Lebenslinien: Gary Moore

Gary Moore (2)Freunde und Kollegen haben Gary Moore als begnadeten Gitarristen und feierfreudigen Zeitgenossen in Erinnerung, der ihnen in vielerlei Hinsicht ein Vorbild, manchen sogar ein Idol war. Doch auch Moore selbst blickte zu anderen Musikern auf, wie er wenige Monate vor seinem Tod noch im CLASSIC ROCK-Gespräch über seine Begegnungen mit anderen Rock-Persönlichkeiten berichtete.

Am Ende dieses Interviews sagt Gary Moore: „Das war’s dann wohl mit meiner Autobiografie. Ich habe jetzt schon alle guten Stories verraten. Die Mühe kann ich mir also sparen.“ Dass er nicht mehr dazu kommen würde, all seine Erinnerungen aufzuschreiben und in einem Buch zu veröffentlichen, konnte zu diesem Zeitpunkt niemand ahnen. Heute sind seine Aussagen umso wertvoller – denn Moore liefert nicht nur Anekdoten über seine Begegnungen mit Rock-Größen wie Phil Lynott, Keith Richards oder Ozzy Osbourne, sondern gibt auch Einblick in sein Privatleben, denn er offenbart seine Denkweise und sein Verhalten gegenüber den eigenen Idolen.

George Harrison

Ich war elf Jahre alt, als ich die Beatles in meiner Heimatstadt Belfast live gesehen habe. Die Mädchen um mich herum schrien wie verrückt, doch ich nahm davon keine Notiz. Schließlich war ich damit beschäftigt, die ganze Zeit wie ein Wilder auf- und abzuspringen, da ich aufgrund meiner geringen Körpergröße sonst überhaupt nichts gesehen hätte. Ich erinnere mich auch noch gut an den Auftritt der Beatles bei der TV-Show „Sunday Night At The London Palladium“. Ich wollte unbedingt ›Help!‹ auf der Gitarre lernen und schaute George Harrison auf die Finger. Aber an diesem Abend spielte er etwas völlig Krudes.

Einige Jahre später zog ich nach Henley-On-Thames und traf dort George das erste Mal – nämlich bei Alvin Lee von Ten Years After zu Hause. Wir ver-standen uns gut, und so ergab es sich, dass ich ihn öfter besuchte. Außerdem bot er mir an, beim Traveling Wilburys-Song ›She’s My Baby‹ mitzuwirken. Ich dachte, dass mein Part nie veröffentlicht werden würde – doch als ich wenig später in den Staaten war, lief der Track im Radio rauf und runter.

George liebte es, die Leute zu ärgern. Einmal unterhielten wir uns über Eric Clapton. Ich war total sauer, weil ich ihn in der „South Bank Show“ gesehen hatte und er sich dort aufführte, als wäre er der größte Gitarrist aller Zeiten, auf einer Augenhöhe mit Jimi Hendrix. George meinte daraufhin nur: „Aber er ist doch auch besser als Hendrix, schließlich hat er mehr zu bieten als nur ein kurzes, wildes Aufbäumen.“ Das passte mir gar nicht, und wir gerieten ziemlich aneinander. Doch damit nicht genug. Als wir später über Blues diskutierten, behauptete Harrison: „BB King ist kein Blueser, er macht Pop.“ Ich war außer mir und antwortete: „Ich verpisse mich. Sofort.“ Wutentbrannt stand ich auf und rannte zu meinem Auto. Er kam hinter mir her, um sich zu entschuldigen, und mir tat die Sache auch ziemlich leid. Doch George war ein Sturkopf, der unbedingt das letzte Wort haben musste. Also setzte er nach: „Im Vergleich zu Ravi Shankar können sie ohnehin beide nichts.“

Albert King

Da ich Blues liebe, wollte ich eine Version von ›Oh, Pretty Woman‹ aufnehmen, was Albert ja bereits während seiner Zeit bei Stax Records getan hatte. Er hörte davon und ließ anfragen, ob er mitspielen dürfte. Natürlich, was für eine Frage. Ich hatte jedoch Bammel, denn es gab eine Zeile in seiner Version, die ich nicht richtig verstand. Es klang nach „She’s The Rising Sun“, aber ich war nicht sicher. Schon vor Kings Besuch im Studio beschlich mich ein komisches Gefühl, dass ich mich mit dieser Sache in die Nesseln setzen würde. Und genug so war es dann auch. King kam rein und sagte in ruppigem Ton: „Lass mich das Tape hören!“ Da saß er dann, mit gespreizten Beinen und blütenweißem Anzug, und er lauschte aufmerksam, wobei er keinerlei Zweifel aufkommen ließ, wer hier die Autoritätsperson im Raum war: er nämlich. Als schließlich besagte Zeile im Lied kam, sprang er auf und schrie mich an: „Halt sofort das Tape an! Das ist falsch! Es heißt: ‚Sure Is The One‘!“ Ich antwortete zerknirscht: „Tut mir wirklich leid, Albert. Ich konnte es nicht richtig verstehen.“ Er darauf: „Aber es ist so drauf, nicht anders.“

Von diesem Zeitpunkt an verhielt er sich mir gegenüber stets wie ein Schuldirektor. Ständig verbesserte er mich. Und zwar bis zu dem Tag, an dem er im Studio stand und ein Feuerzeug suchte. Er kramte herum, und irgend-etwas fiel klackernd auf den Boden. Ich sah nach unten – und sah etliche Patronenhülsen wegrollen. Ich fragte ihn entsetzt: „Albert, was zu Geier soll das denn?“ Er sagte nichts, sondern zog eine Visitenkarte aus seiner Jackentasche. Darauf stand: „Hilfssheriff“. Die Grenzbeamten hatten ihn nur aufgrund dieses „Jobs“ mit einer Knarre und einer ganzen Ladung Munition an Bord der Concorde gelassen! Er transportierte die Waffe einfach im Case seiner Flying V-Gitarre. Und er unterbreitete mir auch ein Angebot: „Wenn du je Probleme hast, dann ruf mich an!“

Ozzy Osbourne
ozzy

Während eines New York-Trips traf ich Ozzy in einem Hotel, und er lud mich zum Dinner ein. Außer mir und ihm waren noch Sharon und Bassist Bob Daisley dabei. Wir aßen in einem kleinen Restaurant, es war sehr nett. Nur Ozzy tanzte komplett aus der Reihe. Er hatte einen kanariengelben Hosenanzug an und riss einen Witz nach dem anderen. Plötzlich sah er mich an und sagte: „Gary, pass mal auf!“ Dann schnappte er sich ein Bierglas, stülpte es sich über den Mund und sog so lange die Luft ein, bis ihm die Adern im Gesicht platzten. Doch damit nicht genug: Er stopfte sich massenweise Toilettenpapier hinter seiner Unterlippe und hatte so binnen Sekunden Roddy Mc-Dowalls „Planet der Affen“-Look. Weltklasse! Später kam ein anderer Gast zu uns an den Tisch und bat ihn, ›Over The Mountain‹ zu singen. Ozzy sagte: „Sicher, aber nur, wenn du mir einen Drink dafür spendierst!“ Dann legte er los – und in einer Lautstärke, dass man ihn auch noch drei Straßen weiter gehört haben muss. So laut wie er singen nur sehr, sehr wenige. Auf dem Rückweg liefen wir schließlich am Carnegie Hotel vorbei, wo sich jede Menge Leute versammelt hatten. Ozzy warf sich der Länge nach auf den Gehsteig und zeigte mit dem Finger auf Sharon, die zu diesem Zeitpunkt im sechsten Monat schwanger war. „Diese Frau hat mich mit Aids angesteckt“, schrie er hysterisch. Er musste einfach maßlos über die Stränge schlagen, benahm sich wie ein überdrehtes Kind.

Rory Gallagher

Ich lernte Rory kennen, als ich 14 war. Er hatte gerade seinen Umzug nach Belfast hinter sich gebracht und suchte neue Bekanntschaften. Ich war deutlich jünger als er, aber das machte ihm nichts aus. Er nahm mich unter seine Fittiche. Rory war einer der ehrlichsten, nettesten und aufrichtigsten Menschen, die ich kenne. Als ich ihn das letzte Mal traf, das war einige Monate vor seinem Tod (im Jahr 1995 – Anm.d.Red.), lebte er im Conrad Hotel im Londoner Stadtteil Chelsea Harbour. Er saß an der Bar und trank Bailey’s aus Biergläsern. Wir gingen schließlich auf sein Zimmer, und er zeigte mir seine imposante Gitarrensammlung. Ich spielte ihm das BBM-Album vor – und er war total hin und weg. Ein wunderbarer Abend. Als ich ging, umarmte ich ihn und sagte: „Ich liebe dich, Mann!“ Danach haben wir uns nie wiedergesehen. Aber ich bin froh, dass ich Teil seines Lebens sein durfte.