Leprous – Die Grenzen der Freiheit

Freudentänze waren schon die letzten Leprous-Platten nicht. Mit COAL liefern die norwegischen Prog Metaller allerdings ihr bislang finsterstes Werk ab, einen pechschwarzen Obsidian musikalischer Finesse. Sänger und Keyboarder Einar Solberg über Dunkelheit und Diamanten.

Leprous 2013Beinahe gibt man die große Ära der Plattencover für verloren. Die Zeit, in der Künstler wie der kürzlich verstorbene Storm Thorgerson der Band Pink Floyd visuelle Monumente bauten, deren Bildsprache fast ebenso wichtig wurde wie die Musik. Leprous steuern diesem unwillkommenen Trend entgegen. Schon ihr Durchbruch BILATERAL war ein kunstvoller Rausch, für den Nachfolger COAL gehen die Jungs aus Notodden gänzlich neue Wege. Ein Diamantschädel auf schwarzem Untergrund prangt auf dem Cover – Vorbote des deutlich düsteren Sounds. „Zwischen Musik und Artwork muss eine enge Verbindung bestehen. Das ist uns bei COAL erstmals gelungen“, freut sich Einar. „Jeff Jordans Bildsprache gefiel uns auf Anhieb, und Jeff selbst meinte auch, dass es eines der stärksten Cover ist, die er je geschaffen hat.“ In der Tat könnte COAL für Leprous das sein, was THE DARK SIDE OF THE MOON für Pink Floyd war: Eine Platte, die man sofort am Artwork erkennt. „Nicht zu vergessen IN THE COURT OF THE CRIMSON KING“, bringt Solberg sein Lieblingsplattencover ins Gespräch.

Leprous sind auf dem Weg nach oben, mit BILATERAL erzielte man in der Prog-Metal-Welt mehr als nur einen Achtungserfolg. Wieder schleicht sich das Albumcover in die Überlegungen: Werden nicht auch Diamanten unter großem Druck erzeugt? „Die Erwartungen und der Erfolg des letzten Albums setzten uns anfangs tatsächlich sehr zu“, gesteht der Norweger. „Wir begriffen jedoch ziemlich schnell, dass wir mit unserer Musik nie irgendwelchen Erwartungen entsprechen, sondern Kunst kreieren wollten.“ Diese Erkenntnis war der Wendepunkt, fortan lief es wie geschmiert. Nur mit zwölf Songskizzen bewaffnet, begaben sie sich direkt nach dem Tourneefinale ins Studio und schmiedeten daraus ein düsteres, faszinierend verloren klingendes Prog-Metal-Meisterstück. „Die Dunkelheit auf dem Album ist ein Spiegel meiner Selbst“, erklärt Einar. Er war hauptverantwortlich beim Songwriting, gab den Songs ihre dunkle, melancholische Note. „Für mich persönlich waren die letzten Jahre eine sehr spannende, aber auch sehr schwierige Zeit. Wir arbeiteten uns den Rücken krumm, hatten am Ende aber dennoch nichts in der Kasse. Hinzu kam, dass ich während des Songwritings die emotionalste Zeit meines Lebens erlebte – sowohl im positiven wie auch im negativen Sinne.“

Wichtiger als alles andere ist Einar das eigene musikalische Profil. „BILATERAL war verspielt und jugendlich, COAL hingegen hat einen deutlich differenzierten, stärkeren Charakter, der den Test der Zeit überdauern wird.“ Große Kunst eben, und die kann bekanntlich nicht erklärt werden. „Wenn ich einen David-Lynch-Film sehe, will ich gar nicht alle Fragen beantwortet haben. Das würde die Magie dahinter töten“, meint er dazu. „Kunst kann eigentlich gar nicht interpretiert werden. Für ein Album wie dieses gilt das ganz besonders, denn es fußt zu einem Großteil auf spontanen Eingebungen.“ Dazu passt ein offener Titel wie COAL besonders gut. „Inspiriert wurde er davon, dass Kohle aus demselben Material besteht wie Diamanten und doch so anders aussieht. Das ist der große Gedanke hinter dem Album. Selbst Dinge, die unterschiedlicher nicht sein könnten, können denselben Ursprung haben.“ Dieser Ursprung ist im faszinierenden, aber nie überladenen Sound der Norweger so wichtig wie nie. „Mehr denn je war uns bei COAL der Charakter eines Songs wichtig. Zu viele Zutaten zerstören den Geschmack, und den wollten wir in den Songs klar herausarbeiten. Bei Leprous beginnen wir mit absoluter Freiheit – und enden in strengen Strukturen.“