Lebenslinien: Blackie Lawless

Blackie Lawless (2)Obwohl er auf der Bühne immer den harten Mann raushängen lässt, ist Blackie Lawless ein überaus umgänglicher und geselliger Zeitgenosse. Zwar erkennt er seine eigenen Idole nicht mal, wenn sie direkt neben ihm sitzen, dafür ist er sich aber nicht zu schade, Lemmy beim Trinken die Flausen auszutreiben oder sich als „Terminator“ zu bewerben.

Als W.A.S.P. im Jahr 1982 erstmals auf der großen Bühne des Rock’n’Roll auftauchten, verspotteten viele Fans Frontmann Blackie Lawless. Er galt vielen als lächerliche Figur, die mit Fleischbrocken um sich warf, einen Hosenlatz als cooles Accessoire ansah und noch dazu hemmungslos herumhurte. Die meisten Fans dachten daher, dass W.A.S.P. – wie so viele andere Bands in dieser Zeit – nur ein zunächst wild loderndes, insgesamt jedoch harmloses Strohfeuer sein würden. Weit gefehlt. 30 Jahre später tourt Blackie immer noch um die Welt, momentan promotet er sein aktuelles Album BABYLON. Die Folterinstrumente und die rohen Tierteile gehören längst der Vergangenheit an, ebenso wie alle anderen Gründungsmitglieder neben Steven Edward Duren, wie Lawless mit bürgerlichem Namen heißt. Doch Blackie macht das nichts aus, er blickt nicht zurück, sondern nach vorn: Seit 2007 hat er immerhin zwei Studioalben veröffentlicht: Vor BABYLON erschien DOMINATOR. Und selbst wenn wohl die meisten Anhänger THE CRIMSON IDOL nach wie vor als den Höhepunkt von W.A.S.P.s kreativer Karriere bezeichen würden, so steht doch fest, dass Blackie Lawless noch jede Menge Benzin im Tank zu haben scheint, um die Rock-Flammen weiter lodern zu lassen…

ACE FREHLEY

Wir sind seit unserer Jugend befreundet. Ace hat mir gezeigt, wie man gratis zu einem Konzert kommt. Man muss nur nachmittags auftauchen, den Roadies bei der Aufbauarbeit helfen – und schon ist man drin. Zumindest damals lief das so, heute gibt es viel strengere Security-Maßnahmen. Er hat diesen Trick übrigens von Jimi Hendrix gelernt. Jedenfalls war ich mit Feuer und Flamme bei der Sache – und so konnte ich kurze Zeit später hautnah miterleben, wie Kiss gegründet wurden und über Nacht zu Ruhm und Ehren kamen.

ALICE COOPER

Etwa zur selben Zeit konnte ich Alice Cooper das erste Mal live erleben – das muss die KILLER-Tour gewesen sein. Und ich war hautnah dabei, stand gerade mal zwei Meter vom Galgen entfernt! So konnte ich alles genau beobachten und sah auch, wie der Trick funktionierte. Mehr noch: Ich, der kleine 16-Jährige, durfte dem Großmeister über die Schulter schauen! Das war so, als würde man in einer Betriebsanleitung blättern – plötzlich verstand ich, wie ich die Sache mit dem Rock’n’Roll anpacken musste, um Erfolg zu haben.

NEW YORK DOLLS

Als ich für Johnny Thunders zu der Band kam, war ich noch wahnsinnig jung, gerade mal 19 geworden. Und ich spielte auch nur einige wenige Gigs mit den Dolls. Das Ganze war eine krasse Erfahrung. Ich konnte es kaum glauben, was um mich herum passierte. Da versuchten fünf Kerle, genauso drauf zu sein wie Jim Morrison – und hatten damit auch noch Erfolg. Mit Arthur Kane verband mich eine enge Freundschaft, und ich respektierte ihn auch als Musiker. Er hatte mehr drauf, als die meisten Leute vermuten würden. Aber sein exzessiver Alkoholkonsum überschattete dies häufig. Wenn ich mich heute an meine Zeit bei den New York Dolls zurückerinnere, denke ich eigentlich meistens an die Erlebnisse mit Arthur, da sind wirklich einige krasse Sachen passiert. Ansonsten ist die Phase für mich gar nicht so wichtig gewesen, wie im Nachhinein von vielen behauptet wurde. Der größte Schritt kam erst danach, als ich mit Arthur von der Ost- an die Westküste umzog…

BASEBALL

Es gibt Momente im Leben, in denen man innehält und sich fragt, was wohl gewesen wäre, wenn man zu einem bestimmten Zeitpunkt einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Ich habe mal eine Zeitlang bei den Cincinnati Reds gespielt, allerdings nicht in der Topliga. Doch einige der Jungs, mit denen ich damals im Team war, sind bis ganz nach oben aufgestiegen. Daher versetzt es mir noch immer einen kleinen Stich ins Herz, wenn die „World Series“ starten. Allerdings ist keiner meiner Kollegen von früher heute noch aktiv dabei – ich hingegen rockte immer noch um die Welt. Also scheine ich wohl doch die richtige Entscheidung getroffen zu haben…

GENE SIMMONS

Gene hat mir zu Beginn meiner Karriere etliche gute Ratschläge gegeben, er war ein Mentor für mich. Wir lernten uns durch ein Telefongespräch kennen. Ich rief Ace auf Tournee an, doch nicht er ging ran, sondern Gene. Er plauderte sofort drauflos – und kam schließlich auf meine Band zu sprechen. Ich hatte damals total die Schnauze voll und wollte alles hinwerfen. Doch er riet mir: „Mach weiter! Du hast das gewisse Etwas, also lass dich nicht unterkriegen. Die Typen, mit denen du zusammenspielst, sind allerdings nichts weiter als ein Haufen Versager. Schmeiß sie raus!“ Nach dem Gespräch fühlte ich mich befreit und war voller Tatendrang. Ein paar Wochen später kam dann der Anruf von den New York Dolls…

VILLAGE PEOPLE

Die Band drehte 1980 den Film CAN’T STOP THE MUSIC. Das war vor meiner Zeit mit W.A.S.P., und ich hatte keinen Cent in der Tasche. Also ging ich mit Randy Piper und ein paar anderen Typen, mit denen wir Musik machten, zu dem Dreh – Randy hatte die Sache vorher mit dem Produzenten Allan Carr klar gemacht. Allan war damals ziemlich angesagt, schließlich hatte er mit GREASE einen Mega-Erfolg vorzuweisen. Nun, jedenfalls wollte er nun mit dem Leichtathleten Bruce Jenner und den Village People einen Film drehen. Dazu brauchte er wohl auch noch ein paar Leute, die wie typische Metaller aussahen. Da kamen wir gerade recht. Wir zogen ein paar coole Klamotten aus dem Schrank und dressten uns ein wenig auf – ganz so, als würden wir abends in einen Rock-Club gehen. Das gefiel Allan. Er sagte: „Ich liebe die Kostüme, die ihr euch ausgesucht habt!“ Ich starrte ihn an und antwortete: „Das sind keine Kostüme!“ Er wurde leichenblass, als er das hörte. Aber schließlich war es die Wahrheit: Wir liefen immer so rum, wenn wir ausrocken wollten!

KEN HENSLEY

Vor der HEADLESS CHILDREN-Session las ich in einer Anzeige, dass jemand eine Hammond B3-Orgel verkaufen wollte. Ich hatte nicht viel Ahnung von dem Instrument, klimperte normalerweise einfach nur so vor mich hin. Dennoch war ich interessiert daran, mir so ein Ding zuzulegen. Der Typ, der die Hammond loswerden wollte, hieß Ken. Und er lud mich zu sich nach Hause ein, damit ich einen Blick auf das gute Stück werfen konnte. Wir stiegen also in meinen Truck und fuhren los. Ich fing an, munter drauflos zu quatschen und plapperte irgendwas von einer Platte, die ich vor ein paar Jahren gemacht hatte und so weiter. Er meinte darauf nur ganz beiläufig: „Ja, ich verstehe, was du meinst. Etwas Ähnliches ist mir passiert, als ich vor ein paar Jahren dieses Album namens DEMONS AND WIZARDS aufgenommen habe…“ Ich habe keine Ahnung, wie seine Ausführungen nach diesem Satz weitergegangen sind, denn ich war wie vom Donner gerührt. Erst in diesem Moment wurde mir klar, dass ich neben dem Idol meiner Jugend saß, denn besagte Platte hatte ich mir als Teenager gekauft. Unglaublich! Heute sind Ken und ich übrigens gute Freunde…

FRANK ZAPPA

Zu der Zeit, in der das „Parents Music Resource Center“ mir und anderen Bands das Leben mit ihrem Zensur-Mist schwer machte, war Frank so etwas wie unser Schutzschild. Denn er hatte schon in den Sechzigern mit denselben Problemen zu kämpfen gehabt und wusste genau, wie diese Leute ticken. Es ging ihnen nicht darum, Jugendliche vor etwas Böses zu bewahren – nein, sie wollten selbst Karriere machen, das war ihr eigentliches Ziel. Frank wusste das. Wir hingegen hatten anfangs keinen blassen Schimmer, wie wir auf die Anschuldigungen reagieren sollten, das war etwas völig Neues für uns. Erst später wurde mir klar, dass Zappa den Weg für uns geebnet hatte, indem er all den Dreck, mit dem er beworfen wurde, auf sich nahm, sich dadurch aber keinen Millimeter von seinem Weg abbringen ließ. Ein Jahr vor seinem Tod bin ich ihm begegnet und konnte mich endlich persönlich dafür bedanken. Er reagierte sehr freundlich und bescheiden, zuckte nur mit den Schultern und sagte: „Hey, ich habe einfach nur meinen Job gemacht!“

ARNOLD SCHWARZENEGGER

Als wir gerade mit den Aufnahmen zu THE CRIMSON IDOL begonnen hatten, bekam ich einen Anruf von meiner Agentin. Sie sagte, dass mich James Cameron und Arnold Schwarzenegger gerne zu einem Gespräch einladen möchten. Ich glaube, Arnold hatte das ›Scream Until You Like It‹-Video gesehen, in dem ich mich auch ein wenig als Schauspieler versucht hatte. Nun, jedenfalls ging ich zu dem Meeting, und es stellte sich heraus, dass die beiden mich gerne als T-1000-Terminator besetzen wollten. Ich hatte den ersten „Terminator“-Film gesehen, mochte ihn allerdings nicht besonders, also antwortete ich: „Lasst mich ein wenig darüber nachdenken. Ich melde mich dann bei euch.“ 30 Minuten später war mir klar, dass ich mir so eine Chance nicht entgehen lassen konnte, und machte einen Casting-Termin aus. Da ich Arnold schon etliche Male bei Partys in Hollywood getroffen hatte, wusste ich, dass er ein wenig empfindlich war, was seine Körpergröße angeht. Daher fragte ich den Typ, der fürs Casting zuständig war: „Ist dir klar, dass ich Arnie um einiges überrage?“ Er meinte darauf nur trocken: „Ist kein Problem. Du musst dich ja schließlich nicht runterbeugen, um deinen Text abzulesen…“ Den Job habe ich dennoch nicht bekommen, stattdessen bekam Robert Patrick den Zuschlag. Ein Jahr, nachdem der Film in die Kinos kam, traf ich Robert und erzählte ihm, dass ich eigentlich für die Rolle vorgesehen war. Er sah mich nur lange an und sagte dann grinsend: „Verdammte Axt! Du siehst wirklich aus wie er!“ Im ersten Entwurf des Drehbuchs sollte wohl ein Typ den Terminator spielen, der wie eine Mischung aus einem Wrestler und einem langhaarigen Barbaren aussah…

PETE TOWNSHEND

Ich habe ihn immer dafür bewundert, dass es ihm so leicht fiel, Songs zu schreiben. Zumindest sah es aus meiner Warte danach aus. Doch als ich Pete seine Gold-Auszeichnung für THE HEADLESS CHILDREN überreichte – er hatte darauf den Song ›The Real Me‹ komponiert – sprachen wir darüber, und er sagte nur lachend: „Das stimmt überhaupt nicht! Ich muss um jede einzelne Note kämpfen, denn ich bin noch nie einer von diesen Typen gewesen, die vor Kreativität strotzen und denen alles zufliegt!“ Das hat mir eine Menge Mut gemacht, als ich mit der Arbeit an THE CRIMSON IDOL begann. Ich wusste nun, dass ich einfach weitermachen musste, auch wenn es oft so aussah, als würde kein Weg aus der Sackgasse herausführen, in der ich mich gerade befand.

MUHAMMAD ALI

Neben meinem Vater ist Muhammad Ali mein wohl größtes Vorbild. Ich habe von ihm gelernt, dass man den Schritt von „gut“ zu „außergewöhnlich“ nur dann schafft, wenn man größten Wert auf die Details legt. Wenn man an ein Projekt herangeht, ist es relativ einfach, den größten Berg Arbeit wegzuschaufeln. Rund 90 Prozent kann man in kurzer Zeit erledigen. Doch die verbleibenden zehn Prozent sind der Knackpunkt. Um sie zu erledigen, muss man zehn Mal mehr Energie aufwenden als für die ersten 90 Prozent. Daher geben viele Menschen dann auf, weil ihnen das Ganze über den Kopf zu wachsen droht und sie keinen klaren Gedanken mehr fassen können. Dann ist der Moment gekommen, an dem man sich zurücklehnen und an Pete Townshend oder Muhammad Ali denken sollte – sie hätten nicht aufgegeben, sondern zielstrebig weitergemacht. Genau das ist der richtige Weg zum Erfolg.

NIKKI SIXX

Anfang der Achtziger war Nikki für mich wie ein Bruder. Heute sehen wir uns zwar noch ab und zu, aber es ist nicht mehr wie früher. Uns ist es so ergangen wie vielen Leuten, die während der Schulzeit eng befreundet sind, sich aber nach dem Abschluss aus den Augen verlieren, weil sie ein neues, erwachseneres Leben beginnen. Der Wendepunkt in unserer Beziehung kam, als wir beide einen Plattenvertrag unterschrieben haben.

LEMMY KILMISTER

Ich liebe Lemmy! Wir hatten zwar auch schon unsere Differenzen, denn ich wollte einmal etwas von ihm, das er mir partout nicht geben wollte – aber das passiert wohl in jeder guten Beziehung (lacht). Generell ist Lemmy aber ein wesentlich sensiblerer Mensch, als die meisten Leuten vermuten würde. Ich erinnere mich an einen Abend, es muss rund 15 Jahre her sein, an dem wir ausgegangen sind und uns einige Drinks genehmigt haben. Lemmy fing plötzlich an, wehleidig zu werden und beschwerte sich darüber, dass ihm von anderen Leuten nicht genug Respekt entgegen gebracht würde. Ich sagte zu ihm: „Davon will ich nichts hören! Du bist so etwas wie der Pate der Rock-Szene, und nun sitzt du hier vor mir und beklagst dich darüber, dass dich die Leute nicht genug bewundern? Wenn du jetzt von mir Mitleid erwartest, hast du dich geschnitten. Das kannst du dir ganz schnell abschminken!“ Er nickte und verlor kein weiteres Wort darüber. Und heute? Heute ist Lemmy berühmter als je zuvor in seiner Karriere. Es scheint, als hätte die Welt endlich verstanden, dass er der Größte ist.