KISS

FRANCE-MUSIC-FESTIVAL
Wenigstens können Paul Stanley und Gene Simmons über das einzige Album ihrer Prä-Kiss-Band Wicked Lester „irgendwie kichern“.

Text: Ken Sharp

1971 waren Kiss noch nicht mal ein Funkeln in den Augen von Gene Simmons und Paul Stanley. Damals waren sie einfach nur ein paar weitere rumkrebsende New Yorker Musiker, die versuchten, ihre Rechnungen zu bezahlen – wenngleich Musiker mit mehr Ehrgeiz als die meisten. Simmons und Stanley waren nicht zufrieden damit, in örtlichen Clubs für ein bisschen Kleingeld Coverversionen runterzuleiern, sondern waren von Anfang an versessen darauf, Rockstars zu werden. Je schneller, desto besser. Erreichen wollten sie dieses Ziel mit Wicked Lester, einer fünfköpfigen Band mit Gitarrist Steve Coronel, Keyboarder Brooke Ostender und Schlagzeuger Tony Zarella. Vom überlebensgroßen Ansatz von Kiss waren sie noch weit entfernt und klangen eher wie der unwahrscheinliche Hybrid aus den Beatles und der Nitty Gritty Dirt Band.

Wicked Lester traten nur selten live auf. Stattdessen konzentrierten sie ihre Energie darauf, einen Plattenvertrag an Land zu ziehen. Ron Johnsen, der Hausproduzent der Electric-Ladyland-Studios, wurde ein früher Fan, nachdem er sie bei Proben in ihrem Loft in Chinatown gesehen hatte. Er war beeindruckt und nahm die Band unter seine Fittiche, um ein Album zu machen. „Wir wollten alle unsere liebsten Einflüsse zusammenbringen und basierend auf den neuen Songs zu einer Richtung verbinden“, erinnert sich Steve Coronel. „Free, Buffalo Springfield, The Move und die Beatles.“ Es gab da nur ein Problem: Wicked Lester hatten nicht das Geld, um das Studio selbst zu mieten. „Wir gingen tatsächlich ins Electric-Ladyland, wenn dort gerade frei war“, so Stanley. „Da konnten Wochen vergehen und dann gingen wir manchmal auch für 36 Stunden am Stück rein.“

Im Studio blieben Simmons und Stanley im Hintergrund. „An diesem Punkt unserer Karriere waren wir einfach nur froh, dort aufnehmen zu können“, gesteht Stanley. „Wir waren brave Jungs. Wir taten alles, was der Produzent uns sagte.“

Sie kamen nur langsam voran. Es dauerte ein Jahr, das Album einzuspielen, wenngleich sie so immerhin mehreren Künstlern begegneten, die auch dort aufnahmen, u.a. Jeff Beck, Stevie Wonder und Stephen Stills. Letzterer spielte sogar ein Solo auf dem Wicked-Lester-Stück ›Sweet Ophelia‹, was die Band jedoch für nicht gut genug befand und verwarf.

Das fertige Album war ein stilistisches Frankenstein-Monster, das barocken Pop (›Keep Me Waiting‹) ebenso enthielt wie Folk (›Molly‹), Prog-Rock (eine frühe Version des späteren Kiss-Klassikers ›She‹ mit Jethro-Tull-artigen Flöten) und sogar ein paar Stücke, die ein paar Jahre später auf der Tanzfläche des Studio 54 nicht fehl am Platz gewesen wären (Stanleys ›Love Her All I Can‹, ebenfalls später von Kiss aufgegriffen). Es beinhaltete auch viel Material von externen Songwritern, z.B. ›Sweet Ophelia‹ und ›Too Many Mondays‹ von Barry Mann aus dem Brill Building und eine Coverversion des wenig bekannten Hollies-Stücks ›We Wanna Shout‹, dessen Refrain „We wanna shout it out loud!“ dann in ›Shout It Out Loud‹ auf DE- STROYER (1976) recycelt wurde. „Es entstand über einen so langen Zeitraum, dass wenn auf einem aktuellen Hit eine Sitar war, wir eine Sitar in ein Lied einbauten. Das Ergebnis war ein Album ohne Fokus“, sagt Stanley über diese verworrene Herangehensweise.

Die Band hatte nach ein paar Stücken schon bei Epic Records unterschrieben. Als man dort das fertige Album hörte, beschloss das Label aber, es nicht zu veröffentlichen, nachdem der A&R-Chef Don Ellis sagte, dass er es „einfach nicht verstand“. Simmons und Stanley verstanden die Botschaft und begruben Wicked Lester. Rückblickend eine glückliche Entscheidung. „Paul und ich waren nicht zufrieden mit dem Album“, so Simmons. „Es hatte einen West- Coast-US-Hippie-Sound. Wir sahen einander an und beschlossen, eine neue Band zu grün- den: Kiss.“

40 Jahre später bleibt Wicked Lesters Werk offiziell unveröffentlicht. Epic wollte es 1977 auf den Markt bringen, um Profit aus dem Erfolg von Kiss zu schlagen, aber die Band bekam Wind davon und kaufte das Album vom Label zurück. 2001 erschienen drei Stücke (›Keep Me Waiting‹, ›She‹ und ›Love Her All I Can‹) auf einem Kiss-Boxset. Unvermeidlicherweise zirkuliert aber schon seit Jahren ein Bootleg.

Es hat zwar nicht die Leuchtbomben-Power von Kiss, aber ist durchaus anhörbar und zeigt die Vielseitigkeit von Simmons und Stanley in Bezug auf ausgefeilteres Material. Es gibt aber keine Pläne, es offiziell zu veröffentlichen – nach 40 Jahren Superman wäre es wie ein Treffen mit Clark Kent.

„Es ist nicht so, dass ich mich dafür schäme“, so Stanley. „Du lässt etwas lang genug los, die Zeit vergeht und dann kannst du irgendwie darüber kichern.“