Long Distance Calling – Siebziger Signale

Long-Distance-CallingNach SATELLITE BAY und AVOID THE LIGHT mussten sich die Instrumentalrocker fragen lassen, ob ihr Konzept weiter aufgeht. Lange, Wellen schlagende Songs mit ab und zu einem Gastsänger, trägt das noch? Mit ihrem dritten Album brechen Long Distance Calling auf ins Ungewisse – und bleiben sich treu.

Im Urwald von Puerto Rico steht ein Radioteleskop. Die besten Tage der mit 305 Metern Durchmesser und 51 Metern Tiefe gewaltigen Schüssel liegen hinter ihr: Seit Pierce Brosnan in „Golden Eye“ und Jodie Foster in „Contact“ über die Reflektoren turnten, ist sie eher gammelig geworden. Zahllose Reflektorspiegel sind kaputt, durch den Asphalt bricht der Dschungel, und wenn sich nicht bald ein Sponsor findet, schließt der Betreiber die Anlage vielleicht noch in diesem Jahr. Damit würde auch das Radiosig­nal abbrechen, das seit 1974 von hier, von Arecibo aus, ins All geschickt wird. Die Botschaft soll Außerirdischen sagen, dass es uns gibt: ein Hallo von sehr weit weg. LONG DISTANCE CALLING eben.

Den rund um Münster beheimateten Instrumentalrockern liefert ›Arecibo‹ einen von sieben Songnamen auf dem schlicht LONG DISTANCE CALLING betitelten Album. Und wer denkt, Bands ohne Texte hätten es leichter, der irrt. „Die Songtitel schieben die Wahrnehmung ja bereits in eine bestimmte Richtung“, gibt Janosch Rathmer zu bedenken, der Schlagzeuger des Quintetts. „Von daher ist die Titelsuche fast genauso kompliziert wie die Erstellung kompletter Texte.“ Das übergreifende Space-Thema hatten die brachialen Filigrantechniker sich lang im Vorfeld gesetzt; alles andere wurde neu verhandelt.

Neu sind zum Beispiel die Funkanleihen: Wenn ›Into The Black Wide Open‹ hereinrollt, sieht man unwillkürlich „Die Straßen von San Francisco“ vor sich, und bei ›Figrin D’an Boogie‹ (einer liebenswert nerdigen Hommage an die Alien-Kapelle der Star Wars Cantina) vielleicht sogar eine orange-braun gemusterte Tapete. Dabei war es bloß eine Frage der Zeit, bis das Seventies-Faible bei ihnen durchschlug: „Wir haben fast alle zuvor Metal gespielt“, sagt Janosch, „und machen gerade dieselbe Erfahrung: Je älter man wird, je länger man sich mit Musik beschäftigt, desto sicherer interessiert man sich irgendwann für die Quellen. Man landet unweigerlich bei den Siebzigern und schließlich ein Stückchen weiter – beim Blues.“

Seine 70er-Ikonen heißen John Bonham, Bill Ward oder Billy Cobham (Mahavishnu Orchestra) und, auf die Band übertragen, Pink Floyd und Led Zeppelin. Eine Umorientierung ist das nicht: „Wir haben Long Distance Calling nie direkt im Postrock gesehen, sondern immer als instrumentale Rockband.“ Was einander kaum ausschließt, aber Long Distance Calling kullern tatsächlich auf neue Horizonte zu. „Vor allem wollten wir kurzweilig sein. Die Herausforderung für eine Band, die fast ohne Gesang arbeitet, besteht darin, die Hörer bei der Stange zu halten. Noch nie haben wir so viel und intensiv für eine Platte geprobt. Sie sollte anders und kompakter werden… was vielleicht nicht auf ganzer Linie geklappt hat“, lacht er und meint die Parts, wo Long Distance Calling dann doch wieder perlend ausuferten.

Auf Anhieb geklappt hat hingegen die Akquise seines Wunschkandidaten John Bush („einer der unterschätztesten Frontmänner im Rock/Metal-Bereich“) als Gastsänger auf ›Middleville‹. Der Armored Saint- und ehemalige Anthrax-Sänger stieß bei Janoschs Kollegen zunächst auf Skepsis – bis sie seinen Beitrag hörten. Bush hat selbst Text und Gesangslinien beigetragen und klingt im Ergebnis charismatisch und grungig – „wie Layne Staley, der die Töne trifft!“, freut Janosch sich. Und das ist doch mal eine gute Botschaft.