Noel Gallagher: Lebensweisheiten – „Meine Frau hält mich für einen Feministen“

Deine Tochter ist 17, deine Söhne zehn und sechs Jahre alt. Können die Kinder deiner Musik eigentlich etwas abgewinnen?
Och, doch. Die hören das auf dem Weg zur Schule.

Freiwillig?
Ich glaube schon. Ich selbst bringe die Kinder nicht zur Schule, das ist viel zu früh für mich. Aber meine Frau sagt, dass sie gerne alle zu­­sammen die neue Platte hören – zum Wachwerden.

noel gallagher

Wann stehst du denn auf?
So im Schnitt um halb neun. Das geht noch, aber ist natürlich nicht zeitig genug, um die Jungs zur Schule zu bringen. Schule ist so­­wieso blöd. Ich habe die Zeit dort immer für eine unnötige Ablenkung von den Dingen gehalten, für die ich mich wirklich interessierte.

Das erzähl aber bloß nicht deinen Kindern.
Nein, ich will sie ja nicht unnötig und vorzeitig demotivieren. Bald schon werden die Jungs alt genug sein, um alle Geschichten aus meiner Vergangenheit im Internet nachlesen zu können. Die Armen. Aber für die Kinder wird es sicher sehr lustig sein. Andererseits: Meine Tochter hat das alles prima verkraftet (lacht).

Dein Produzent David Holmes hat zahlreiche Soundtracks aufgenommen, etwa für „Ocean’s Eleven“? Hat das den Ausschlag für eure Zusammenarbeit gegeben?
Jau. Wir kannten uns ein bisschen privat, ich erzählte ihm schon immer, wie toll ich seine Filmmusiken finde. Als es dann soweit war, be­­schlossen wir, dieses Album gemeinsam zu machen.

Ist WHO BUILT THE MOON? dein bislang abenteuerlichstes Album?
Ach, das ist so ein klassischer Journalistenausdruck. Aber okay, wenn du so fragst: Von der Stimmung und vom Sound her trifft das wohl zu.

Was ging in deinem Kopf vor, als du das hymnische ›It’s A Beautiful World‹ komponiert hast?
Dass die Musik echt krautrockig klingt, nach Can. Ich habe dann eine Weile auf die passende Melodie gewartet, dazu brauchst du nämlich Geduld. Melodien fallen irgendwann vom Himmel, sie tauchen aus dem Nichts auf. Der Trick ist dann zu unterscheiden, welche Melodie gut und welche wirklich großartig ist. Die großartigen be­­hältst du.

Ist ›It’s A Beautiful World‹ dein Aufruf, auch in harten Zeiten die Schönheiten des Lebens zu erkennen und zu würdigen?
Ja. Der Song ist natürlich die pure Ironie. Denn die Welt da draußen ist nicht schön. Ich sage aber im Refrain: Die Welt daheim, mit meiner Liebsten und mir, die ist wunderbar. Du darfst halt nur nicht aus dem Fenster schauen oder in den Fernseher.

Was treibt dich besonders um, wenn du an die aktuelle Nachrichtenlage denkst?
Donald Trump geht mir am Arsch vorbei. Ehrlich! Was dieser Trottel treibt, juckt mich nicht. Mich besorgt der Terrorismus, der inzwischen sprichwörtlich vor meiner eigenen Haustür passiert. Aber um ehrlich zu sein, hätte ich keine Kinder, wäre mir auch das scheißegal. Um mich selbst habe ich keine Angst. Doch meine Tochter ist 17 und turnt fröhlich auf den Straßen Londons herum, meine Söhne werden das bald auch tun. Es beunruhigt mich, daran zu denken, dass Leute Bomben in Züge werfen oder Kids bei Popkonzerten in die Luft sprengen. Der Anschlag in Manchester war ein schrecklich tragisches Er­­eignis. Die ganze Stadt musste all ihre Widerstandsfähigkeit und ihren Trotz aufbringen.

Wie stehst du zum Brexit?
Oh Mann, dieser verfickte Brexit: Ich bin nicht zur Wahl gegangen, weil ich der festen Überzeugung bin, dass man über solche Entscheidungen auf keinen Fall die Bevölkerung ab­­stimmen lassen sollte. Warum nicht? Weil 90 Prozent der Leute gottverdammte, bescheuerte Idioten sind. Wenn der Premierminister nicht fähig ist, so etwas zu entscheiden, dann sollte er nicht Premierminister sein. Und alle logen bei den Debatten, dass einem kotzübel wurde.

Nicht abzustimmen war aber auch alles andere als clever. Jetzt kannst du dich über das Resultat nicht beschweren.
Ja, das war dumm von mir. Ich habe nicht ab­­gestimmt, weil ich überzeugt war, dass die Briten so bekloppt nun auch wieder nicht wären. Am nächsten Morgen wusste ich es besser und habe meine Entscheidung bereut.

Zu spät.
Ich weiß, Mann. Hinterher ist man schlauer. Ich glaube, das tieferliegende Problem, das für den Brexit verantwortlich war, ist die Frage, wie man mit der Immigration umgeht. Wir sind Menschen, wir dürfen uns nicht un­­menschlich und feindlich gegenüber Einwanderern verhalten. Auf der anderen Seite kann man nicht zugunsten der politischen Korrektheit so tun, als hätten wir hier in Europa das All-Inclusive-Paradies für alle gebaut und würden jeden willkommen heißen. Irgendwo zwischen unverantwortlichen Hippies und Träumern auf der einen und den verfickten Faschisten auf der anderen Seite muss wohl die Lö­­sung liegen.

Welche Botschaft steckt im Text zu ›Be Careful What You Wish For‹?
Der ganze Song soll meinen Kindern eine möglichst große Portion Lebensweisheit mit auf den Weg geben. Er ist wie ein Brief an die drei. Ich sage darin: Passt auf, wie ihr später leben wollt. Dabei war­ne ich sie so weit es geht vor dem Ruhm und all jenen Begleiterscheinungen, den er mit sich bringt.

Du hast gut reden.
Habe ich wirklich! Das meine ich kein bisschen sarkastisch. Sicher, ich bin seit langer Zeit eine bekannte Persönlichkeit, aber ich konnte immer damit umgehen. Ich kam mit Drogen klar, mit Alkohol, easy, das war nie ein Problem für mich. Aber nicht jeder Mensch ist so wie ich. Und nicht alle meine Kinder werden so sein wie ich, irgendjemand von denen wird das alles nicht so entspannt wegstecken können wie ich. Das Lied ist ein Stück weit eine Warnung.

Deine Tochter Anaïs ist bereits ein gefragtes Model. Findest du das gut?
Die Kinder sollen machen, wozu sie Lust haben. Aber sie sollen auf sich aufpassen. Ich bin gemacht für dieses Leben, war immer saumäßig ehrgeizig und habe ein dickes Fell. Und die Verlockungen, die Drogen, die Partys, das war alles eine Begleiterscheinung meiner er­­folgreichen Arbeit. Von nichts kommt nichts, das soll auch meinen Kindern klar sein.

Ist das eigentlich ein echtes Orchester auf ›The Man Who Built The Moon‹?
Nein, das klingt nur so wie ein echtes Orchester. Wir können das, weil wir echte Genies im Studio sind (lacht).

Besonders funky und glücklich hört sich ›Holy Mountain‹ an, dein Kumpel Paul Weller hat in dem Lied außerdem einen Gastauftritt. Worum geht es in dem Stück?
›Holy Mountain‹ ist mein feministisches Manifest.

Jetzt im Ernst?
Aber ja. Deshalb habe ich mich beim Komponieren dieses Liedes besonders ins Zeug gelegt. ›Holy Mountain‹ musste besonders gut und knackig werden. Weil es meine Verbeugung vor den Frauen ist.

Fortsetzung auf Seite 3