Phil, Mikkey, Ute, Roger, Leonardo, „Arnie“, Mark, Caio und alle anderen Tourtrossmitglieder die gemeinsam als Familie über Kontinente und Kulturkreise hinweg auf einer Straße namens Rock‘n‘Roll zuhause sind.

 
MOTÖRHEAD LIVE EQUIPMENT:

LEMMY

Bässe:
2x Rickenbacker Lemmy Kilmister Signature Bass (Rickenbastard)

Verstärker:
Modifizierte 1973 Marshall JMP Superbass II (mit russischen Sovtek Röhren)

Saiten:
Dunlop Lemmy Signature Strings (50-70-85-105)

Picks:
Dunlop Lemmy Signature Picks (1.14)

PHIL CAMPBELL

diverse LAG Phil Campbell Signature Models
Gibson Les Paul
diverse Caparison Modelle
diverse Framus Modelle

Verstärker:
Marshall JVM410H
Marshall JVM410H-JS
Marshall JCM 900
Marshall 4100
Marshall 1959RR

Effektepedale (von rechts nach links):
– Dunlop Cry Baby 95Q
Dunlop MXR Micro Amp M133
Dunlop MXR Micro Chorus
Dunlop MXR Blue Box Otave Fuzz
Dunlop MXR EVH Phase 90
Boss Super Shifter
2 x Dunlop MXR Carbon Copy Analog Delay
Dunlop MXR Smart Gate Noise Gate

Saiten:
Dunlop Electric Nickel Wound 10 Medium

Picks:
– Dunlop Tortex (Motörhead Branded) (.88)

MIKKEY DEE

Drums:
Sonor SQ2 Vintage Maple (Custom Finish)
– 22″ x 18″ Bass Drum
– 14″ x 7.25″ Mikkey Dee Signature Snare Drum
– 10″ x 10″ Tom
– 13″ x 11″ Tom
– 14″ x 12″ Tom
– 16″ x 16″ Floor Tom
– 18″ x 16″ Floor Tom

Becken:
Paiste Signature
– 20″ Power Crash
– 19″ Power Crash
– 18″ Heavy China
– 14″ Sound Edge Hi-Hat
– 18″ Power Crash
– 10″ Splash
– 22″ Precision Heavy Ride
– 14″ Thin China
– 20″ Heavy China
– 20″ Power Crash
– 16″ Thin China
– 19″ Power Crash

Hardware:
diverses Sonor Equipment
DW 5000 Bass Drum Pedals

Sticks:
Wincent Mikkey Dee Signature

Fotos: Paul Schmitz