Marc Ford – Leise ist das neue Laut

Marc Ford (2)Bekannt ist er für seine explosive Rock’n’Roll-Gitarre,  doch auf seinem hervorragenden neuen Album tauscht Marc Ford  heiße Licks gegen akustische Tiefe ein.

Auf seinem neuen Album HOLY GHOST singt Marc Ford: „I can see what’s meant for me and I’m free“ (Ich sehe, was für mich bestimmt ist, und ich bin frei). Das könnte auch als Leitsatz durchgehen. Nach Jahren, in denen er sich als der feurige Leadgitarrist bei den Black Crowes, Ben Harper und Gov’t Mule sowie als Anführer seiner eigenen Bands wie Neptune Blues Club und Fuzz Machine definierte, hat Ford Dezibel gegen tiefgründiges Songwriting eingetauscht und eine beseelte Akustikplatte abgeliefert.
„Dieses Stück ›I’m Free‹ ist definitiv von meiner gegenwärtigen Situation inspiriert“, so Ford. „Ich bin frei von den Erwartungen der Leute. Ich bin frei von der Drogensucht, von Unsicherheit und einer Reihe von Dingen. Mir ist bewusst, dass mich die meisten für lauten Rock’n’Roll kennen, also werden sie kaum erwarten, dass ich jetzt akustische Musik mache. Aber es hat sich eben einfach so ergeben, dass sich mein Leben in den letzten fünf Jahren mehr darum drehte, irgendwo mit einer akustischen Gitarre rumzusitzen. Das war das Nachspiel der ganzen Crowes-Sache, ich hatte endlich Zeit, einfach mal allein zu sein, und diese Songs sind das Resultat davon.“
Die „ganze Crowes-Sache“ endete nach 15 stürmischen Mal-ja-mal-nein-Jahren und der 2006er- Reunion-Tour, als Ford in einer Pressemitteilung verlauten ließ, er werde aussteigen, um seine hart errungene Nüchternheit zu beschützen. Als Teil des Splits ist er vertraglich verpflichtet, nicht über seine Zeit bei der Band zu sprechen. „Da spielen eine Menge Faktoren mit rein, wenn du Anfang 20 bist und alles passiert, wovon du je geträumt hast. Ich wurde davon mitgerissen, wie so viele. Und dann kam der Punkt, wo ich dachte, ‚Moment mal, du hast den Berggipfel erklommen und keine Antworten gefunden. Das ist nicht wirklich die Art von Erleuchtung, die ich gesucht hatte’. Drogen und Alkohol waren nur eine riesige Ersatzbefriedigung für fehlendes Selbstwertgefühl. Ich wünsche mir, ich wäre mit bestimmten Dingen besser umgegangen. Aber ich musste es nun mal lernen.“
In den Jahren seither hat er Platten von Ryan Bingham, Steepwater Band und Phantom Limb produziert, während er mit seinen eigenen Formationen weiter auf Tour ging, ebenso wie mit dem legendären Booker T Jones. Doch die ganze Zeit kamen immer wieder diese neuen, akustischen Songs an die Oberfläche und gewannen an emotionalem Gewicht.
„Ich wusste, dass es besser war, erst mal nichts mit diesen Stücken anzufangen, also behielt ich sie unter Verschluss. Die meisten sind brandneu, aber ein paar gehen schon zehn, zwölf Jahre zurück. Die Songs fanden letztendlich irgendwie zusammen und ergaben ein Ganzes. Für mich sind Platten immer noch etwas Vollständiges, mit einem Anfang und einem Ende, ganz anders als diese Singles-Mentalität von heute.“ Der finale Anstoß des Projekts kam schließlich aus einer überraschenden Richtung: Es war THE PINES, das von der Kritik gelobte Album von Phantom Limb, das Ford 2012 produziert hatte. Im Jahr zuvor hatte er deren Gitarristen Stew Jackson getroffen. Die beiden fanden zueinander durch, wie Jackson sagt, „eine gemeinsame Liebe für Hendrix, Delaney & Bonnie und viel Trinken“.
Jackson und seine Bandkollegen waren Fans von Fords Produktion auf MESCALITO von Ryan Bingham. „Diese Platte hat Tiefe“, so Jackson. „Du kannst den Raum hören und es klingt wie eine Band, die zusammen spielt. Es hat nicht diesen sterilen Pro-Tools-Vibe. Also holten wir uns Marc als Produzent und er trat uns richtig in den Arsch. Er reduzierte alles auf ein Minimum, restrukturierte die Songs, veränderte viel. Er wusste, dass es mein Baby war und er es in Stücke riss. Ich verstand damals nicht, was da passierte. Aber irgendwann wurde es mir klar und ich überließ ihm die Kontrolle. Es ist schwer, als Kreativer loszulassen, aber als ich es getan hatte, war es wunderbar.“
Ford und Jackson blieben in Kontakt. Dann wurde Ford klar, dass das fehlende Puzzleteil seines Soloprojekts Phantom Limb waren. „Ich begriff einfach, dass sie die absolut perfekte Band für diese Lieder waren“, so Ford. „Also rief ich Stew an und sagte: ‚Du hast mich dein Baby auseinandernehmen und wieder zusammensetzen lassen. Ich habe meine eigenen Sachen noch nie von jemand anderem produzieren lassen. Das kannst du jetzt bei mir tun. Ich glaube, ich habe einige der besten Songs, die ich je geschrieben habe, und du hast eine geile Band’. Er sagte nur: ‚Komm vorbei’.“
„Er dachte wohl, jetzt sei mein Moment der Rache gekommen“, sagt Jackson lachend. „Aber so bin ich nicht. Seine Methoden haben mich sogar sehr inspiriert. Viele Produzenten sitzen hinten im Studio mit einer Zigarre und sagen, ‚spiel das noch mal ein bisschen schneller’. Aber Marc geht es mehr um Vibe und Gefühl. Er trimmt gerne das Fett weg. Und das nahm ich mir zu Herzen, als ich ihn produzierte.“
Im Studio war Ford erstaunt, wie schnell die Songs Gestalt annahmen: „Ich ging mit jedem die Stücke durch, und als jeder kapiert hatte, was er spielen sollte, zählte ich einfach ein und manchmal klappte es tatsächlich schon im ersten Take. Dabei hatten sie das Material davor noch nie gehört. Irgendwann hatte ich tatsächlich den Verdacht, dass sie irgendwie an meine Demos gekommen waren, weil der Schlagzeuger und der Bassist oft genauso spielten, wie ich auf den Demos in meiner Garage. Sehr seltsam. Das sind beides erfahrene Jazztypen, aber sie spielten nie übertrieben. Ihr Instinkt war es, dem Lied zu dienen, und sie spielten Sachen, die ich als inkompetenter Drummer und Bassist nur deshalb spielte, weil ich es nicht anders konnte. Da wusste ich, dass es die richtige Band ist.“ Jackson fügt hinzu: „Wenn man so sensible Musiker hat, muss man nicht viel sagen, die Musik spricht für sich selbst. Ein weiterer Faktor war, dass wir nicht viel Zeit für das Album hatten. Es ging also darum, es fertig zu bekommen und dabei Spaß zu haben.“
HOLY GHOST schimmert vor subtilen Mellotron-, Fender-Rhodes-, Pedal-Steel- und Banjo-Texturen, doch Fords Gitarre steht eindeutig im Mittelpunkt. Und selbst in diesem entspannteren Umfeld erinnern seine Soli daran, dass er einer der ausdrucksstärksten Gitarristen im Rock ist. „Ich denke, mein Spiel hat sich weiterentwickelt. Wenn man in einer Solosituation ist, übernimmt man die Melodielinie, das Solo muss also eine Stimme sein, mit all den entsprechenden Eigenschaften: Interpunktion, Diktion, Dynamik, Gefühl, Bedeutung. Ich beginne, zu verstehen, was all die alten Blueser und Jazzer sagten: Weniger ist mehr. Man kann mit weniger Noten kraftvoller sein.“
Bis Ende Mai ist Ford mit Phantom Limb auf Tour in Europa, und er denkt schon darüber nach, wohin ihn dieses neue musikalische Kapitel führen mag: „In der Vergangenheit distanzierte ich mich persönlich ein bisschen von den Songs, aus Angst und weil ich nicht zu viel von mir preisgeben wollte. Aber jetzt kümmert es mich nicht mehr, was die Leute davon halten. Ich versuche, mich ihnen zu stellen, und das geht nur mit Ehrlichkeit. Wenn du nicht aufrichtig bist, wird die Musik das verraten.“