Only God Forgives

only-god-forgives-poster-02Als die ersten Kinogänger nach der Premiere von Nicolas Winding Refns düsterer Rachestory in Cannes wieder an die frische Luft getreten waren und etwas verstört in die Nacht blinzelten, während aus einem nahen Lautsprecher der gespenstische Titelsong des Films das Publikum auf ihrem Nachhauseweg begleitete, war bereits deutlich, dass Refns Verwegenheit an Tollheit grenzte. Denn nachdem er sich mit seiner melancholischen Noir-Heldengeschichte „Drive“ zwei Jahre zuvor als großer Regiekönner gezeigt hatte, in dem er hartes Genre-Kino und gehaltvollen Arthaus vereinte, schraubten sich die Erwartungen an die erneuete Zusammenarbeit zwischen Refn und Ryan Gosling in höchste Sphären. Doch anstatt sich potentiellen zukünftigen Geldgebern anzubiedern und in „Only God Forgives“ mit einer Variation der erwiesenen Erfolgsformel aufzuwarten, nimmt sich Refns Folgefilm wie ein Tritt ins Gemächt von Hollywood aus. Die Geschichte um Expat und Drogenhändler Julian (Gosling), der nach dem Mord an seinem Bruder dessen Tod auf Geheiß seiner Mafia-Mutter Crystal (Kristin Scott Thomas) rächen soll, erscheint nämlich nur auf dem Papier derart klar herausgearbeitet. In Filmform entfaltet Refn seine Reise durch das meist nächtliche Bangkok nämlich als unterkühlten und hyperbrutalen Abstieg in die Hölle. In prächtige Bildern verpackt und formell über jeden Zweifel erhaben, lässt Refn die neonblitzende Rachestory als höchst atmosphärischen, in Hinblick auf Handlung jedoch zwischen skizzenhaft und mystisch abstrus changierenden Slow Motion-Frontalzusammenstoß zwischen unaufhaltsamem Racheengel und hilfloser Gangsterfraktion erstehen. Manchen „Drive“-Fan wird soviel Gewalt und Nihlismus vermutlich erschrecken, wer jedoch bereits Refns meditative Wikingermär „Walhalla Rising“ zu schätzten wusste, der wird auch an diesem symbolgeladenen Codein-Trip ins finstere Herz der Rache seine Freude haben.