Das letzte Wort: Randy Newman – „Mein Biss ist noch voll da“

randy newman 2017Ein gemütlicher älterer Herr mit Bauch, Brille und – wie sich schnell herausstellt – ordentlich Schalk im Nacken empfängt in seiner Suite im Berliner „Schlosshotel Grunewald“. Randy Newman, inzwischen 73 Jahre alt, zählt seit fünf Jahrzehnten zu den weltweit am stärksten herausragenden Singer/Songwritern. Seine Alben sind legendär und viele seiner Lieder, etwa ›You‘ve Got A Friend‹, ›Short People‹ oder ›You Can Leave Your Hat On‹ wurden, teils in den Versionen anderer Musiker, zu Evergreens. Jetzt hat der sechsfache Grammy-Gewinner nach langen Jahren, in denen er vordringlich als Soundtrack-Komponist für Animationsfilme wie „Cars 3“ eingespannt war, mal wieder ein neues Album gemacht. Es heißt DARK MATTER und ist ein Genuss. Stilistisch ist alles drin von sachtem Pianosong über Blues, Bläser, Orchester bis zum Gospel.

Mr. Newman, Ihr neues Album klingt bemerkenswert fröhlich.
Ja, nicht wahr? Es ist sogar total fröhlich. Und das, obwohl es DARK MATTER heißt. Die Platte ist ausgelassen, munter und verspielt. Auch wenn es zwei wirklich traurige Lieder darauf gibt, so ist das meiste eben alles andere als dunkel. Ich darf sagen, dass ich recht stolz auf dieses Album bin.

Worauf insbesondere?
Dass mir ein echt gutes Werk spät in meiner Karriere gelungen ist. Dass ich nicht nachgelassen habe. Mein Biss ist noch voll da. Denn ich habe mir natürlich Gedanken und Sorgen gemacht, ob ich noch so scharf und treffsicher bin wie früher als jüngerer Mann. Eine Sache hat sich allerdings verschlechtert: Man bekommt nicht mehr so viele Geschenke beim Schreiben. Ich muss mich mehr bemühen, etwas härter arbeiten. Ich kann nicht mehr bloß am Piano sitzen und warten, dass die Ideen anklopfen.

Haben Sie deshalb neun Jahre für DARK MATTER gebraucht? Oder wegen ihrer Soundtrack-Arbeit für Animationsfilme?
Nein, das sind beides lahme Ausreden. Ich habe einfach eine schlechte Arbeitsmoral. Ich arbeite nicht so gerne, ja, ich bin faul. Bei der Filmmusik muss ich mich zusammenreißen, denn wenn die Musik nicht fertig ist, kann der Film nicht anlaufen. Bei meinen eigenen Alben fehlt mir leider dieser Druck. Ich sollte aber wirklich schneller werden, sonst bin ich beim nächsten Mal 80.

Sie sind ja ohnehin in einem Alter, in dem man nicht mehr arbeiten müsste.
Ich weiß. Das ist aber auch keine Lösung. Ich sehe tatsächlich kaum einen Künstler in meinem Alter, der sich zur Ruhe gesetzt hat. Warum auch? Zu­­hause applaudiert dir niemand. Es ist ein Privileg, für Leute zu spielen, die Geld dafür bezahlen, dich zu sehen. Und manchmal bin ich einfach gerne mal weg von zuhause. Unterwegs zu sein, ist übrigens gut für meine Ehe. Ich merke an den SMS meiner Frau, dass sie mich vermisst. Sie ist viel netter, wenn ich nicht da bin.

Handelt das Stück ›She Chose Me‹ von Ihnen und Ihrer Frau?
Ja. Alles, was ich in dem Lied sage, ist wahr. Meine beiden Ehefrauen waren und sind deutlich attraktiver als ich. Meine erste Frau war Deutsche, Roswitha aus Düsseldorf, eine tolle Person.

Was reizt Sie bei Frauen? Schönheit? Intellekt?
Kompatibilität. Der Sinn für Humor. Ich mag es, wenn mich jemand zum Lachen bringt und wenn jemand selbst gerne lacht. Ich bin im Alltag ziemlich lustig. Humor und Komik sind meine treuen Begleiter. Natürlich auch in meinen Songs. Manchmal scheint meine Musik ja sehr ehrfürchtig zu sein. Aber viele Songs sind wirklich auf eine derbe Weise witzig.

So wie ›Putin‹. Fast hat man den Eindruck, Sie hätten einen kleinen Narren an dem Mann gefressen. Sie singen: Wenn er sein Shirt auszieht, wünschten Sie sich, eine Frau zu sein.
(lacht) Ich finde seine Fotos mit nacktem Oberkörper umwerfend. So etwas machen doch sonst nur Teenager. Der Ton des Songs ist in der Tat ein befürwortender, ihm zugewandter. Ich wollte ihn menschlich machen, ihm auch mal Zweifel zu­­schreiben.

Kommt Putin dabei eventuell zu sympathisch rüber?
Nein, ich denke nicht. Ich spreche auch die Kriege an, die er führt und verschweige seine miesen Seiten nicht. Es ist allerdings richtig, dass ich ur­­sprünglich vorhatte, ein härteres Bild von ihm zu zeichnen. Der ›Putin‹-Song ist übrigens mein Favorit vom neuen Album. Das Orchester, die Arrangements, der hintersinnige Witz, vielleicht werde ich doch immer besser (lacht).

Ist der Albumtitel DARK MATTER eigentlich als typische Newman-Ironie zu verstehen?
Nein, eher als typische Newman-Notlösung. Erst wollte ich es „The Great Debate“ nennen, dann ging der ganze Politikmist los, und mit dem Titel hätte ich Erwartungen geschürt, die ich weder hätte erfüllen können noch wollen.

Wo ist überhaupt Donald Trump? Kam er zu spät, um ihn noch mit einem Song zu berücksichtigen?
Nein, er kam noch rechtzeitig. Ich hatte überlegt, aber ich wusste nicht, was ich zu ihm sagen sollte. Ich schrieb einen Song, der von Trumps Penis handelt, der war mir jedoch nicht lustig genug. Er ist so schrecklich vulgär. Ich fand ihn geradezu unwürdig, um noch ein Lied über ihn zu machen. Was soll man auch schreiben? Gerade hatte ich doch noch eine Idee: Ich schreibe ein Lied in Form eines Briefes, gerichtet an ihn von seiner Tochter Ivanka. Ich schreibe den mal fertig und gucke, ob er gut genug ist.

Sie sind mit Ihren Songs gelegentlich angeeckt, ›Short People‹ etwa galt einigen als diskriminierend. Muss man heute als Künstler vorsichtig sein, weil die Leute empfindlicher geworden sind?
Ja. Manchmal muss man heute zu vorsichtig sein, die Menschen sind dünnhäutiger als früher. Allerdings haben die Befürworter der Political Correctness gute Argumente, wenn man sich anschaut, was etwa Frauen bis heute häufig am Arbeitsplatz angetan wird. Für ›Short People‹, obwohl offensichtlich nicht ernst gemeint, bekam ich auch damals schon viel Ärger. Im Wartezimmer beim Arzt guckten mich die Leute manchmal richtig böse an (lacht).