Live: Tonder Festival sowie Rock im Wald 2013

Tonder-Bjarne_Lund3Tonder Festival
Tonder, Dänemark

Von Folkrock und Fideln

Als deutscher Festival-Besucher traut man seinen Augen kaum, wenn man über das Tønder Festival im Süden Dänemarks schlendert. Das Gelände sieht aus wie ein kleines Western-Dorf. Da steht ein richtiger Pub, im Restaurant „Fiddler’s Green“ gibt es sogar Drei-Gänge-Menüs und echtes Geschirr, aber auch an einer „Rum- und Zigarrenbar“, in deren Saloon-artigem Interieur man eben jenen Genüssen nachgehen kann, fehlt es nicht.
1974 von Studenten der damaligen Pädagogischen Hochschule gegründet, hat das traditionsreiche Festival sich einen Charme bewahrt, der es von den typischen europäischen Großveranstaltungen deutlich unterscheidet. Das gilt auch für das musikalische Programm. Das Tønder Festival ist eins der größten Folk-Festivals weltweit und die 60 Konzerte auf acht Bühnen – darunter ein Spiegelzelt und das örtliche Kunstmuseum – umfassen alle Facetten des Genres.

Schönen Indie-Folk zum Beispiel gibt es von der schottischen Band Admiral Fallow. Ihre Songs sind mit Klarinette, Geige, Keyboard und Akkordeon verziert und kommen mal auf Zehenspitzen daher, nur um dann plötzlich unerwartet doch noch los zu sprinten. Protestlieder zwischen Rock, Folk und Punk derweil gibt es von Billy Bragg. Der Auftritt des britischen Songwriters, der von einer vierköpfigen Live-Band begleitet wird, gehört zu den Höhepunkten des Festivals. Nicht zuletzt wegen der zahlreichen Anekdoten, die er zwischen seine Lieder streut. Von Margret Thatcher erzählt er ebenso wie von dem Tag, als die Pogues ihn in Roskilde betrunken von der Bühne tragen musste…

Doch nicht nur auf dem eigentlichen Festivalgelände gibt es an diesem Wochenende Livemusik. Am Samstag verwandelt die pittoreske Fußgängerzone Tønders sich in eine riesige Festmeile. In nahezu jeder Kneipe und jedem Café wird musiziert. Wer will, kann dabei tief in die dänische Musikgeschichte eintauchen. In der Visemølln zum Beispiel, einer alten Mühle, in der das Festival einst begann, wird fleißig zu meist nordischen Liedern gefidelt.

Auf der mit Blumen verzierten Hauptbühne machen wir wenig später die Neuentdeckung des Festivals: Das irische Duo Hudson Taylor mischt klassischen Folk mit melodiösem Pop und klingt wie Simon & Garfunkel. Americana und Folkrock gibt es anschließend von The Avett Brothers, deren großartige, energetische Show von ruhigen Akustikballaden bis zu mit Cello und Banjo verzierten Epen reicht. Wer danach noch Reserven hat, geht ins Zelt P4, wo bis spät in die Nacht der traditionelle Tanz der dänischen Insel Fanø getanzt wird. Das Tønder Festival ist eben einfach anders als die meisten anderen Festivals.

Text: Nadine Lischick


Rock im Wald 2013
Neuensee, Waldstadion

Sonne, Staub & Wüstenrock

Es ist heiß, verdammt heiß an diesem letzten Samstag im Juli. Bei geschlossenen Augen glaubt man, in der Wüste von Nevada und nicht mitten in Oberfranken zu stehen, als eine Brise die 37 Grad heiße, staubtragende Luft auf dem Weg über den Parkplatz des Waldstadions in die Gesichter der gerade ankommenden Stoner Rocker weht. Im Eingangsbereich angekommen, tut sich ein Bild auf, welches der geneigte Festivalgänger nur von erheblich größeren Veranstaltungen kennt: Eine richtige Fressmeile, jedoch bleiben die Umbaupausenmagneten #1 die Bier- und Cocktailstände. Aufgrund der Hitze treffen die gut 1.400 Rocker, die an diesem Abend das Waldstadion füllen werden, nach und nach zu den Schweden des Stonewall Noise Orchestra ein. Die legen trotz der erbarmungslosen Sonneneinstrahlung einen ordentlichen Gig auf die Bretter bevor die Engländer von The Treatment für etwas Abwechslung im Stoner Line-Up sorgen. Mit ihrem Sound zwischen Sleaze und den Rolling Stones bieten sie die perfekte Untermalung für einen eiskalten Jack N‘ Coke. Die nachfolgenden Valient Thorr machen schon alleine durch ihre Outfits auf sich aufmerksam: Sänger Valient Himself trägt stilsicher zu seiner grünen Hose einen blauen und roten Boxingboot – in Kombination mit seinem Billy Gibbons Tributebart eine einzigartige Angelegenheit. Als langsam die Sonne hinter den Baumwipfeln verschwindet, legen Orange Goblin die Saat, die wenig später von Vista Chino geerntet wird. John Garcia ist in bestechender Verfassung und dealt an diesem Abend mit einer Setlist, die keine Wünsche offen lässt. Als „kleine“ Überraschung steht heute nicht Nick Olivieri sondern kein geringerer als Mike Dean von Corrosion Of Conformity am Bass, der jetzt schon den Preis für den „Verrücktesten Blick des Jahres“ verdient. Rock Im Wald sollte sich spätestens nach dieser Ausgabe weg vom Geheimtipp zu einem festen Termin im Festivalkalender mausern, denn an gemütlicher Atmosphäre, Gastfreundlichkeit und perfekter Planung können sich andere Veranstaltungen dieser Größenordnung ein gutes Beispiel nehmen.

Text: Chris Franzkowiak