Lebenslinien: Albert Hammond

_Favourit_Albert Hammond 3Er hat Millionen Platten verkauft, Dutzende Hits geschrieben und mit vielen interessanten Persönlichkeiten zusammengearbeitet – aber verklagt hat Albert noch nie jemanden!

Ein Mann im Reinen mit sich selbst. Albert Hammond weiß, dass sein Leben ein glückliches ist. Nicht nur, weil der Junge aus Gibraltar in den 70ern eine Handvoll Welthits wie ›It Never Rains In Southern California‹ und ›The Free Electric Band‹ landen konnte. Den Großteil seiner Erfolge feierte Hammond hinter den Kulissen: Ob in den 70ern für Leo Sayer, The Hollies und Elton John, oder in den 80ern für Tina Turner, Whitney Houston, Starship und Joe Cocker: Unzählige Hits stammen aus seiner Feder. Mit LEGEND II hat der Veteran unlängst eine zweite Sammlung seiner Greatest Hits neu aufgenommen, im Mai steht eine Deutschlandtour an.
Sorgen, dass dieses Programm den 69-Jährigen strapazieren könnte, muss man nicht haben. Auch am Ende eines langen Interviewtages ist er noch fit wie ein Turnschuh und überzieht die geplante Interviewzeit gerne, um über Partner aus Musik, Business und Leben zu plaudern.

Mike Hazelwood

Mein erster Songwriting-Partner, ich traf ihn 1964. Ich arbeitete tagsüber als Kellner im Grosvenor Hotel, abends sang ich dort mit dem Sydney Lipton Orchestra. Mike hatte schon einen Vertrag als Songwriter, und zwar bei Radio Luxemburg. Als ich ihm erzählte, dass ich auch Songs schreibe, blieb er, um sich die Show anzugucken. Von da an kam er täglich – fürs kostenlose Essen! Ich war schließlich Kellner, ich konnte umsonst essen, also habe ich mit ihm geteilt. Wir fingen an, gemeinsam Songs zu schreiben, so einfach war das. Unseren ersten Hit landeten wir 1968, ›Little Arrows‹ von Leapy Lee. Zehn Millionen Singles wurden verkauft! Denn erstens verkaufte man damals noch richtig Platten, zweitens wurde der Song in vielen verschiedenen Versionen aufgenommen. Caterina Valente sang ihn auf deutsch, Richard Anthony auf französisch, Carina auf spanisch.

Damals waren Songwriting-Teams noch echte Partner. Wenn ich trotzdem mal mit jemand anderem schrieb, gab ich Mike immer einen Anteil ab. Heute ist das ganz anders. Du schreibst einen Song mit jemandem, und hinterher rechnet er dir vor: „Ich habe aber 60 Prozent geschrieben, du nur 40!“ Sonderbare Gespräche sind das. Ich teile immer 50/50, auch wenn ich denke, 80 Prozent kamen von mir.

Clive Davis

Mit unseren Hits waren Mike und ich schnell die Stars bei unserem Verlag. Es gab eine Woche, da waren drei Songs der UK-Top 20 von uns. Ich suchte eine neue Herausforderung, also sagte ich zu Mike: „Lass uns in die Staaten gehen.“ Wir mussten bei Null anfangen und taten uns eine Weile ziemlich schwer. Denn wenn wir bei den Labelbossen vorspielten, hieß es: „Schön und gut, dass ihr Hits gelandet habt. Aber das interessiert uns nicht, das war gestern. Wir wollen eure Hits von morgen hören!“

Clive Davis war der, der uns eine Chance gab. Ich spielte ihm mein Set vor, und er fragte: „War das alles?“ Ich sagte: „Naja, einen fertigen Song habe ich noch, aber der ist wohl nicht gut. Ich habe ihn schon den Seekers vorgespielt, Glen Campbell und anderen, aber keiner mochte ihn.“ Clive ermunterte mich: „Spiel ihn trotzdem.“ Also sang ich ihm ›It Never Rains In Southern California‹ vor. Er sagte sofort: „Albert, das wird der Titelsong deines Albums. Das wird dein größter Hit!“ Clive Davis kann einen Hit sofort erkennen. Ich kann das nicht. Auch die Labels können sich irren. 1974 nahm ich ein Soloalbum auf, unter den Songs waren ›When I Need You‹, ›To All The Girls I’ve Loved Before‹, ›99 Miles From LA‹ und ›Moonlight Lady‹. Aber ich lieferte Epic die Bänder ab und bekam den Anruf: „Wir können keinen Hit hören, wir werden die Platte nicht veröffentlichen.“ Nun gut, dachte ich, dann schicke ich wenigstens die Songs an andere Leute. ›When I Need You‹ ging an den Producer Richard Perry. Er machte daraus mit Leo Sayer dessen größten Hit. ›99 Miles…‹ wurde von Johnny Mathis und Art Garfunkel gecovert, ›To All The Girls…‹ und ›Moonlight Lady‹ wurden Erfolge für Julio Iglesias. Das Album, das angeblich keinen Hit hatte, hatte am Ende vier! Diese vier Hits hätten meine Hits sein können, aber es kam eben anders. Mir wurde klar, dass es letztlich nichts ausmacht, wenn ich nicht selbst der Interpret bin. Hauptsache, der Song erhält seine Chance.

Phil Everly

So viele Leute haben meine Songs nachgespielt – oft ohne mein Wissen! Phil Everly machte 1973 ein Soloalben, er schrieb alle Lieder darauf selbst außer ›The Air That I Breathe‹. Das pickte er von meinem Soloalbum. Dann schickte er seine Platte an die Hollies, denn er wusste, sie waren Fans der Everly Brothers – mit der Bitte, einen der Songs zu covern. Welchen nahmen sie? Ausgerechnet meinen! Immer, wenn ich Phil danach im Studio traf, schimpfte er! „Du Hurensohn, ich hätte es wissen müssen!“

Johnny Cash

Die CBS veranstaltete in Los Angeles ein Konzert mit ihren Künstlern. Springsteen war da, Neil Diamond, Johnny Cash, Willie Nelson, Simon & Garfunkel… und ich auch.

Ich habe also mein Set absolviert und sitze backstage… und Johnny Cash kommt vorbei, ganz in schwarz, wie man sich das vorstellt. Er setzt sich zu mir und fragt: „Junge, hast du auch einen Song für mich?“
Es war wohl die Zeit, in der er zu Jesus gefunden hatte, nach all den Drogen- und Gefängnis-Geschichten. Ich sagte sofort: „Ja!“, denn mir kam ein alter Song in den Kopf, den ich schon in den 60ern mit Mike Hazelwood geschrieben hatte: ›Praise The Lord And Pass The Soup‹. Ich fand in dem Moment, er würde perfekt für Johnny passen. Ich habe ihm den Song also vorgespielt – und er verliebte sich in ihn. Er sagte: „Möchtest du zu mir nach Nashville kommen und den Song produzieren?“ Solche Dinge passierten mir einfach!

Roy Orbison

Oh, Roy! Einer meiner liebsten Menschen auf der ganzen Welt! Wir waren sehr gute Freunde und wir unternahmen viel miteinander. Ich hatte ein Boot im Yachthafen, 50 Fuß lang, und darin hatte ich ein kleines Studio. Manchmal kamen auch Diane Warren und John Bettis, um dort zu schreiben. Auch Roy kam sehr gerne, denn zu Hause durfte er nicht rauchen. Er rief dann an: „Albert, können wir aufs Boot?“, und ich wusste schon, was er wollte – eine Zigarette! Also holte ich ihn ab, wir führen zur Marina und verbrachten den Vormittag in der Sonne, auf dem Boot, sahen den anderen Booten zu, es war wundervoll.

Ich weiß noch, wie ich ihn zum Flughafen brachte. Kurz darauf starb er dann. Manchmal brachte ich ihn freitags zum Airport, er besuchte dann seine Mutter in Tennessee. Auch an jenem Freitag – und dann sah ich ihn nie wieder. Ach je, all die Guten, sie verlassen uns. Ich hoffe, ich bleibe noch ein bisschen.

Radiohead

Endlich kann ich es klarstellen! Ich habe Radiohead nicht verklagt! Ich habe noch nie irgendjemanden verklagt! Ich bin doch selbst Songwriter! Ich weiß doch am besten, dass man von etwas unbewusst inspiriert worden sein kann und das nie bemerkt hat. Das ist sogar George Harrison passiert – und glaubst du im Ernst, George Harrison würde einen Song von jemand anderem klauen wollen? Er war ein Beatle! Er brauchte das Geld nicht, er brauchte gar nichts! Warum würde er sich all den Ärger antun, durch den er durch musste? Er hat es einfach nicht bemerkt!
Nun bin ich allerdings nicht der Verleger von ›The Air That I Breathe‹. Da gibt es einen Verlag – und der hat geklagt. Ich hatte damit nichts zu tun! In der Tat, heute bekommen Mike Hazelwoods Erben und ich ein Drittel von ›Creep‹. Aber – ich habe nie darum gebeten. Es gibt eben dieses Gesetz. Und Radiohead haben zugestimmt. Aber ich könnte doch nie von mir behaupten, ich hätte ›Creep‹ geschrieben! Habe ich nicht. Ich schrieb ›The Air That I Breathe‹. Und wenn ›Creep‹ wie ›The Air That I Breathe‹ klingt – nun denn.

Auch ich bin oft verklagt worden. Und manchmal musste auch ich einen Anteil abtreten, na gut. Ich weiß, dass ich trotzdem nie etwas bewusst gestohlen habe.

Leider habe ich Radiohead noch nie getroffen. Wenn ich die Chance je erhalte, werde ich ihnen das Gleiche sagen, das ich dir sagte: Ich weiß, dass sie nie und nimmer bewusst geklaut haben bei ›The Air That I Breathe‹, sondern dass das höchstens unbewusst passiert ist – und damit habe ich überhaupt kein Problem. Ich liebe Radiohead! Sie sind keine kommerzielle Band, aber eine, die innovativ ist. Sie inspirieren mich. Wenn ich sie höre, werde ich innerlich aufgewühlt. Wie früher, wenn ich John Lennon hörte. Oder Buddy Holly.

Albert Hammond Jr. (The Strokes)

Albert wurde 1980 geboren. Und deshalb entschied ich damals, nicht mehr aufzutreten und keine Platten mehr aufzunehmen. Denn ich hatte meinen anderen zwei Kindern nicht die Zeit zukommen lassen, die ein Vater seinem Kind widmen sollte. Weil ich immer auf Achse war und mir die Karriere zu wichtig war. Also machte ich damals meine letzte Platte, sie hieß SOMEWHERE IN AMERICA, danach sagte ich: „Das war’s, ich bleibe zu Hause. Jetzt produziere und schreibe ich nur noch.“ Und das war eine tolle Sache für mich. Meinen Sohn beim Aufwachsen zu beobachten. Morgens mit ihm aufzustehen, zu frühstücken, ihn in die Schule zu bringen. Das war wundervoll.
30 Jahre vergehen, und heute sehe ich ihn selbst auf der Bühne! Mit seiner Band! Und ich denke mir: „Wow! Genau das habe ich für dich aufgegeben!“

Ich habe den Aufstieg der Strokes hautnah miterlebt. Ich habe ihre erste EP finanziert – und zahllose Taxis oder Leihautos nach Boston, oder wo immer sie gerade spielten. Aber ich glaubte an die Strokes, vom ersten Moment an. Ich liebte die Songs, aber was ich am meisten liebte: die Strokes live. Da sind sie besser als auf Platte, besser als alles. Deswegen finde ich, es ist ein regelrechtes Verbrechen, dass sie mit ihrer neuen Platte nicht auf Tournee gehen wollen. Live sind sie doch am besten! Aber gut, ich bin nicht ihr Manager, ich bin nur der Vater von einem Mitglied – und ein Freund von allen. Ich liebe diese Typen! Das sind tolle Kids, und sie haben eine Menge gelernt. Aber vielleicht haben sie auch noch eine Menge zu lernen. Da geht es mir aber nicht anders. Ich denke, wir lernen nie aus.