Lebenslinien: Paul Rodgers

Er ist einer der ausdruckstärksten und gefragtesten Sänger der Rockwelt. Mit Bad Company und nicht zuletzt als zwischenzeitlicher Queen-Frontman schrieb Paul Rodgers Musikgeschichte. Aber auch andere Rockgrößen wie The Doors rissen sich einst um das Ausnahmetalent. Jeff Beck und Jimmy Page singen Loblieder auf ihn, und Tony Blair zählt zu seinen größten Fans.

Paul RodgersSeit Ende der sechziger Jahre ist Paul Rodgers nicht mehr wegzudenken aus der Rockmusik-Landschaft. 1970 landete er zusammen mit seiner Band Free und dem Song ›All Right Now‹ seinen ersten internationalen Charterfolg. Die Sieb-ziger waren dann die Hochzeit seiner Erfolgsband Bad Company – und von 2005 bis 2009 unterstützte er Brian May und Roger Taylor bei Queen. Neben vielen Kooperationen und Solo-Alben erfreute mit Sicherheit auch die Reunion von Bad Company im Jahr 2009 die Fans. Dass die alten Herren es immer noch drauf haben, bewiesen sie bei vielen Live-Shows und auf ihrer erst kürzlich erschienen DVD BAD COMPANY – LIVE AT WEMBLEY, das ihr Konzert vom April 2010 im Londoner Wembley Stadion zeigt. Doch Paul Rodgers hat nicht nur eine unverwechselbare Stimme und eine unvergleichliche Karriere vorzuweisen – er kennt auch viele interessante Leute und hat eine Menge zu erzählen.

B.B. King

Als B.B. King seinen Club B.B. King’s Blues Club in New York eröffnete, habe ich mit ihm gejammt. Seinerzeit war das sein erster Club. Ich hatte die große Ehre, mit auf die Bühne zu dürfen. Sie spielten gerade einen Shuffle – wodurch ich unweigerlich an den ersten Song denken musste, den ich damals mit Paul Kossoff ge-spielt habe, als wir gerade die Band Free gegründet hatten. Das war ›Every Day I Have The Blues‹ von B.B. King. Und ich fing also einfach an zu singen: „Every day, every day I have the Blues“. Im Publikum waren vorwiegend Blues-Fans, deswegen erkannten sie den Song sofort und stiegen mit ein. Dann kam B.B. zu mir und fragte, ob ich nicht lieber sein Mikrofon benutzen wolle, da ich in das des Saxofonisten gesungen hatte. Also drückte er mit seins in die Hand, und wir machten weiter. Er ist ein toller Mensch, und der Abend war unvergesslich.

Tony Blair

Ich traf Tony Blair das erste Mal am Tag, bevor die britischen Truppen in den Irak zo-gen. Er kam auf mich zu und sagte, er sei ein großer Fan von mir und vor allem von meinem Song ›Wishing Well‹. Ich bedankte mich und verwies auf den Untertitel des Stücks: „Love In A Peaceful World“. Er sah mich nur etwas verwirrt an und meinte, dass der Song doch ›Wishing Well‹ heiße. Und ich erwiderte: „Ja, aber der Text des Refrains lautet ,Love In A Peaceful World‘“ – und dachte auf einmal: „Verdammt, jetzt bin ich wohl einen Schritt zu weit gegangen.“ Denn unsere Truppen zogen ja am nächsten Tag in den Krieg. Am selben Tag bin ich abends auf dem Parteitag der Labour Party aufgetreten, weil mich Herr Blair darum gebeten hatte. Dort spielten wir auch ›Wishing Well‹. In der Mitte des Songs hörten wir plötzlich auf zu spielen. Genau dort, wo der Text schließlich mit „Love In A Peaceful World“ weitergeht. Und die gesamte Partei sang diese Textzeile immer und immer wieder. Ich stand nur auf der Bühne und dachte darüber nach, wie ironisch dieser Moment doch ist. Heute singen sie vom Frieden und ab morgen sind sie Teil eines Krieges.

The Doors

Ihr Gitarrist Robby Krieger kam vor einiger Zeit zu mir und mein-te, dass sie damals in den 70ern nach England kamen, um mich zu suchen und zu fragen, ob ich nicht ihr neuer Sänger werden möchte. Damals war ich zwar im Land, hatte mich aber sehr zurückgezogen, da zu dieser Zeit viel los war. Wir gründeten Bad Company und hatten damit alle Hände voll zu tun. Krieger und die anderen konnten mich also nicht finden und schoben die Idee beiseite. Als er mir das erzählte, war ich erst einmal sprachlos. Das verblüffte mich einfach. Wenn ich heute zurückblicke, weiß ich auch gar nicht, was ich damals getan hätte. Zu dieser Zeit war ich mehr als beschäftigt. Ich schrieb gerade Songs mit Mick Ralphs, und wir arbeiteten an unserer Vision von Bad Company. Also ist es wohl eher unwahrscheinlich, dass ich damals zugesagt hätte. Aber für mich ist das im Nachhinein immer noch eine große Ehre. Ich meine: Das waren schließlich die Doors.

Jeff Beck

Jeff_Beck_Press_Photo_2Jeff kenne ich schon seit vielen Jahren, und wir haben uns auch immer wieder getroffen. Letztes Jahr wurde ich bei den Awards, die die Kollegen vom britischen CLASSIC ROCK Magazin verleihen, als „Classic Songwriter“ geehrt – und Jeff Beck sollte mir den Preis überreichen. Plötzlich sprang auch Jimmy Page auf die Bühne, und so standen sie beide am Rednerpult. Vor der Show kam Jeff zu mir und sagte, dass er so etwas eigentlich sehr ungern tut, weil er nicht gerne vor Publikum spricht. Er sei es nicht gewohnt, in ein Mikro zu sprechen, sondern Gitarre zu spielen. Als er jedoch mit seiner Rede anfing und merkte, dass es den Leuten gefällt, konnte er auf einmal nicht mehr aufhören. Jimmy stand hinter ihm und versuchte immer wieder, ihm zu verstehen zu geben, dass er auch etwas sagen will. Er kam jedoch einfach nicht zu Wort. Das war eine tolle Nacht.

Bad Company

Hier eine Geschichte aus meinen wilderen Jahren mit Bad Company. An diesem Tag saß ich gerade in unserer Limousine und hatte das erste Mal in meinem Leben Orangenbäume gesehen. Also bat ich den Fahrer, umzudrehen und zu den Bäumen zurückzufahren. Dort pflückte ich dann ein paar Orangen – frisch vom Baum – und wollte sie essen. Also schälte ich die Orangen im Auto und warf die Schalen aus dem Fenster. Als wir dann an der Halle ankamen, in der wir an diesem Abend spielen sollten, hielt ein Auto neben uns. Der Typ darin ließ das Fenster herunter und fragte mich nach meinem Namen. Ich fragte: „Warum? Wer will das wissen?“ Und er sagte nur, dass er mich anzeigen würde, weil ich die Straße verschmutze. Ich sah ihn verwirrt an und argumentierte: „Was ist daran so schlimm? Das ist doch biologisch abbaubar, das schadet doch niemandem.“ Doch er wollte mich trotzdem anzeigen. Aus seinem Mund hing eine Pfeife, und er hatte eine Brille an. Zu dieser Zeit war ich noch sehr rebellisch. Ich habe mich also aus dem Auto gelehnt und gesagt, wenn er mich anzeigen wolle, dann eher deswegen: Ich fegte ihm seine Brille vom Gesicht und schnippte die Pfeife in die andere Richtung. Damals war ich wirklich ein böser kleiner Junge. Danach verschwand ich in der Halle. Kurze Zeit später kam mein Security auf mich zu und meinte, ich solle sofort verschwinden. Ich sagte ihm, dass das nicht geht, da wir mitten im Soundcheck sind. Und er erzählte mir, dass der Typ, mit dem ich mich vorhin gestritten hatte, der Polizeichef der Stadt war. Jetzt war die Po-lizei da, umstellte langsam das Gebäude und wollte mich verhaften.

Also türmten wir durch die Hintertür und fuhren zu unserem Hotel. Ich sollte mich in meinem Hotelzimmer verstecken, aber da gab es kein gutes Versteck. Unter dem Bett oder hinter der Couch hätten sie gleich als erstes nachgesehen. Also öffnete ich das Fenster, riss das Moskitonetz ab, schloss die Vorhänge und hängte mich an das Fenster – im 20. Stock wohlgemerkt. Kurz danach klopfte es an der Tür, und ich hörte sie rufen: „Er muss hier irgendwo sein. Wir kriegen ihn.“ Dann sahen sie aus dem Fenster und da hing ich – aber sie haben mich nicht gesehen. Also sind sie wieder gegangen. Wir mussten dann einen Anwalt engagieren, und es gab viele böse Worte. Letztendlich durften wir dann spielen, mussten aber danach die Stadt verlassen. Das waren meine verrückten Zeiten. So bin ich schon lange nicht mehr. Heute bin ich sehr ruhig, sensibel und lasse die Finger vom Alkohol. (lacht)

Brian May & Roger Taylor

Ich erinnere mich hier besonders an ein Konzert mit ihnen in Kharkov in der Ukraine. Man lud uns ein, auf einem Benefiz-Konzert zu spielen, um auf die Gefahren von AIDS aufmerksam zu machen. Dort ist diese Krankheit immer noch ein großes Problem. Die Bühne war auf dem Platz der Freiheit aufgestellt, einem der größten Plätze Europas. Man hat mir mal erzählt, dass man ihn selbst vom Mond aus sehen kann. Keine Ahnung, ob das stimmt. Auf jeden Fall ist es ein verdammt großer Platz. Es kamen 360.000 Leute, nur um uns zu sehen. Es war kein Festival mit anderen großen Künstlern, nur wir… Genau gegenüber der Bühne stand das Gebäude, in dem früher der KGB seinen Sitz hatte. Das war mal wieder ein sehr ironischer Moment in meinem Leben: Hier stehen wir und spielen Rock’n’Roll für so viele Menschen, und nur einen Steinwurf entfernt steht das alte Gebäude des KGB. Woran ich mich bei diesem Konzert auch noch sehr erinnere, sind die seltsamen Ballons, die über dem Platz schwebten. Ich fragte mich die ganze Zeit, was das sein sollte. Es stellte sich dann heraus, dass das alles Kondome waren, die die Menschen aufgeblasen und in die Höhe gehalten haben. Im Nachhinein kamen wir dann darauf, dass das wohl an einer Aussage von Roger gelegen haben muss. Wir hatten nämlich zuvor einen Fernsehauftritt, in dem wir sagten, dass man sich beim Sex mit Kondomen schützen soll. Während des Konzerts sagte Roger dann zu den Leuten: „Ja, das sollt ihr auf jeden Fall machen. Wir selbst tragen immer welche. Selbst in diesem Moment.“ Ich stand nur da und musste lachen.

Nelson Mandela

Ich spielte 2008 mit Queen auf dem Konzert zu seinem 90. Geburtstag. Damals hatten wir auch die große Ehre, ihn kennen lernen zu dürfen. Wir sind schon etwas früher nach Südafrika gereist und durften etwas Zeit mit ihm verbringen. Dieser Mann hat eine unglaubliche Aura. Überall wo er hingeht, wird er empfangen wie ein Heiliger. Die Leute lächeln und springen vor Freude in die Luft, wenn sie ihn sehen. Es war eine große Ehre für mich, dass er sich die Zeit nahm, um sich mit uns zu unterhalten – von Mensch zu Mensch. Wir haben über alles mögliche miteinander gesprochen. Er ist ein wunderbarer Mensch. Eine Ikone des Friedens.

Levi Stubbs

Das ist jetzt eine sehr rührende Geschichte. Die Four Tops feierten ihr 50. Jubiläum und luden mich ein, mit ihnen zu spielen. Ihr Sänger Levi Stubbs hatte kurz davor einen Schlaganfall und konnte deswegen nicht auftreten. Aber er kam zur Show. Nach der Show gab es ein kleines Treffen. Wir standen so zusammen, und dann kam Levi zu uns. Er saß in einem Rollstuhl und hatte dieses unglaublich tolle glitzernde Outfit an, das perfekt zu den Outfits der anderen Four Tops passte. Auf einmal standen nur noch Levi und ich da, und ich wusste nicht, was ich sa-gen sollte. Er war geistig zwar völlig da, konnte sich aber kaum bewegen und nicht sprechen. Also sah ich ihm in die Augen und sang „The long and winding road that leads to your door“ vom Song ›The Long And Winding Road‹. Danach sah ich ihn an und meinte: „Du hast davon doch einmal eine Version gesungen.“ Er konnte nichts sagen, aber seine Augen sagten: „Ja, bitte sing weiter!“ Also habe ich weitergesungen. Das war ein wunderschöner Moment.

Bryan Adams

Bryan AdamsBryan ist ein wirklich netter kanadischer Bursche. Er hat den Song ›Nature Of The Beast‹ für das Album THE LAW von 1991 für mich geschrieben. Damals haben wir uns kennengelernt. Wir haben uns in Vancouver ein Oasis-Konzert zusammen an-gesehen und vegetarisch gegessen. Er hat immer seinen eigenen Koch dabei, da er sich streng vegetarisch ernährt. Er hat ein wirklich cooles Studio in Vancouver, es nennt sich „The Warehou-se“ – dort haben wir auch zusammen gefuttert.