Marilyn Manson im Interview: Himmel und Hölle

In den 90ern sagtest du mal im Zusammenhang mit der Trilogie von ANTICHRIST SUPERSTAR bis HOLY WOOD, am Anfang sei dein Idealismus gestanden, der Wille, eine Revolution in Gang zu bringen. Heute scheint die Welt beschissener zu sein als je zuvor. Hat das etwas an deinem Idealismus geändert?
Anstatt über das zu sprechen, was gerade in der Welt passiert, möchte ich lieber versuchen, einen Weg zu bieten, da­­mit fertig zu werden. Das ist eigentlich der Grund, warum ich diese Band damals überhaupt gegründet habe, warum ich mein Leben, meine Karriere so lebe. Ich kann das nicht mal trennen. Ich war noch nie im Urlaub, ich wüsste nicht mal, was ich mit einem freien Tag anfangen sollte. Mein Hirn ar­­beitet ständig. Es tut nicht unbedingt immer etwas Gutes, aber es ist immer in Betrieb. Und wenn die gesamte Welt um dich herum den Bach runtergeht, musst du irgendwie reagieren. Ich will damit nicht sagen, dass ich nun in einem humanitären Akt die Welt rette. Aber auf jeden Fall muss man irgendetwas tun, und hoffentlich gibt es Menschen, die es mögen und so denken wie ich, die sich dann davon inspirieren lassen.

Vielleicht heißt das nur, einfach dem ganzen Scheiß keine Aufmerksamkeit mehr zu schenken, und stattdessen kreativ zu sein und etwas zu erschaffen, das den ganzen Scheiß ändern kann. Was klingt, als würde ich nur das wiederkäuen, was ich schon vor 20 Jahren gesagt habe. Aber das Leben dreht sich im Kreis. Ich würde nie behaupten, dass ich hier etwas grundlegend Neues verkünde. Vielleicht muss es nur einfach noch mal gesagt werden, weil es damals nicht laut genug war und nicht gehört wurde. Macht mich das zu Nostra-dumb-ass? Nein, an meinem Idealismus hat sich jedenfalls nichts geändert. Alle große Kunst entstand aus Zeiten des Leids, des Umbruchs, des politischen Traumas. Berlin. Amerika. Russland. Pasolini. Fellini. Große Filmemacher. Alle kämpften gegen das System, gegen politische oder religiöse Unterdrückung.

Marilyn Manson 2014

Aber erreicht man damit wirklich etwas?
Es mag überraschend klingen, aber ich frage gerne Teenager, was sie denken. Ich unterhalte mich gern mit meinen Fans. Nicht online, denn ich mag das Anonyme im Internet nicht. Ich rede mit ihnen in Person. Und es ist faszinierend, was Menschen zu sagen haben, die nicht so reif, so erfahren oder vielleicht so weise sind wie wir. Was denken sie darüber, wie ihr Leben ist? Vieles von dem, was sie sagen, erinnert mich an mich selbst, als ich in ihrem Alter war. Die Teenager von heute sind vielleicht etwas zynischer, nicht unbedingt klüger, und enttäuschenderweise sehr viel weniger belesen. Ich sehe es daher auch als meinen Auftrag, jungen Menschen klarzumachen, dass sie in die Vergangenheit blicken müssen, um die Zu­­kunft zu sehen. Du musst sehen, woher wir kamen, um zu sehen, wo die Reise hingeht. Ohne Duchamp oder Dalí wären wir nicht die, die wir heute sind. Ohne die beiden Weltkriege auch nicht. Sie hätten nicht passieren müssen, aber sie haben uns zweifellos geformt.

Hattest du musikalisch eine bestimmte Vorstellung davon, wo deine Reise mit diesem Album hingeht?
Wir haben live schon einige neue Stücke gespielt, und die Fans haben darauf genauso gut oder so gar besser reagiert als auf Material, das sie schon kannten. Das macht mich sehr glücklich, denn ich wollte Musik machen in der Tradition von Sachen, die ich in meiner eigenen Jugend gehört habe, Ministry, Killing Joke, Joy Division, wo du im Club den Beat hörst, der dich an­­zieht und in Bewegung bringt, auch wenn du das Lied gar nicht kennst. Wie ein Film. Und [Produzent] Tyler Bates ist sehr gut darin, dieses Unmittelbare, Direkte erklingen zu lassen. Unsere Partnerschaft funktioniert sehr gut, denn ich bin der Drehbuchautor und er macht den Soundtrack dazu.

Wenn du nach vorne blickst, gibt es da Hoffnung für die Menschheit?
Natürlich gibt es Hoffnung. Was wäre der Sinn von Kunst, wenn es keine gäbe? Du kannst kein Künstler sein, wenn du keine Hoffnung hast. Ich bin kein Nihilist, ich bin kein Fatalist, auch wenn viele versuchen, mir diese Begriffe anzuhängen. Ich will auch nicht der Held sein, genauso wenig wie der Antiheld oder Bösewicht. Sondern einfach nur die Figur in der Geschichte, die für einen Wendepunkt sorgt. Die Regeln bricht. Sicher, die Welt ist heute vielleicht komplexer, überwältigender, aber das musst du nicht zulassen. Einen Computer kannst du ausschalten. Cybermobbing? Ich wurde noch an der Bushaltestelle vermöbelt, oldschool. Das Internet ist mächtig, aber du musst dich dem nicht aussetzen. Beschwer dich nicht, tu was. Natürlich gibt es Dinge, an denen du nichts ändern kannst, aber das ist nicht mein Problem. Ich bin nicht Mutter Theresa oder Gandhi.

Ich will nicht die Welt retten. Ich bin nur hier, um zu sagen, was ich denke. Und ich bin sehr froh und dankbar, dass es immer noch Menschen gibt, die das auch hören wollen. Das hat mich inspiriert, es wieder zu tun. Wenn mir Leute erzählen, was sie davon halten, ob sie es gut oder schlecht beurteilen, finde ich das toll. Nicht aus einer narzisstischen Motivation heraus, sondern weil es einfach heißt, dass ich irgendetwas bewirkt habe. Ein bisschen wie der Una­bomber, wenngleich im entgegengesetzten Sinn. Der Typ glaubte ja auch, er macht einen Unterschied mit seinen Taten. Ich will auch einen Unterschied machen. Ich habe es wohl besser ge­­macht als er. Mir geht es darum, etwas zu tun, an das man glaubt. Sei es nun Gott, Kunst oder was auch immer. Man muss an etwas glauben, dafür einstehen, und es durchziehen. Sei keine Pussy. Sei stark und mach dein Ding. Bis ans Ende.