Metallica

Metallica (2)
»Diese Band wird seit 30 Jahren niedergemacht. Wir haben schon alles gehört.«

Das sagt Metallica-Schlagzeuger Lars Ulrich nach dem Erscheinen von „Through The Never“, dem polarisierenden Ausflug seiner Band in die Filmwelt. Wenigstens findet James Hetfield den Streifen super.

Wessen Idee war „Through The Never“?
Die gab es schon lange, seit über 15 Jahren – noch vor „Some Kind Of Monster“. IMAX fragte uns, ob wir einen 45-minütigen Konzertmitschnitt drehen wollten, aber es war zu aufwendig. Vor vier Jahren waren wir in Belfast und [Co-Manager] Peter Mensch brachte die Idee wieder auf. Wir wussten schon immer, dass wir einen großen Fuck-off-Film machen wollten. Peter sagte, es sei an der Zeit, diesen in die Realität umzusetzen.

Außer einen „großen Fuck-off-Film“ zu machen, was war die ursprüngliche Mis­sion für dieses Projekt?
In unserer Band ist nie etwas nur schwarz oder weiß. Dinge verwandeln sich einfach. Jemand sagt „A“, dann sagt jemand „B“ und „C“ folgt. Alles, was wir tun können, ist zu verhindern versuchen, dass es ins Lächerliche entgleist – und wir wissen, dass einige Leute [bei diesem Film] dieser Meinung sind. Du hältst dich einfach fest, so gut du kannst.

Was wolltet ihr also am ehesten erreichen?
Falls es so etwas wie eine Mission gab, dann bestand sie darin, 3D-Technologie zu verwenden, um den Zuschauer fast mit uns auf die Bühne zu nehmen. Wir wollten, dass das Publikum Teil von Metallica wird.

Wenn ich dich frage, was das gekostet hat, wirst du mir wahrscheinlich sagen, ich solle mich ficken…
Dafür respektiere ich dich zu sehr. Es ist sicher…äh…ein bisschen kostspielig. Größer als alles, was wir je gemacht haben. Da war der Film, die Bühne, das Marketing. Aber wenn ich dir sage, dass er 17 Smarties gekostet hat, gefällt dir der Film oder eben nicht. Ist das anders, wenn er 17.000 Smarties gekostet hat? Es ist einfach nicht besonders interessant.

Na ja, 30 Millionen Smarties sind schon eine Menge Süßkram, die man erst mal wieder reinholen muss.
Yeah, aber dieser Betrag ist eine wilde Übertreibung. Es waren nicht annähernd so viele Smarties. Natürlich ist es unser Ziel, letztlich keinen Verlust zu machen, ob mit T-Shirts, DVDs oder Albumverkäufen.

Und ist das realistisch?
Ich denke schon, selbst wenn ich ein paar übrig gebliebene DVDs aus dem Kofferraum meines Autos heraus verkaufe. Die Smarties sollten innerhalb der nächsten fünf Jahre ins Gleichgewicht kommen, aber wir sind da nicht supergestresst darüber. Ich kann dir sagen, dass wir die Eier hatten, den Film selbst zu finanzieren, um die Kontrolle zu behalten.

Es gehen ein paar Gerüchte um. Wir würden sie dir gerne erzählen.
(leise) Bittesehr. Leg los…

Erstens soll James Hetfield den Film hassen.
Das ist nicht wahr. Vor ein paar Tagen hat James mir eine SMS geschickt und gesagt, er habe sich den Film gerade komplett angesehen. Er buchstabierte das Wort „awesome“ als A-W-S-U-M.

Zweitens sollt ihr bei „Se7en“-Regisseur David Fincher angefragt haben, aber er war zu teuer. Weswegen Nimród Antal, der Mann hinter „Motel“ und „Predators“, den Job bekam.
Äh…am ersten Teil ist etwas Wahres dran, aber nicht am zweiten. Ich sprach wirklich mit David Fincher. Ich kenne ihn und wir hatten ein paar Unterhaltungen darüber, aber es ging nie um Geld. Das ist nicht der Grund.

Angeblich wurde dir beim finalen Schnitt bewusst, dass das Gleichgewicht zu sehr zugunsten der Szenen außerhalb der Bühne ausgefallen war und du dann wie ein Wahnsinniger rumranntest, um wieder mehr Lieder reinzubringen.
Das ist auch nicht wahr, auch wenn ich tatsächlich wie ein Wahnsinniger rumrenne, weil ich so viel Tee trinke. Eigentlich versuchten wir, soviel von der Erzählung und Dane DeHaan reinzubringen wie möglich. Er war viel interessanter anzusehen als wir. Wir haben so gut wie jede Szene mit ihm in die finale Schnittfassung gepackt. Wenn dieser Film im Januar auf DVD erscheint, wird es kein Bonusmaterial mit Dane geben.

„Through The Never“ hat eine Spielzeit von 90 Minuten, für heutige Filmverhältnisse ziemlich kurz. Ist das die Grenze der Langweilschwelle des Publikums?
Aaaaah, das war es nicht… (überlegt sich seine Antwort) Wir spielen jeden Abend fast zwei Stunden und das Schwierigste war es, die Balance zwischen diesen beiden Welten zu finden.

Wir erfahren nie, was in der Tasche ist. Weißt du es?
Nein. Ich glaube auch nicht, dass er [DeHaan] sich da so sicher ist. Er hat in die Tasche geschaut, aber ich habe ihn nie gefragt, was es war. Ich werde ihn eines Tages fragen.

Kannst du in aller Ehrlichkeit behaupten, dass du an diesem Prozess Spaß hattest?
Der kreative Teil gefiel mir. Hör mal, das ist der Grund, dass wir all diese Dinge tun – weil diese Kreativität so viel gibt. Für unsere eigene Stabilität, unser Überleben müssen wir diese verrückten Dinge tun. Sich in dieselbe Routine einzusperren, wo man immer und immer wieder dasselbe tut… ich glaube nicht, dass ich hier sitzen und mit dir reden würde. Einige dieser anderen Bands [von Metallicas Format] machen ein Album und eine Tour und nehmen sich dann fünf Jahre frei. Fünf Jahre freinehmen ist für den Arsch. Wir machen eben einen Film, oder unser eigenes Festival, oder hängen sechs Monate mit Lou Reed ab. Das ist die einfache Sichtweise. Und irgendwann muss man sich dann darüber unterhalten, wie man es mit Leuten teilt. Wir sind in jeden Teil involviert. Ich kann dir sagen, dass Metallica das Bild für das Filmplakat ausgewählt haben, nicht irgendein Marketing-Typ. Wir können dir, und unseren Fans, in die Augen sehen und sagen, was auch immer geschieht, das kommt von uns. Wenn du applaudieren willst, super. Wenn du es niedermachen willst, auch okay. So oder so übernehmen wir die volle Verantwortung.

Bis jetzt waren die Reaktionen gelinde gesagt gemischt. Der „Telegraph“ gab zwei von fünf Sternen.
Als ich das letzte Mal nachgesehen haben, hatten wir bei Rotten Tomatoes 82 Prozent – das ist eine Website, die alle Kritiken analysiert und auswertet. Zu dem Zeitpunkt also waren 82 Prozent positiv. Und wenn du auf die nächste Ebene gehen willst, gibt es meta­critic.com. Die Rotten-Tomatoes-Bewertung kommt von Bloggern und Sachen wie Dave Lings moviesite.com. Metacritic basiert auf dem „Guardian“, dem „Telegraph“ und der „New York Times“. Ich glaube, da haben wir 64 Prozent, was sehr gut ist.

Interessant, dass du das alles weißt, wo Metallica doch immer behaupten, dass ihnen die Meinung der Kritiker scheißegal ist.
Yeah. Aber wir wissen, wo sie wohnen. Im Ernst, diese Band wird seit 30 Jahren niedergemacht und wir haben mehr oder weniger schon alles gehört.

Die größte Kritik ist, dass…
(unterbricht) …es ein reiner Konzertfilm hätte sein sollen. (nickt) Das höre ich viel. Die Leute wollen mehr von uns sehen? Das ist toll. Aber ich will nicht mehr von mir oder James Hetfield sehen. Ich finde es interessanter, Dane DeHaan zu sehen.

Was sagst du zu jenen, die glauben, ihr solltet ein neues Album machen, statt euch Rockstar-Marotten hinzugeben?
Wenn einen Film zu machen eine Rockstar-Marotte ist, dann bekenne ich mich schuldig, euer Ehren. Persönlich glaube ich nicht, dass man, wenn man in einer Band ist, sich verpflichtet, ausschließlich Platten zu machen. Wir drücken uns aus, wie auch immer wir wollen. Darauf beschränkt zu sein, alle drei Jahre eine neue Platte zu machen, interessiert mich nicht. Wo steht geschrieben, dass das so sein muss?

LULU, dieser Film… Gehen Metallica als Band gerade durch ihre Midlife Crisis?
(runzelt die Stirn und wird für ein paar Momente still) Aaaaaah, wenn du wirklich willst, dass ich das beantworte, dann werde ich nie versuchen, irgendjemandem jegliche Meinung über Metallica auszureden. Gerüchte, Fakten…klar, okay… Aber diese Theorie kann ich nicht teilen.

Wir erwarten gar nicht, dass du zustimmst. Es geht mehr darum, ob du verstehst, wie jemand zu diesem Schluss kommen könnte.
Wenn jemand das denken will, dann bitte – ich bin dabei. Das stört mich nicht.

Du leugnest diese Anschuldigung also nicht?
Überhaupt nicht. Die Leuten können denken, was sie wollen, aber bei uns ist alles in Ordnung. Ich liebe DEATH MAGNETIC immer noch und wir werden auch wieder Musik machen. Wir hatten über tausend Ideen, die wir jetzt auf hundert oder so reduziert haben…jetzt geht es darum, die Punkte zu verbinden.

Dave Ling