Letztes Wort: Al Jourgensen (Ministry)

MI_FBTE-al5_bwVom Industrial-Übervater zur popkulturellen Kultfigur: „Uncle Al“ gibt Auskunft zu Politik, München, dem Himmel auf Erden, dem Tod, seinem gefallenen Kameraden und Trent Reznor.

Text: Matthias Jost

Nun soll es endgültig vorbei sein: FROM BEER TO ETERNITY ist das letzte, aber auch wirklich allerletzte Ministry-Album, denn nach dem überraschenden Tod des Gitarristen Mike Scaccia im letzten Dezember kann es keine Zukunft mehr für die legendäre Band geben. Und Herr Jourgensen könnte nicht glücklicher darüber sein.

Das war’s nun also wirklich endgültig mit Ministry?
Ja, definitiv. Mikey kann nicht ersetzt werden. Das muss nun zu einem Ende kommen. Ich habe meinen besten Freund und kleinen Bruder verloren, zwei Tage, nachdem er mit den Aufnahmen für das Album fertig war. Es war dann schon hart, das fertigzustellen. Aber er war dabei. Im Studio fiel beim Mixen mal ein Bild von der Wand, das war er, der mit etwas nicht einverstanden war und es uns so mitteilte. Er hat die Platte noch mit uns gemixt und ist dann an einen besseren Ort gegangen.

Wieso bist du dir da so sicher?
Weil ich schon fucking dreimal gestorben bin, Mann. Ich weiß, dass es ein Leben nach dem Tod gibt, und glaube mir, ich war ziemlich angepisst, dreimal wieder auf diesem beschissenen Planeten aufzuwachen.

Du hast also vermutlich eher keine Angst vor dem Tod…
Absolut nicht. Auch wenn ich im Moment dem Himmel auf Erden näher bin als je zuvor. Ich bin so weit vom Rock-Business weg, wie man es nur sein kann, und ich liebe es. Keinerlei Stress mehr, das macht mich echt glücklich. Ich arbeite im Studio und lebe im schön warmen El Paso, Texas. Ich komme ja aus Chicago, aber die Winter dort packe ich einfach nicht mehr. Sollte ich je wieder geboren werden, dann hoffentlich als Wettermann in El Paso. Weniger Arbeit kann man einfach nicht haben: „Es wird heute sonnig, heiß und trocken“, jeden einzelnen fucking Tag.

Und wie sähe der perfekte Tod für dich aus?
So wie bei Mikey. Er wollte immer auf der Bühne sterben, und genau das hat er auch getan. Und das, nachdem er an dem Album gearbeitet hatte, das er wiederholt als das beste bezeichnete, an dem er je beteiligt war. Es war ein Schock, vor allem, weil er zwei Tage vorher noch so glücklich und gesund war, als er hier wegging, aber perfekter kann’s nicht laufen. Außer für seine Frau und Kinder natürlich, aber um die kümmern wir uns und sorgen dafür, dass die Kids eine gute Ausbildung bekommen. Ich möchte dagegen im Studio sterben. Einfach über dem Mischpult zusammensacken und das war’s. Ich habe sogar meine Angestellten angewiesen, mich zum Pult zu zerren und in diese Position zu bringen, falls sie meine Leiche woanders finden. Es wäre doch total uncool, wenn es irgendwann heißt, ich sei gestorben, als ich auf dem Weg zum Klo umgekippt bin.

Genug vom Tod, du erfreust dich ja momentan bester Gesundheit, oder?
Ja, es ging mir selten so gut. Als wir damals zum ersten Mal Ministry für beendet erklärten, war meine Gesundheit der Hauptgrund. Ich hatte keine Lust mehr, ständig aus jeder Körperöffnung zu bluten, aber ich hatte immer gedacht, das gehört einfach zum Touren. Von Geschwüren hatte ich bis dato nie gehört gehabt, geschweige denn davon, dass ich 13 von den Dingern hatte.

Aber sicher war nicht alles schlecht am Leben auf Tour…
Klar, da gab’s viel Spaß. Ich erinnere mich immer gerne an München. Das ist die besoffenste Stadt, in der ich je war. Ich habe da mal zwei Biker-Gangs kennen gelernt, die waren echt krass drauf. Dagegen sind die Biker in Amerika die reinsten Pussies.

Bekanntlich nicht das Einzige, was dir nicht passt in den USA. Hat sich auch bei dir eine gewisse Ernüchterung über Obama eingestellt?
Ich habe ihn getroffen und bin mir sicher, dass er kein schlechter Mann ist. Enttäuscht bin ich also nicht, aber eben auch nicht überrascht. George W. Bush war ja nur ein Idiot mit einem Spielzeuglaster, aber Obama versucht wenigstens, wirklich was zu ändern. Er kann nur eben nicht viel ausrichten. 0,0001 % der Bevölkerung kontrollieren 99,9999 % des Landes. Das System hat die Macht, es ist komplett korrupt, mit einer Schattenwährung und einer Schatten-Agenda. Das Einzige, was man machen kann, ist gut zu recherchieren und dann die Leute zu wählen, die am wenigsten korrupt sind.

Wir geht’s jetzt weiter für dich?
Ich gebe Lesungen und unterrichte. Ich hatte ja schon immer Lehrer werden wollen, aber dann kam die Rockmusik dazwischen, weil man da eben mit minimalem Einsatz sehr viel mehr verdienen konnte. Aber jetzt schließt sich der Kreis. Und ich arbeite an meinem Buch, das ich seit 20 Jahren schreibe.

War’s das also komplett mit der Musik?
Nein, ich habe ja mein Studio und produziere noch für andere. Und im Moment laufen Verhandlungen für ein Soloprojekt mit Trent Reznor. Ich brauche die Kohle, er die Credibility. Und glaube mir, da wird’s keine Starallüren geben. Dem Burschen wird hier kein roter Teppich ausgerollt, der darf sich erst mal ordentlich den Arsch aufreißen!