Kingdome Come – Der Ausreisser

kingdom-come-outlier-4261Im Rennen um die längste Liste ehemaliger Musiker ist Lenny Wolf ganz vorne dabei. Seit er Kingdom Come 1989 in Los Angeles gründete, ist er das einzig permanente Mitglied. Das liegt nicht an ihm, beteuert der Hard Rock-Veteran – und er hat auch sein neues Werk OUTLIER praktisch allein eingespielt.

Wie hat es dieser Mensch eigentlich in den USA ausgehalten? Lenny Wolf ist durch und durch Hamburger. „Hier bin ich geboren, hier gehöre ich hin“, so seine in Stein gemeißelte Aussage. Er sieht sich mehr als Lebemensch denn als Workaholic, weiß die schönen Seiten des Lebens mehr zu schätzen als übervolle Terminkalender. „Ich bin ein Typ, der nur dann Musik macht, wenn er wirklich Bock darauf hat.“ Mittlerweile, so Lenny, hat die Welt endlich kapiert, dass er nicht hier ist, um Erwartungen zu erfüllen. Im Umkehrschluss heißt das zwar, dass Kingdom Come längst weit von ihren großen – und einzigen – Erfolgen in den späten Achtzigern entfernt sind. Das neue Album OUTLIER ist aber gerade deswegen ein durchaus launiges Stück Hard Rock zwischen Achtziger-Hymne und einem frischen Hauch geworden. „Schön, dass du es frisch findest“, freut er sich einen Wolf. „Auch wir kreativen Pappnasen sind ja manchmal auf göttliche Fügungen angewiesen. Und diesmal war es wohl wieder soweit.“

Er umso mehr als andere Bands, schließlich ist er komplett selbstverantwortlich. Darauf angesprochen, erwidert er gern Dinge wie: „Selbst damals, als ich Kingdom Come in L.A. gegründet habe, habe ich schon Rhythmusgitarren und Bässe eingespielt. Die anderen waren spielerisch einfach keine Leuchten.“ An Selbstbewusstsein herrscht in Hamburg kein Mangel. Ein sympathischer Zeitgenosse ist Lenny indes noch immer – noch dazu ein regelrecht tiefenentspannter. „Mein Testosteronspiegel ist gesunken, ich jage jetzt also nicht mehr alles, was auch nur verdachtsmäßig nach Frau aussieht.“ Entsprechend mehr Zeit bleibt ihm für seine Musik. Wenn er denn will. Und diesmal wollte er wieder. „Ich bin einmal mehr komplett ohne Masterplan an die Arbeit gegangen.“ Wie er es sagt, stöpselt er Instrumente und Aufnahmegeräte ein und wartet darauf, dass ihn die Muse küsst. Wahrscheinlich gehört doch ein wenig mehr dazu, insbesondere die vielen Loop-Spielereien lassen auf akribische Studioarbeit schließen.
Stets weit von jeglichen Trends entfernt, bietet auch OUTLIER kernigen Hard Rock der alten Schule, trägt unverkennbar den Stempel der Größten der Großen. Led Zeppelin, Bon Jovi, Skid Row – immer wieder umgarnt von Flächen, elektronischen Sounds und orchestralen Elementen. Gestern küsst heute, sozusagen. „Ich verweile gerne im Gestern, bin aber nicht in der Vergangenheit verhaftet“, so das Statement des Norddeutschen. Über den aktuell grassierenden Retrotrend freut er sich bei aller Trendlosigkeit seinerseits dennoch. „Es ist doch geil, wenn junge Leute die Axt aus dem Schrank holen und sich breitbeinig vor den Spiegel stellen, um den Rocker rauszulassen. So haben wir doch alle angefangen.“

Diesmal hat er seine neue Platte OUTLIER genannt, „Ausreißer“. Das passe wie die Faust aufs Auge, so Wolf: „Als Jugendlicher war ich ja drei Jahre im Heim und tatsächlich ein Ausreißer. Im Hinblick auf die Musik trifft es aber auch zu, weil ich mal wieder so viele verschiedene Dinge vereinige, dass sie ein Ausreißer ist.“ So wie irgendwie jede Platte, wenn man es genau nimmt. Auffallend ist dann aber doch, dass sie stellenweise wütend klingt, im Opener ‚God Doesn‘t Sing Our Song‘ eine echte Kampfansage bereithält. „Ich gehöre nicht zu den superreichen Musikern. Die sind mittlerweile nur noch Unternehmen. Deswegen habe ich im Studio den Stinkefinger extra weit ausgestreckt, weil ich etwas anderes als diese Kommerzgrütze abliefern wollte.“